Die Firma Gerriets aus Umkirch ist weltweit der einzige Hersteller von Bühnenvorhängen. In Ostbevern ist der Sitz der CEAG AG, die jedes vierte Handyladegerät der Welt produziert. 70% aller Straßenfräsen stammen von der Firma Wirtgen aus dem Westerwald und die Firma Hillebrand aus Mainz führt die Hälfte aller globalen Weintransporte durch.
Zehn Jahre nach der Veröffentlichung seines internationalen Bestsellers "Hidden Champions" veröffentlicht Prof. Dr. Hermann Simon, Vorsitzender der Geschäftsführung der Unternehmensberatung Simon, Kucher & Partners, sein neues Buch "Hidden Champions des 21. Jahrhunderts. Die Erfolgsstrategien unbekannter Weltmarktführer". In 12 Kapiteln analysiert Simon die verschiedenen Parameter des außergewöhnlichen Erfolgs dieser Unternehmen. Dazu kann er auf eine wohl einzigartige, in 20 Jahren gewachsene Datenbasis hinsichtlich der "Hidden Champions" zurückgreifen, bestehend aus öffentlichen und halböffentlichen Informationen, sowie eigenen empirischen Untersuchungen. Stark geprägt wird das Buch zudem durch seine zahlreichen persönlichen Erfahrungen aus seiner Beratertätigkeit für genau diese Firmen.
Zunächst untersucht Simon die Wachstumsstrategien der Unternehmen, von Wachtumsgiganten wie dem Schraubenhersteller Würth in Künzelsau-Gaisbach, bis hin zu Wachstumsabstinenzlern wie der Orgelbaufirma Klais in Bonn. Es folgt eine Darstellung erfolgreicher Marktabgrenzungsstrategien und Fokussierungen der "Hidden Champions": Porzellan für die gehobene Gastronomie, Musik für Kaufhäuser, Aufzüge und Telefonwarteschlangen, oder Clips für Wurstpellen mit dazugehörigen Maschinen sind nur einige Beispiele für die oft engen Märkte, in denen sich die "Hidden Champions" bewegen und die sie sich selber schaffen.
In einem ausführlichen Kapitel zur Globalisierung stellt Simon dar, dass die "Hidden Champions" dem Globalisierungsprozess nicht hinterherhinken, sondern vielmehr dessen treibende Kräfte sind. "Think global - act local" mag für viele Firmen nur eine Worthülse sein: Der Nadelhersteller Groz-Beckert setzt es durch die Finanzierung von Chinesisch-Kursen an der Realschule an seinem Hauptstandort Albstadt um.
Fünfmal so viele Mitarbeiter wie in Großunternehmen stehen bei "Hidden Champions" in regelmäßigem Kontakt mit dem Kunden. Simon zeigt auf, wie durch eine Strategie der Dezentralisierung und der vielfältigen Interaktion mit dem Kunden Kundennähe zu einem wichtigen Erfolgsfaktor wird; einer der Faktoren, warum "Hidden Champions" weniger über den Preis konkurrieren als andere Unternehmen.
In dem mit "Innovation" überschriebenen sechsten Kapitel wird die langfristige Orientierung der Firmen veranschaulicht. F&E Investitionen im Bereich von 10% bis 20% des Umsatzes wie bei der Firma Windpilot in Hamburg, einem Hersteller von Windsteuersystemen für Segelyachten, sind eher die Regel als die Ausnahme. Auch die Forschungseffizienz ist beeindruckend: Die "Hidden Champions" bleiben mit sehr viel geringerem Aufwand als Großunternehmen dauerhaft innovativ. Der Vergleich des VW-Konzerns, der einen F&E Aufwand von über ¤ 5 Mrd. pro Patent betreibt, mit Voith Paper, einem Hersteller von Papierschneidemaschinen und einem Forschungsaufwand von ¤ 193 Mio. pro Patent, macht dieses deutlich. Dieser Vergleich mag im Einzelfall hinken, sagt er doch nichts über die Qualität und die Wertschöpfungsmöglichkeiten der einzelnen Patente aus. Die von Prof. Simon dargestellten Zahlen für diverse Unternehmen und Forschungseinrichtungen können das Wesentliche, nämlich die Innovationsfähigkeit der "Hidden Champions", aber überzeugend darstellen.
Weitere Kapitel widmen sich den Themen "Wettbewerb", "Finanzierung", "Mitarbeiter" und "Führung". In jedem einzelnen Kapitel konstatiert Simon Anhand von Zahlenmaterial und eigenen Erfahrungen die Erfolgsmerkmale der "Hidden Champions" und schildert anschauliche Beispiele.
Im letzten Kapitel fasst Hermann Simon seine Ergebnisse in mehreren Lehren zusammen: Den Kern bilde die Unternehmensführung: Gelingt es ihr, ambitiöse Ziele zu formulieren und die Mitarbeiter zu mobilisieren? Das geht nur mit einer starken Mannschaft. Die konsequente Ausrichtung auf Hochleistungsmitarbeiter ist die zweite Lehre. Tiefe in der Produktion zur Qualitätssicherung, also größerer Abstand vom Outsourcing, konsequente Dezentralisierung von Entscheidungsprozessen und Fokus auf den eigenen, eng definierten Markt sind Lehren, die in starkem Gegensatz zu gängigen Managementmethoden stehen. Das Ablegen nationaler Beschränkungen ist selbstverständlich für den Erfolg auf dem Weltmarkt. Simon identifiziert als größte Herausforderung jedoch die Internationalisierung der Mitarbeiter. Dauerhafter Erfolg basiere auf Innovation. Stetige kleine Verbesserungen in enger Abstimmung mit den Kunden seien dabei typischer als große Durchbrüche. Als letzte Lehre stellt er dar, dass Kundenorientierung wichtiger sei als Wettbewerbsorientierung. Aus diesen Lehren entwickelt er abschließend kurze Handlungsempfehlungen für kleine, mittlere und große Unternehmen, für Investoren, für Länder und für Regionen.
Sein Fazit für die "Hidden Champions" lautet dabei: "Sie zeigen sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen und werden diese mit Bravour meistern."
Wer mit Interesse die Unternehmensnachrichten in der Fachpresse liest, den wird dieses Buch fesseln. Die gelungene Mischung aus wissenschaftlicher Analyse, persönlicher Erfahrung und konkreten Firmenbeispielen macht das Buch für einen weiten Leserkreis interessant. Unternehmen oder Manager werden Anregungen für das tägliche Geschäft oder die Strategie des eigenen Unternehmens finden. Politiker - von Kommunal- bis Bundesebene - erhalten Anregungen für die Ausrichtung der praktischen Wirtschaftspolitik. Wer allgemeines Interesse an Themen wie Wirtschaft, Politik, Unternehmensethik oder Globalisierung zeigt, bekommt einen Blickwinkel präsentiert, der sich in dieser konzentrierten und anschaulichen Form sonst kaum finden lässt.
Von ganz besonderem Interesse ist das Buch aber für Personen in ähnlichen Situation wie meiner eigenen: für Studierende, die sich mit dem Eintritt in das Wirtschaftsleben oder in die Forschung beschäftigen. Nach der Lektüre erscheint das Interesse an Großkonzernen - nach wie vor die beliebtesten Arbeitgeber bei Absolventen - altbacken und langweilig. Die Vielzahl der Firmenbeispiele machen Freude auf die Aussicht, sich im Rahmen der Forschung oder der Berufswahl nicht länger mit trägen Großkonzernen auseinanderzusetzen, sondern viel mehr mit den agilen, innovativen, internationalen und erfolgreichen "Hidden Champions". Dieses Buch macht richtig Spaß.
Johannes Flosbach, Universität zu Köln