Hicksville
Leonard Batts ist ein Nerd, genauer gesagt einer, der sein Hobby, die Comics, zum Beruf gemacht hat. Er schreibt für das amerikanische Comics-World-Magazin, und hat auch schon eigene Bücher über die 9. Kunst geschrieben, zum Beispiel über die Legende Jack Kirby.
Auf der Suche nach einer ebensolchen Legende, oder besser dessen Wurzeln, fliegt er nach Neuseeland. In dem kleinen Ort Hicksville wuchs der Künstler Dick Burger auf, der mit Comics ein Medienimperium geschaffen hat, welches sogar Time Warner Paroli bieten kann. Nun will Leonard erforschen, was Dick Burger zu dem Mann gemacht hat, der durch seinen Comic „Captain Tomorrow“ weltberühmt wurde. Ist es die isolierte Lage der Stadt, die gute Landluft oder das Klima?
In Hicksville angekommen, stellt er fest, daß Dick Burger nicht den besten Ruf im Ort hat, obwohl buchstäblich jeder Einwohner an Comics interessiert ist, und nicht nur an dem amerikanischen Mainstream, sondern an den ungewöhnlichsten Untergrundwerken, die man sich vorstellen kann. Seine Verwunderung wird noch größer, als er in der örtlichen Bibliothek gleich mehrere Ausgaben von Action Comics #1 findet, denen niemand besondere Beachtung zu schenken scheint. Hat niemand den Wert des Heftes mit dem ersten Auftritt von Superman erkannt?
Zur gleichen Zeit reist Sam Zabel, ebenfalls Bürger von Hicksville, in die USA, um Dick Burger zu treffen. Dieser soll für seine Werke öffentlich geehrt werden, und Zabel, der ihn von Kindesbeinen an kennt, soll eine Laudatio halten. Zabel selber kann von seinen Zeichnungen für das Kindermagazin Moxie und Toxie nur schlecht als recht leben. Umso mehr verwundert es, daß Burger ihn als Zeichner für die Bestsellerserie Lady Night einsetzen möchte. Was steckt hinter dem Jobangebot?
Fazit:
15 Jahre hat es gedauert, bis Hicksville in deutscher Sprache erschien. Die Präsentation des Bandes von Reprodukt in großformatigen Softcoverband ist gelungen. Die Schwarzweißzeichnungen kommen auf dem dicken Papier gut zur Geltung.
Autor und Zeichner Dylan Horrocks hat in dieser 250 Seiten umfassenden Graphic Novel eine Liebeserklärung an den klassischen amerikanischen Superheldencomic verfaßt. Die ganze Geschichte ist gespickt mit vielen Anspielungen, die Freunde dieses Genres frohlocken lassen. Wem die Namen Stan Lee, Jack Kirby, Jim Shooter oder Todd Mcfarlane etwas sagen, wird seine Freunde haben. Letzterer ist der große Mann hinter Image Comics, der sich aus dem Zeichnergeschäft zurückgezogen hat, um mit seinem eigenen Verlag und Merchandise Millionen zu machen. Dick Burger jedoch faltet ihn am Telefon regelmäßig zusammen... So vermischt Horrocks das reale Comicgeschäft mit dem fiktionalen Imperium von Dick Burger. Auch ein Gastauftritt von Stan „The Man“ Lee darf natürlich nicht fehlen. Excelsior!
Aber auch Leser mit weniger Hintergrundwissen werden mitgenommen. Im Anhang sind viele der Anspielungen erläutert.
Man merkt dem Band an, daß Horrocks voll in dem Medium Comic aufgeht. Am Anfang des Bandes erläutert er, passenderweise ebenfalls in Comicform, wie er von Kindesbeinen seine Liebe für Comics wie „Tim und Struppi“, „Die Mummins“ und diverse Superhelden entdeckte. Da wird sich mancher Leser wiedererkennen.
Spannend, daß Dylan Horrocks selbst in die Mühlen der Comicindustrie geraten ist. Nach dem Erfolg von Hicksville wurde er z.B. von DC unter Vertrag genommen, wo er Batgirl schrieb – eine Zeit, an die er sich nur ungern erinnert, da er da auch die Tiefen der Brache zu spüren bekam.
Derzeit hat er glücklicherweise mehrere Graphic Novels in Planung, wie er auf der letzten Frankfurter Buchmesse verriet. Mich würde es freuen, mehr von ihm hierzulande zu sehen.
(project:equinoX)