Die verstorbene Mutter, die der Ich-Erzähler John auf einer Parkbank in Lissabon trifft, die sagt einmal, du machst den Eindruck, als ob du deine Biographie schreiben würdest; tu das nicht. John Berger, sicher der unbritischste aller britischen Schriftsteller, hat sich daran gehalten. Er hat keine Autobiographie geschrieben, sondern er hat über andere geschrieben und nebenbei sich selbst mit eingebracht. Dadurch merkt man eigentlich viel mehr, wer er wirklich ist.
Es ist ein Buch, welches alle möglichen literarischen Arten wie Essay, Erzählung, Reisebericht und Anekdote miteinander vermischt. Es ist auch ein Buch das ständig Grenzen überschreitet, nicht nur geographische Grenzen, sondern auch Grenzen zwischen Leben und Tod, Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit. John Berger erweckt nicht nur seine vor fünfzehn Jahren verstorbene Mutter, die nun plötzlich an allen möglichen Plätzen in Lissabon auftaucht. Er schreibt in dem Buch über Lissabon, Genf und Krakau, trifft dabei auf viele Weggefährten, berichtet über in Erinnerung gebliebene Begegnungen, über schmerzvolle Abschiede, über allerlei Sichtbares und vielerlei Verborgenes.
In Krakau begegnet er seinem ehemaligen neuseeländischen Aushilfslehrer, der eigentlich derjenige war, der ihn auf dem englischen Internat, das er besuchen musste, mit der großen Literatur bekannt gemacht hat. Er hat ihm als erster so etwas wie stilvoll schöne Maxime mitgegeben, in dem er ihm erklärte, für einen guten Schriftsteller sind häufig die Nebensachen die Hauptsachen.
Und so verzweigt sich denn auch dieses Buch in zahlreiche Nebengeschichten, lauter Nebensachen, dabei treten unendlich viele Personen auf, Lebende und Tote. Der Autor entwirft eine unglaubliche Karte der Zärtlichkeit, von unglaublich großer, einzigartiger berührender Schönheit. Er besticht in seinen Erzählungen immer wieder durch eine ganz große Gelassenheit, durch eine zupackende Zärtlichkeit.
Ere sagt einmal von sich, ich habe das Leben immer wichtiger gefunden als das Schreiben. Man spürt auch tatsächlich jeden Augenblick, dass dieser Mann wirklich lebt und gelebt hat. Es ist alles so beiläufig bei ihm, alles wird im Beschreiben leicht. Er lässt alles so kommen, entwickelt eine sinnliche, feinsinnige Freiheit gegenüber den Dingen des Alltags, zwingt die Welt nicht in Begriffe, sondern lässt sie aufscheinen. Einmal berichtet er im Kapitel mit den Früchten, wie über ein Stillleben und dann kommen mittendrin plötzlich wirklich handfeste politische Geschichten. Diese Vielfältigkeit lässt den Leser hoffen, dass dieses Buch so schnell nicht aufhört.
Es ist einfach gesagt ein Buch, was man sich vom Autor vorlesen lassen möchte, ein Buch das gute Laune macht, ein Buch, das den Leser glücklich macht. Ich kann es mit Nachdruck und Leidenschaft, aus vielerlei Gründen empfehlen, auch weil es ein völlig anderes autobiographisches Buch ist, als viele andere die auf dem Büchermarkt bisher erschienen sind.