Was bleibt
Christa Wolf wird 70
Als der Staat, dessen unbequeme Bürgerin sie war, den letzten Frühling erlebte, wurde Christa Wolf sechzig. Zugleich ging das Jahrzehnt der Katastrophenängste zu Ende, die Ost- und Westopposition zusammengeführt hatten und 1986 ihre Bestätigung im «Störfall» von Tschernobyl fanden. 1999 nun endet das Jahrzehnt, in dem die Väter und Mütter des gerechten Protests verabschiedet werden. Sie werden abgelöst von einer Geschichte, die die «Bewegung» als Familienerlebnis und Sinnfindung hinter sich liess. In diesen Prozess sind die sanften Rebellen des Ostens hineingewachsen, aus ihm wachsen sie nun hinaus. Christa Wolf wird siebzig. Es gilt, sie zu feiern und zu beglückwünschen.
Eine schwere Aufgabe, denn: Die zu ihrem Geburtstag erscheinende Sammlung neuerer Texte enthält neben drei Erzählungen und einem Essay Ehrungen und Würdigungen zuhauf, die zeigen, wen und was die Jubilarin selbst wertschätzt und wie sie es tut, wenn sie Böll, Grass, Heise, Fühmann, Kopelew, Hermlin und andere als Freunde und Mitstreiter lobt. Zugleich spiegelt dieses quasihistorische Familientreffen toter und lebender Engagierter, deren Texte die Schulbücher füllen, ihr Selbstbild und das der Ziele, für die sie schreibt in Worten, die Kriterien und Ansprüche markieren und darin zugleich verstören.
Gewissensfragen
An Franz Fühmann lobt die Schriftstellerin neben Mut, Solidarität und Kühnheit die «Radikalität, mit der er seine Irrtümer bekannte.» Lew Kopelew, «mutig, voll Zorn und Trauer», «gab das Beispiel, wie man Irrtümer überwinden, sich korrigieren, falsche Götter in sich stürzen und weiterleben kann». Böll verkörperte die Erfahrung, «mit unseren Anstrengungen, die Gesellschaft zu humanisieren, . . . mit unserer Einsicht in Versäumnisse, Irrtümer, Illusionen, unserer Trauer über den Verlust von Werten . . .» Der Leser erstarrt nicht nur vor der Schwere der Epitheta, die in ihrer Summe eine weihevolle Wucht erzeugen, sondern auch vor der rosenkranzgleichen Wiederholung des Dreischritts: heroische Eigenschaften Prüfung und Irrtum Selbstkritik und Überwindung.
Der Überbau, den die Autorin sich und ihren Gefährten zuschreibt, ist eine Mischung aus sozialistischem und protestantischem Heilsstreben, aus Parteitag und Predigt. Das Handeln besteht aus Pflicht, Fleiss, Leistung, Anstrengung und Arbeit. Gewissen ist seine Instanz: Heise besass «ein untrügliches Mass für moralisches oder unmoralisches Verhalten», Fühmann das «absolute Gehör für echte und unechte moralische Töne», Kopelew hatte «einen absoluten Sinn für Anstand und Menschlichkeit», Böll war eine «provozierende Instanz für Gewissensfragen». Und nicht nur, weil die Welt von widrigem «Zeitgeist», «Computern», «Bindungslosigkeit» und «Patriarchat» geprägt ist, sondern auch weil die protestantische Ethik keine weltliche Erlösung für den Sünder kennt, beglaubigt erst das Leiden die wahre menschliche Suche: durch «eingefallene Wangen», «tief eingekerbte» Züge, «tiefe Melancholie und Verzweiflung», «ungeheuerliche Gefährdungen», «Messer, die tief ins Fleisch schneiden», und immer wieder Schmerz und Tod.
Unerbittlich pietistisch war der Protestantismus im Osten immer; schon der Dichter Lenz zitterte unter der zermalmenden Moral seines Pastorenvaters. In der DDR verband sich der sozialistische Überwurf mit der religiösen Innerlichkeit zu jener kaum säkularisierten Moral, die heute aus den Texten Christa Wolfs spricht, wo der Entfremdungsbegriff mit der Paradiesvertreibung und das «Zeugnis», von dem hier so oft die Rede ist, mit der frohen Botschaft korrespondiert. Unmissverständlich verbindet sie das christliche Glaubensbekenntnis mit der historischen Aufklärung und der Utopie einer matriarchalen Versöhnung. Das harmonistische Geschichtsbild, dessen Leitlinien Gemeinschaft, Authentizität, Lebenssinn und Ganzheit lauten, ist «altmodisch» eine Qualität, die sie offensiv verteidigt. Doch wie verträgt es sich mit einer Entwicklung, die längst durch die «Aufklärung der Aufklärung» hindurchgegangen ist? In der zwischen Anpassung und Widerstand nicht mehr politisch korrekt unterschieden werden kann, wie die Debatte um das Berliner Mahnmal oder die Debatte um Martin Walsers Rede zur «Banalität des Guten» zur Genüge demonstrieren?
Christa Wolf hat unter den Bedingungen eines paranoiden Verfolgerstaates gelitten und gestritten. Als sie dieses Verfolgtsein (in der Erzählung «Was bleibt?») und ihre eigenen Kontakte zu den Stasi-Verfolgern dokumentierte, reagierten die deutschen Feuilletons mit einem eifersüchtigen «Na und?» und einer hämischen «Siehste»-Kampagne. Es scheint, als hätten diese bitteren Erfahrungen den Manichäismus verschärft, der in Christa Wolfs Werk immer deutlicher wurde und, spätestens mit «Kassandra», die leiseren Töne der frühen Bücher aufbrach. Der Essay «Von Kassandra zu Medea» schildert, wie die Frage nach dem Selbstzerstörungsdrang des Abendlands sie zu ihrem «Gang in die Tiefe der Zeit als Gang zu den Müttern» motivierte. Fortan standen Krieger wie «Achill, das Vieh» mit den «heutigen Raketenzerstörern» gegen Kassandra und all jene, die Christa Wolf familiär «Frida» (Kahlo) oder «Virginia» (Woolf) nennt. Das Thema des Menschenopfers: Wenn es in der Erzählung «Im Stein» einer Situation auf der «Schlachtbank» eines Operationstisches heisst: «Und doch versteinern wir ganz allmählich Schwester Medusa Stiefschwester Athene Fleisch von eurem Fleisch. Doch werden ihre Messer eure Spur in mir nicht finden» so ist neben der Lamm-Gottes-Assoziation die Identifikation mit den Märtyrerinnen perfekt.
Christa Wolf hat sich oft genug gegen den Stempel einer larmoyanten Moralistin wehren müssen. In ihrem Böll-Aufsatz lässt sie den guten Menschen von Köln dem Vorwurf der «Gesinnungsliteratur» begegnen: Ihn erhöben jene, die «die Hände ringen, wenn etwas, was ihrer Gesinnung nicht passt, sich als formal glänzend und somit gefährlich erweist». Doch im vorliegenden Band sucht man vergeblich nach formalen, ästhetischen Gedanken, obwohl es um Kunst und Künstler geht. Im Gegenteil: Der Wortschatz enthält alle Termini, die Adorno im «Jargon der Eigentlichkeit» aufzählte Auftrag, Begegnung, echtes Gespräch, Anliegen, Bindung «Kennmarke vergesellschafteten Erwähltseins, edel und anheimelnd in eins . . . Während er überfliesst von der Prätention tiefen menschlichen Angerührtseins, ist er unterdes so standardisiert wie die Welt, die er offiziell verneint.» Auch im «Weg zu den Müttern», den Wurzeln, hat Adorno ein Merkmal jener «metaphysischen Winterhilfe in Permanenz» erkannt.
Doch die Sprache der Heuchelei klang im Osten anders als im Westen. Christa Wolfs Literatur und Engagement offenbaren eine historische Ungleichzeitigkeit, die im Verhältnis zum Staat gründet. Die Zeit, in der man echtes Gefühl und persönliche Ohnmacht gegen den grossen Bruder mobilisierte, ging im Westen mit den siebziger Jahren zu Ende; im Osten dauerte der Aufstand der Gerechten bis 1989. Heute darf der Soziologe Norbert Bolz «die Pathosformeln des Pazifismus, die Rhetorik der Weltmoral, die Gesten der Solidarität, der Feminisierung der politischen Öffentlichkeit» als «Verlegenheitsgesten der gegenstandslosen Intellektuellen» bezeichnen. So zynisch sie klingt, deutet diese kühle Feststellung doch nur den Preis an, den zahlt, wer sich nicht weniger als der Rettung der Menschheit verschrieben hat und also nicht zuwenig, sondern zuviel Verantwortung beansprucht: eine ambivalente Haltung, die das Bewusstsein der Schwäche mit einem Mangel an Bescheidenheit paart.
Glanz und Ironie
Was bleibt? In den Kalifornien-Impressionen von 1993 beschreibt Christa Wolf einen Traum, der Berlin nach Los Angeles holt: «Kerzen brennen, die viele Menschen in den Händen tragen, sie rufen rhythmisch: Kei-ne Ge-walt! Es ist der erfüllte Augenblick, ich weiss es sogar im Traum.» Ohne die Christa Wolfs wäre dieser Traum nie Wirklichkeit geworden. Und mag auch die Szene, in der vier Frauen auf dem Highway «We shall overcome» singen, vielen «Wessis» noch so peinliche Erinnerungen an frühe jugendbewegte Lagerfeuerromantik aufdrängen: Ohne diesen Impuls wäre selbst «Kein Ort, nirgends» nie entstanden. Was bleibt, ist auch diese zarte Prosa, die wahrhaftig Glanz und stille Ironie zeigt; auf die man nicht verzichten kann, und sei es, weil sie entgegen dem in der Büchnerpreisrede formulierten Wunsch, die Literatur möge endlich einmal Folgen haben, so «unengagiert» leicht wirkt. Die Welt, zu der die Welt der Literatur gehört, wäre ärmer ohne Christa Wolf; dies bleibt.
Dorothea Dieckmann
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.