"Heutzutage kann niemand mehr ohne technische Hilfsmittel überleben - niemand. Technik gehört zu unserem Menschsein, ob dir das gefällt oder nicht. Und ob man irgendwann körperlich damit verschmilzt, ist nur noch ein gradueller Unterschied." (S. 283)
Mit Spannung hab ich auf die Fortsetzung von "Black Out" gewartet, und hier ist sie nun endlich: "Hide Out" ist erschienen. Und sie steht ihrem Vorgänger in nichts nach. Es geht genauso spannend und beklemmend weiter; die Kohärenz wirkt permanent wie eine unsichtbare Bedrohung, die einen schon an der nächsten Hausecke überwältigen kann. Interessanterweise schafft Eschbach es, die Erscheinung der Kohärenz auf einen ganz aktuellen Bezug zu lenken. Er liefert mit der Kohärenz und ihrem Wirken Erklärungsansätze für Weltwirtschaftskrise, für die bankrotten Banken, für die aktuelle Lage in der Welt. Dadurch wirkt das ganze Szenario tatsächlich nicht mehr so "abgehoben" und absonderlich - was eigentlich erschreckend ist.
Die Handlung wird auch diesmal vorrangig aus der Sicht von Christopher und Serenity erzählt, auch wenn Herr Eschbach Serenity hier in meinen Augen etwas wenig Spielraum zugedacht hat. Von ihr erfährt man diesmal leider nicht allzuviel, auch ihre Gedanken und ihre Angst kommen nur hintergründig zum Tragen. Das fand ich ziemlich schade, denn gerade diese wechselnde Perpektive der beiden, die ja unterschiedliches Wissen, unterschiedliche Vergangenheiten und unterschiedliche Hintergrundinformationen haben, hat den Einblick in "Black Out" so interessant gemacht. Stattdessen begleitet der Leser hier vorwiegend Christopher in der gesamten "Aussteiger-" Gruppe um Serenitys Vater, die versuchen, vor der Kohärenz zu flüchten und ihr nebenbei ein Schnippchen zu schlagen. Sie sehen sich zunehmend einem zu starken unbesiegbaren Feind gegenüber, fühlen sich machtlos. Doch nach und nach fangen die Gruppenmitglieder an, zu hinterfragen, ob die Kohärenz wirklich und ausschließlich schlecht ist, ob sie tatsächlich nur Nachteile bringt. Oder ob sie nicht sogar ihre "Berechtigung" hat, weil sie die nächste Stufe in der Entwicklung des technisierten Menschen ist: "Kann es nicht sein, dass die Kohärenz schlicht und einfach der nächste Schritt in der menschlichen Evolution ist?... Denn wenn das so sein sollte... dann kämpfen wir einen sinnlosen Kampf." (S. 281)
Mir gefällt das Gedankenspiel, das Herr Eschbach hier durchspielt, immer besser; schon im ersten Teil "Black Out", aber hier erst recht. Man fängt an, seinen Alltag, seine alltäglichen Hilfsmittel mit ganz anderen Augen zu betrachten, den ganzen technisierten Tag und auch die zahlreichen sozialen Netzwerke zu hinterfragen. Und sich zu fragen, wo wir eigentlich in gut 100 Jahren stehen werden.
Fazit:
Die Geschichte um Christopher nimmt immer mehr Fahrt und Spannung auf und ich warte jetzt schon ungeduldig auf den 3. Teil der Reihe. 5 Sternchen.