Der populäre und angesehene Kunsthistoriker Hans Belting bringt seinen Ruf (zumindest in Wissenschaftskreisen) durch Vielschreiberei zusehends in Gefahr. Das Buch über Boschs vielgedeuteten „Garten der Lüste" enthält zwar neue und qualitätsvolle Abbildungen, die etwa zwei Drittel der Publikation einnehmen, der Text referiert jedoch altbekannte Forschungsergebnisse, die zudem an entscheidender Stelle unvollständig sind. So gelangt Belting zu der irrigen Annahme, der „Garten der Lüste" zeige die Utopie einer Menschheit, wie sie Wirklichkeit geworden wäre, wenn Adam und Eva nicht den Sündenfall begangen hätten. Die Mitteltafel von Boschs Gemälde zeigt aber die Parodie des Paradieses, eine verkehrte Welt voller Sünde und Torheit, so wie sich die Zeitgenossen Boschs die Menschheit nach dem Sündenfall und vor der Sintflut vorstellten. Diese Vorstellung tradieren die verbreiteten spätmittelalterlichen Weltchroniken (z.B. Dirc van Delf). Die Ikonographie (wilde Leute, schwarzhäutige Menschen, Männer die um Frauen kreisen, Früchte, etc.), die Köpersymbolik (akrobatische Nacktheit=Sünde und Torheit)und die Bildstruktur (Verkehrung der symbolischen Schöpfungsordnung) stützen diese Bedeutung. Belting widmet sich jedoch nicht der Analyse von Boschs Triptychon als Kunstwerk, um darauf eine fundierte Interpretation aufzubauen, sondern schildert in bunten Zügen die höfische Welt eines Heinrich III. von Nassau, indessen Besitz sich der „Garten der Lüste" befand, um so die Eigenart des Werks zu erklären. Von der Utopie-These ausgehend, die ja in der kunsthistorischen Forschung längst ad acta gelegt ist, knüpft Belting an Thomas Morus' berühmtes Buch „Utopia" an. Das hat zwar mit Boschs Kunst nicht viel zu tun, klingt aber gut. Statt dem Betrachter bzw. Leser die Ästhetik und Bildmotive von Bosch näher zu bringen und verständlich zu machen, begnügt sich Belting mit der Darlegung von Theorien auf Basis unreflektierter Prämissen. So behauptet der Autor unsinniger und clicheehafter Weise, der „Garten der Lüste" hätte wegen seiner erotischen Freizügigkeit und künstlerischen Autonomie vor der kirchlichen Autorität bzw. der Inquisition verheimlicht werden müssen. Dabei sahen zwei reisende Geistliche (de Beatis, Kardinal d'Aragon) das Triptychon ohne Anstoß zu nehmen. Ferner finden sich im Sakralraum durchaus mit Boschs Bild vergleichbare Darstellungen obszöner und/oder grotesker nackter Körper. Die Inquisition spielte zu Boschs Zeiten in den Niederlanden überhaupt keine Rolle. Die Gleichsetzung von Kirche mit Sexualfeindlichkeit und Adel mit libertärer Sinnenfreundlichkeit ist m.E. falsch und eine moderne Projektion. Beltings Buch ist ein Schnellschuss, wie man ihn von einem Kunsthistoriker seines ‚Kalibers' eigentlich nicht erwarten würde. Letztlich reiht es sich in die spekulativen und oft auch spektakulären Deutungen des „Gartens der Lüste" ein, die mit Wilhelm Fraenger 1947 ihren Anfang nahmen.