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Hierzulande Andernorts. Erzählungen und andere Texte 1994 - 1998
 
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Hierzulande Andernorts. Erzählungen und andere Texte 1994 - 1998 [Taschenbuch]

Christa Wolf
3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Taschenbuch: 218 Seiten
  • Verlag: Dtv (2001)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423128542
  • ISBN-13: 978-3423128544
  • Größe und/oder Gewicht: 19,4 x 12,1 x 1,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Christa Wolf
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Was bleibt

Christa Wolf wird 70

Als der Staat, dessen unbequeme Bürgerin sie war, den letzten Frühling erlebte, wurde Christa Wolf sechzig. Zugleich ging das Jahrzehnt der Katastrophenängste zu Ende, die Ost- und Westopposition zusammengeführt hatten und 1986 ihre Bestätigung im «Störfall» von Tschernobyl fanden. 1999 nun endet das Jahrzehnt, in dem die Väter und Mütter des gerechten Protests verabschiedet werden. Sie werden abgelöst von einer Geschichte, die die «Bewegung» als Familienerlebnis und Sinnfindung hinter sich liess. In diesen Prozess sind die sanften Rebellen des Ostens hineingewachsen, aus ihm wachsen sie nun hinaus. Christa Wolf wird siebzig. Es gilt, sie zu feiern und zu beglückwünschen.

Eine schwere Aufgabe, denn: Die zu ihrem Geburtstag erscheinende Sammlung neuerer Texte enthält neben drei Erzählungen und einem Essay Ehrungen und Würdigungen zuhauf, die zeigen, wen und was die Jubilarin selbst wertschätzt – und wie sie es tut, wenn sie Böll, Grass, Heise, Fühmann, Kopelew, Hermlin und andere als Freunde und Mitstreiter lobt. Zugleich spiegelt dieses quasihistorische Familientreffen toter und lebender Engagierter, deren Texte die Schulbücher füllen, ihr Selbstbild und das der Ziele, für die sie schreibt – in Worten, die Kriterien und Ansprüche markieren und darin zugleich verstören.

Gewissensfragen

An Franz Fühmann lobt die Schriftstellerin neben Mut, Solidarität und Kühnheit die «Radikalität, mit der er seine Irrtümer bekannte.» Lew Kopelew, «mutig, voll Zorn und Trauer», «gab das Beispiel, wie man Irrtümer überwinden, sich korrigieren, falsche Götter in sich stürzen und weiterleben kann». Böll verkörperte die Erfahrung, «mit unseren Anstrengungen, die Gesellschaft zu humanisieren, . . . mit unserer Einsicht in Versäumnisse, Irrtümer, Illusionen, unserer Trauer über den Verlust von Werten . . .» Der Leser erstarrt nicht nur vor der Schwere der Epitheta, die in ihrer Summe eine weihevolle Wucht erzeugen, sondern auch vor der rosenkranzgleichen Wiederholung des Dreischritts: heroische Eigenschaften – Prüfung und Irrtum – Selbstkritik und Überwindung.

Der Überbau, den die Autorin sich und ihren Gefährten zuschreibt, ist eine Mischung aus sozialistischem und protestantischem Heilsstreben, aus Parteitag und Predigt. Das Handeln besteht aus Pflicht, Fleiss, Leistung, Anstrengung und Arbeit. Gewissen ist seine Instanz: Heise besass «ein untrügliches Mass für moralisches oder unmoralisches Verhalten», Fühmann das «absolute Gehör für echte und unechte moralische Töne», Kopelew hatte «einen absoluten Sinn für Anstand und Menschlichkeit», Böll war eine «provozierende Instanz für Gewissensfragen». Und nicht nur, weil die Welt von widrigem «Zeitgeist», «Computern», «Bindungslosigkeit» und «Patriarchat» geprägt ist, sondern auch weil die protestantische Ethik keine weltliche Erlösung für den Sünder kennt, beglaubigt erst das Leiden die wahre menschliche Suche: durch «eingefallene Wangen», «tief eingekerbte» Züge, «tiefe Melancholie und Verzweiflung», «ungeheuerliche Gefährdungen», «Messer, die tief ins Fleisch schneiden», und immer wieder Schmerz und Tod.

Unerbittlich pietistisch war der Protestantismus im Osten immer; schon der Dichter Lenz zitterte unter der zermalmenden Moral seines Pastorenvaters. In der DDR verband sich der sozialistische Überwurf mit der religiösen Innerlichkeit zu jener kaum säkularisierten Moral, die heute aus den Texten Christa Wolfs spricht, wo der Entfremdungsbegriff mit der Paradiesvertreibung und das «Zeugnis», von dem hier so oft die Rede ist, mit der frohen Botschaft korrespondiert. Unmissverständlich verbindet sie das christliche Glaubensbekenntnis mit der historischen Aufklärung und der Utopie einer matriarchalen Versöhnung. Das harmonistische Geschichtsbild, dessen Leitlinien Gemeinschaft, Authentizität, Lebenssinn und Ganzheit lauten, ist «altmodisch» – eine Qualität, die sie offensiv verteidigt. Doch wie verträgt es sich mit einer Entwicklung, die längst durch die «Aufklärung der Aufklärung» hindurchgegangen ist? In der zwischen Anpassung und Widerstand nicht mehr politisch korrekt unterschieden werden kann, wie die Debatte um das Berliner Mahnmal oder die Debatte um Martin Walsers Rede zur «Banalität des Guten» zur Genüge demonstrieren?

Christa Wolf hat unter den Bedingungen eines paranoiden Verfolgerstaates gelitten und gestritten. Als sie dieses Verfolgtsein (in der Erzählung «Was bleibt?») und ihre eigenen Kontakte zu den Stasi-Verfolgern dokumentierte, reagierten die deutschen Feuilletons mit einem eifersüchtigen «Na und?» und einer hämischen «Siehste»-Kampagne. Es scheint, als hätten diese bitteren Erfahrungen den Manichäismus verschärft, der in Christa Wolfs Werk immer deutlicher wurde und, spätestens mit «Kassandra», die leiseren Töne der frühen Bücher aufbrach. Der Essay «Von Kassandra zu Medea» schildert, wie die Frage nach dem Selbstzerstörungsdrang des Abendlands sie zu ihrem «Gang in die Tiefe der Zeit als Gang zu den Müttern» motivierte. Fortan standen Krieger wie «Achill, das Vieh» mit den «heutigen Raketenzerstörern» gegen Kassandra und all jene, die Christa Wolf familiär «Frida» (Kahlo) oder «Virginia» (Woolf) nennt. Das Thema des Menschenopfers: Wenn es in der Erzählung «Im Stein» – einer Situation auf der «Schlachtbank» eines Operationstisches – heisst: «Und doch versteinern wir ganz allmählich Schwester Medusa Stiefschwester Athene Fleisch von eurem Fleisch. Doch werden ihre Messer eure Spur in mir nicht finden» – so ist neben der Lamm-Gottes-Assoziation die Identifikation mit den Märtyrerinnen perfekt.

Christa Wolf hat sich oft genug gegen den Stempel einer larmoyanten Moralistin wehren müssen. In ihrem Böll-Aufsatz lässt sie den guten Menschen von Köln dem Vorwurf der «Gesinnungsliteratur» begegnen: Ihn erhöben jene, die «die Hände ringen, wenn etwas, was ihrer Gesinnung nicht passt, sich als formal glänzend und somit gefährlich erweist». Doch im vorliegenden Band sucht man vergeblich nach formalen, ästhetischen Gedanken, obwohl es um Kunst und Künstler geht. Im Gegenteil: Der Wortschatz enthält alle Termini, die Adorno im «Jargon der Eigentlichkeit» aufzählte – Auftrag, Begegnung, echtes Gespräch, Anliegen, Bindung – «Kennmarke vergesellschafteten Erwähltseins, edel und anheimelnd in eins . . . Während er überfliesst von der Prätention tiefen menschlichen Angerührtseins, ist er unterdes so standardisiert wie die Welt, die er offiziell verneint.» Auch im «Weg zu den Müttern», den Wurzeln, hat Adorno ein Merkmal jener «metaphysischen Winterhilfe in Permanenz» erkannt.

Doch die Sprache der Heuchelei klang im Osten anders als im Westen. Christa Wolfs Literatur und Engagement offenbaren eine historische Ungleichzeitigkeit, die im Verhältnis zum Staat gründet. Die Zeit, in der man echtes Gefühl und persönliche Ohnmacht gegen den grossen Bruder mobilisierte, ging im Westen mit den siebziger Jahren zu Ende; im Osten dauerte der Aufstand der Gerechten bis 1989. Heute darf der Soziologe Norbert Bolz «die Pathosformeln des Pazifismus, die Rhetorik der Weltmoral, die Gesten der Solidarität, der Feminisierung der politischen Öffentlichkeit» als «Verlegenheitsgesten der gegenstandslosen Intellektuellen» bezeichnen. So zynisch sie klingt, deutet diese kühle Feststellung doch nur den Preis an, den zahlt, wer sich nicht weniger als der Rettung der Menschheit verschrieben hat und also nicht zuwenig, sondern zuviel Verantwortung beansprucht: eine ambivalente Haltung, die das Bewusstsein der Schwäche mit einem Mangel an Bescheidenheit paart.

Glanz und Ironie

Was bleibt? In den Kalifornien-Impressionen von 1993 beschreibt Christa Wolf einen Traum, der Berlin nach Los Angeles holt: «Kerzen brennen, die viele Menschen in den Händen tragen, sie rufen rhythmisch: Kei-ne Ge-walt! Es ist der erfüllte Augenblick, ich weiss es sogar im Traum.» Ohne die Christa Wolfs wäre dieser Traum nie Wirklichkeit geworden. Und mag auch die Szene, in der vier Frauen auf dem Highway «We shall overcome» singen, vielen «Wessis» noch so peinliche Erinnerungen an frühe jugendbewegte Lagerfeuerromantik aufdrängen: Ohne diesen Impuls wäre selbst «Kein Ort, nirgends» nie entstanden. Was bleibt, ist auch diese zarte Prosa, die wahrhaftig Glanz und stille Ironie zeigt; auf die man nicht verzichten kann, und sei es, weil sie entgegen dem in der Büchnerpreisrede formulierten Wunsch, die Literatur möge endlich einmal Folgen haben, so «unengagiert» leicht wirkt. Die Welt, zu der die Welt der Literatur gehört, wäre ärmer ohne Christa Wolf; dies bleibt.

Dorothea Dieckmann -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung

Eine Sammlung von Prosatexten, Reden und Aufsätzen Christa Wolfs. Neben drei Erzählungen und Selbsterfahrungsberichten stehen Reden auf Schriftsteller aus Ost und West, Essays zur Bildenden Kunst und eine "Musikalische Meditation zu Joseph Haydn".

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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Lust auf mehr 14. Oktober 2001
Von Ein Kunde
Format:Taschenbuch
In 20 unterschiedlichen allesamt nach der Wende zwischen 1994 und 1998 entstandenen Beiträgen erfährt der Leser auf 218 Seiten einiges über das kritische und einfühlsame Denken der 1929 im brandenburgischen (heute polnischen) Landsberg an der Warthe geborenen Autorin. In ihren Texten und Erzählungen spricht Christa Wolf engagiert Problemfragen der Zeit an. Sie macht es ihren Lesern nicht immer leicht, bringt sie zum Nachdenken.

In verschiedenen Nachrufen, Reden und öffentlichen Briefen erinnert Christa Wolf in teilweise sehr persönlichen Worten an Weggefährten wie Franz Fühmann, Wolfgang Heise, Stephan Hermlin oder Irmtraud Morgner, deren Namen ein in den alten Bundesländern aufgewachsener Leser, der sich nicht für DDR - Literatur interessiert, nicht unbedingt kennen muß. Bekannter sind da schon Personen wie Günter Gaus, Lew Kopelew, Heinrich Böll oder Günter Grass. Glänzend ihre Kurzhommage "Verwundet" an die mexikanische Malerin Frida Kahlo, in der sich deren innere Zerrissenheit widerspiegelt. Meisterhaft das Portrait der von ihr verehrten internationalen Jüdin mit britischem Paß Charlotte Wolff in "Gegen die Kälte der Herzen".

Bemerkenswert ist die Würdigung ihres Kollegen Heinrich Böll zu dessen 80. Geburtstag in "Mitleidend bleibt das Herz doch fest". Christa Wolf beschränkt sich darin nicht auf das literarische Werk des Kölner Schriftstellers, sondern geht weiter auf eine politische Ebene. Im Mittelpunkt steht die - mitunter fehlende - Aufarbeitung der westdeutschen Nachkriegsrealität als Produkt 12 brauner Jahre (so verweigert Böll seinen Romanfiguren strikt die Selbsttäuschung einer "Stunde Null"). In 20 überaus lohnenden Seiten erfährt der Leser sehr viel aus der Perspektive einer vor kurzem noch Außenstehenden über das bundesrepublikanische Deutschland nach 1945.

Fesselnd schließlich auch der Workshop - Bericht "Von Kassandra zu Medea", in dem Christa Wolf uns nicht nur Einblick gewährt in ihre Arbeitsweise im historischen Umfeld der Antike, sondern sie uns auch ihre Begeisterung über die alten griechischen Dichter und Denker als Protagonisten des klassischen Altertums vermittelt, des unerschöpflichen Brunnens, aus dem sich - wie auch jüngst von Dietrich Schwanitz festgestellt - das Abendland seit langer Zeit speist.

Fazit : Sieht man einmal von wenigen schwächeren Beiträgen wie den meditativen Gedanken zu Joseph Haydns "Missa in Tempora Belli" und der Gratulation in "Salute, Talpe!" zum 15 jährigen Bestehen eines italienischen Verlages ab, so kann 'Hierzulande Anderorts' ohne weiteres allen empfohlen werden, die sprachlich und intellektuel anspruchsvolle Lektüre schätzen, Christa Wolf noch nicht kennen und einen informativen Einblick in ihre Schaffenskraft erhalten wollen. Durch das vorliegende Taschenbuch bekommt man Lust auf mehr von von Christa Wolf.

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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Joroka TOP 500 REZENSENT VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Gebundene Ausgabe
Es gibt abertausende Bücher, die in diversen Bibliotheken vor sich hinstauben (ich oute mich: genau dort habe ich dieses aufgefunden). Als ich das Buch gelesen habe, meinten einige Bekannte in meinem Umfeld: Christa Wolf, nein danke... kennen wir als Pflichtlektüre aus der Schulzeit. Nun, an mir ist sie vorüber gegangen. Als Erstversuch nun also: Hierzulande Andernorts. Eine Ansammlung von über 20 Kurzgeschichten bzw. Artikel, die zu verschiedenen Anlässen geschrieben wurden. Nun, wirklich hängen geblieben ist nur eine: "Wüstenfahrt". Ein witziger und nachvollziehbarer Erfahrungsbericht einer "Erlebnistour" durch eine amerikanische Wüste mit unorganisierten Einheimischen, sowie weiteren Landsleuten. Der Rest: Zum Teil nett zu lesen, zum Teil überflüssig. Danke aber dir Christa, dass ich durch dich auf die schildernde Person der Charlotte Wolff aufmerksam gemacht wurde in dem Artikel "Gegen die Kälte der Herzen".
Kam man schon mal lesen, wenn man nichts besseres in der Nähe hat, unverzichtbar ist es jedoch nicht. Bisschen viel DDR allemal.
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