In der diesjährigen Mai-Ausgabe des Rolling Stone sagte Heinz Rudolf Kunze im Interview bezüglich der Langlebigkeit im Musikbusiness und allgemein gesunkener Verkaufszahlen von Tonträgern: "Ich kann nur hoffen, dass meine Hörer so ähnlich veranlagt sind wie ich, nämlich leidenschaftliche Sammler. Dass es ihnen nicht reicht irgendwas herunterzuladen und zu brennen. Wenn ich Musik haben will, dann kauf' ich sie mir, weil ich Musik gern im Regal habe und rausnehme und in den Booklets blättere. Ich möchte Musik - genau wie Bücher - als Objekt bei mir haben. Es ist eine grundsätzliche Entscheidung, ob man Musik auch als Wertobjekt achtet oder ob man sie als akustische Tapete betrachtet. Ich kann mich überhaupt nicht in jemanden hineinversetzen, der von einem Künstler nur ein Lied haben will. Wenn mich jemand interessiert, dann will ich alles von dem haben, ich will auch seine schwachen Momente. Ich will wissen, warum ist das gelungen und das nicht. Ich will es vergleichen und vielleicht zu anderen Schlüssen kommen als die Öffentlichkeit und sagen: 'Moment mal, hier ist ein Track auf Album XY, den überhaupt noch keiner gewürdigt hat. Der ist ganz toll! ..." Da überkommt mich ein dickes Sympathie-Gefühl und ich möchte ihn Bruder nennen, seelenverwandter Musiksüchtling.
Um den Faden aufzugreifen, schwache Momente, die man auch haben will, gab es auf den HRK Alben der jüngeren Vergangenheit einige zu wollen. So manch ein anerkannter Heinzologe tat sich schon 2003 mit dem Album "Rückenwind" schwer, weil dort Heiner Lürig, der Band-Leader und Haupt-Komponist, der gefühlt seit der Errichtung der Pyramiden von Gizeh zu Kunze gehörte wie Lennon zu McCartney oder Samson zu Tiffy, nicht mehr dabei war. Ich will mir an dieser Stelle nicht verkneifen zu erwähnen, dass ich "Rückenwind" für außerordentlich gelungen halte. Lürig kehrte für vorerst (wer weiß was die Zukunft bringt) zwei Alben wieder zurück und "Das Original" (2005) stellte die Kunze-Stammkundschaft weitgehend zufrieden - aber die breite Masse nicht wirklich, sie interessierte es nicht sonderlich.
Nun mag es den meisten Kunze-Liebhabern ja herzlich schnuppe sein, wo sich das jeweils neue Album der Marke HRK in den Charts platziert, ihm selbst ist es das nicht. Kunze hat nie behauptet, ausschließlich für das hochintellektuelle Destillat unserer Gesellschaft musizieren zu wollen und versucht daher immerfort die Symbiose aus Hirn, Herz und Tanzbein. Der absolute Gleichklang aller drei wesentlichen Komponenten gelingt fast nie, vielleicht am ehesten auf "Wunderkinder" (1986), "Brille" (1991) und "Halt" (2001).
Nun wurde der Schwerpunkt bei den Studio-Alben in den letzten Jahren zuweilen doch etwas arg auf das Tanzbein gelegt. Was sich bei "Klare Verhältnisse" (2007) als deutliche Tendenz ausgab, wurde auf "Protest" (2009) intensiviert und kulminierte Anfang letzten Jahres auf "Die Gunst der Stunde" in für HRK doch zum Teil arg ungewöhnlicher Trivialität. War "Längere Tage" vom Protest-Album ein nicht nur ohrwürmiger, sondern auch vollkommen origineller und auch textlich gut gemachter Pop-Hit, war "Hunderttausend Rosen", der Vorbote zur nächsten Platte, dann doch schon fast eine Beleidigung und irgendwie nur noch Tanzbein, beinah ohne Hirn. Das galt so dann natürlich nicht für das ganze Album, doch fürchtete so mancher Kunze-Kopf-und Herz-Bevorzuger, dass HRK nun bald mit Andrea Berg zur Tat schreiten würde - öffentlich, auf der Bühne, singend! Die Befürchtung ist natürlich vollkommen unbegründet, weil vermutlich selbst eine abgetragene Socke von Kunze eine höhere intellektuelle Flughöhe erreichen würde, als das Liedgut der werten Frau Berg. Aber sie hat schönere Beine, sorry Heinz!
Und apropos Duett: Anfang diesen Jahres kam dann auch tatsächlich mit "Ich bin" ein Album randvoller Duette. Nein, nicht mit Berg & Co., sondern mit einer durchaus ruhmvollen Gästeschar, aber so bestürzend unoriginell umgesetzt, dass der ganze Sinn dieses Albums offenbar wirklich nur darin lag, der neuen Plattenfirma Sony/Ariola die Rechte an den alten HRK-Hits zu beschaffen und darum die Arrangements der Neuaufnahmen der Klassiker aus der Zeit in der Kunze bei der Warner/Wea war (1981- 2003) so nah wie nur irgend möglich am Original zu lassen.
So sehr es einen nun auch würgt, der Plan ging auf, die Alben erreichten immer neue Chart-Höhen, sogar die Top-10 wurden wieder erreicht.
Vielleicht ist das zumindest zum Teil der Grund, dass es "Hier rein, da raus" so überhaupt gibt. Nach den zwei Live-Alben mit sehr hohem Textanteil (also klarer Schwerpunkt: Kopf!) "Kommando Zuversicht" und "Räuberzivil", die bereits 2006 und 2009 parallel zum Sony-Vertrag bei der kleinen Firma Rakete Medien veröffentlicht wurden - und für viele Heinzologen die besseren Alben der letzten Jahre sind - ist nun "Hier rein, da raus" das erste vollwertige Studio-Album was außerhalb erscheint. Das muß man ja mal lobend erwähnen. Es ist höchst ungewöhnlich und unüblich, dass eine Plattenfirma das gestattet - ich kenne ohne lang zu recherchieren keinen zweiten Fall!
Und da dieser Artikel hier ja eigentlich eine Rezension zu eben jenem neuen Album werden soll, kommen wir jetzt zu der entscheidenden Frage: wie ist es denn nun?
Toll!
(Es wäre garantiert ein riesenhafter Spaß, die Kommentare zu lesen, würde die Rezi hier enden)
Ich will nun nicht mit Superlativen um mich schmeißen, das hat Kunze schon selbst besorgt. Er bezeichnet "Hier rein, da raus" als sein weißes Album (das legendäre Doppel-Album der Beatles und für viele ihr insgesamt bestes). Und wer bin ich Wurm, dem Meister zu widersprechen? Er hat Recht. Er hat einfach Recht!
Man könnte auch sagen, sein bestes Album seit 1980. Und verflixt, wahrscheinlich gerade deshalb wird es nicht sein erfolgreichstes werden.
Er hat in diese Platte(n) einfach alles hinein gelegt, was in den letzten Jahren etwas zu kurz kam: Gedanken in alle nur denkbaren und vor allem auch undenkbaren Richtungen. Verquer (Heinemann und der Norweger / Redefreiheit), tief (Es ist Krieg / Tja), bissig polemisch (Die Gefahr), ungekitscht emotional (Lied für Berlin), augenzwinkernd kritisch (Im nächsten Leben werd ich Spielerfrau / Nimm es nicht persönlich) und so derb plump albern, dass es schon wieder Kunst ist (Sitz).
Musikalisch ist die Platte Popfrei. Sie ist zubereitet mit erlesenen Zutaten aus Folk, Blues, Country und einer winzigen Priese Rock, ein kleinwenig Chanson vielleicht und vielen undefinierbaren Geräuschen bei den Nicht-Liedern.
Kurz, 34 neue Stücke, 21 Lieder und 13 instrumentierte Texte, lassen im Kunze-Universum mit reichlich hellen Gedankenblitzen einen neuen Stern entstehen.
Um Bezug nehmend auf Kunzes Interview-Ausschnitt oben zu schließen: Es hat Spaß gemacht aus den letzten Alben die Perlen, die es zweifelsohne gegeben hat, herauszufischen. Auf "Hier rein, da raus" muß man nicht fischen, sie kullern einem der Reihe nach vor die Füße.
Ob "Hier rein, da raus" wirklich das beste Kunze-Album ist, möge jeder selbst entscheiden und das lässt sich vermutlich auch erst mit den Jahren herausfinden. Ins obere Drittel gehört es definitiv und das Beste der letzten Jahre ist es ebenso. Das lege ich jetzt hier einfach mal so fest.