Eher zufällig stieß ich auf diesen Kopfhörer und die Diskrepanzen von Gut bis Böse, die man hier in den Rezensionen liest, haben mich so neugierig gemacht, dass ich mir einfach ein eigenes Urteil bilden wollte. Gleich vorweg, einige 5-Sterne-Rezensionen schienen mir auch zu übertrieben, aber bei einigen negativen fiel mir auf, dass so mancher Rezensent offenbar andere Erwartungen an den Kopfhörer hatte. Vergleich: Ich kaufe mir einen Porsche 911 und gebe 2 Sterne, weil mir das Fahrwerk zu hart ist.
Meine Voraussetzungen:
Ich verfüge über ein doch recht gutes Gehör. Resultierend aus meiner Sehbehinderung und der Tatsache, dass ich sowohl mit Instrumenten, als auch mit Studiotechnik aktiv umgehen kann. So fühle ich mich hinter einem Mischpult, vor einem Instrument oder dem Mikrofon, als auch vor einem Lautsprecher oder unter einem Kopfhörer zuhause. Sprich ich kenne mich aus, wie Musik entsteht, wie Musik klingen muss und wie man diese genießt. Ich verteufele MP3 nicht unbedingt, gehöre aber auch zu denen, die jahrelang eine Nautilus besitzen und ihre Anlage an einem separaten Stromkreis betreiben, unterwegs es aber auch durchaus reicht, mit Handy, 80 kbps MP3 und einem Koss Porta Pro die Zugfahrt zu überbrücken.
Es gibt abgestimmte Kopfhörer und Lautsprecher, die speziellen Kundenkreisen vorteilhafter erscheinen. Bass- und Höhenahhebung, wie sie bei Bose praktiziert werden, mögen vielen gefallen (mir allerdings gar nicht). Das sind aber nicht diejenigen, die Neutrlität und Präzision den Vorzug geben. Diese Zielgruppe braucht gar nicht weiterlesen und sollte den deutlich günstigeren Koss Porta Pro bevorzugen. Klar ist auch, dass es vom Prinzip egal ist, ob gute Musik über einen Hi- oder Lo-Fi-Hörer gehört wird, die Musik wird man immer gleich mögen. und da passt sich mitunter das Gehör auch an, auch isst das Auge gelegentlich mit. Aber der "Gänsehaut-Effekt" kann nur dann auftreten, wenn die Musik so direkt an das Gehör gelangt, als würde man selbst in einem schalltoten Raum bei der Abmischung beiwohnen. Die Frage war für mich, ob das so ein Kopfhörer leisten kann.
Testumfeld:
Meine etwas übertriebene Referenz sind hier neben meinen Nautilus-Lautsprechern der Sennheiser HD 800 an einem Lehmannaudio Linear Kopfhörerverstärker, der mit hochwertiger, digitaler Musik (CD-Qualität und High-Resolution Audio) über den USB-Eingang befüttert wird. Da eine Fachzeitschrift den P5 in der Bestenliste unweit vom HD 800 platzierte, soll dieser Vergleich gerechtfertigt sein, auch wenn ich auf Testurteile nichts gebe. Da der Lehmannaudio vielleicht etwas zu kraftvoll für diesen niedrig ohmigen Kopfhörer ist, soll mein Colorfly C4 Pro als Zuspieler herhalten, der auch mühelos und in traumhafter Qualität den HD 800 antreibt. Als Musik wählte ich die Referenz-CDs für den HD 800 von Stockfisch, sowie weitere Musikstücke, auf die ich unten noch eingehen werde. Bei 26 Ohm wählte ich den Eingang für niederohmige Kopfhörer und zog zudem noch den Koss Porta Pro hinzu, den ich seit 15 Jahren gerne unterwegs nutzte. Des Weiteren, aber nicht ausschlaggebend, ist ein Technics DJ-Kopfhörer, den ich zum Abmischen meiner Audio-Produktionen verwende.
Zum P5:
Es wurde hier viel geschrieben, wobei Tragekomfort und auch Verarbeitungsqualität sicher subjektiv sind. Meiner Ansicht nach trägt sich der Hörer über längere Zeit gut, der Memory-Schaum passt sich wohl mit der Zeit wirklich an. Etwas ungewöhnlich ist die komplette Leder-Umspannung der Muschel, die auf den Ohren liegt und theoretisch dafür sorgen müsste, dass der Schall nicht ganz unmittelbar von der Membran zum Ohr geleitet wird, da jede Bespannung zumindest theoretisch (genau wie ein Mikrofonwindschutz) filtern könnte. Aber mein Test beruhte auf dem Kopfhörer in seiner Gesamtheit, zerlegen wollte ich ihn eigentlich nicht. ;) Wie manch Rezensent schrieb, ist das Verbindungskabel recht dünn gehalten. Warum man nicht wenigstens das Klinkenkabel in hochwertiger Qualität beiliegt, bleibt mir ein Rätsel, zumal das Verbindungskabel zwischen den Hörern selbst sogar stoffummantelt ist und hochwertiger wirkt. Schön ist das kleine Seitenfach in der Tasche, in welcher das iPod-Kabel und der 6,3mm-Adapter passt. Apropos iPod, den habe ich nämlich nicht getestet, da dieser vom Wandler - egal ob iPhone oder iPod Classic - zu minderwertig ist und der Dynamikbereich der Verstärkerchen eher unterdurchschnittlich ist (am HD 800 nachvollzogen). Wenn dieser Kopfhörer High-End sein soll, sollte man also die gesamte Zuspielerkette auch in entsprechender Qualität belassen. Da ändert auch nichts dran, dass B&W die Apple-User als primäre Zielgruppe zu sehen scheint.
Nun zum Klangvergleich:
Da ich mir sehr gut Höreindrücke bei gleicher Musik einprägen kann, reichte es aus, die selbe Voraussetzung zu nutzen, wie ich sie seit einigen Monaten mit em HD 800 gewohnt bin. Ganz simpel war es daher sinnig, die hochwertige Musik vom Colorfly einfach an den P5 zu übergeben. Gleiches habe ich mit dem Koss Porta Pro gemacht, wobei das Ziel war, den "Gänsehautfaktor", nicht die Klangfarbe alleine zu ermitteln. Wie oben beschrieben ist Musik Musik und egal, welche Abhöranlage man verwendet, das Gehör passt sich auch psychoakustisch entsprechend an. Daher kann man bei ständigem Hin und Her höchstens die Klangfarbe eines Hörers vergleichen, nicht aber, wie gut und intensiv man mit ihm tatsächlich Musik genießen kann.
Als ich dann durch meine diverse Musik blätterte, deren Stildichtungen alles umfasst, Klassok, Pop, Rock, Jazz, Electro, war ich dann doch ziemlich erstaunt, dass der "Gänsehaut-Faktor" bei Dire Straits Sultans Of Swing ebenso auftrat, wie bei Sara K.'s hervorragenden Gesangs- und Gitarrenkünste. Ich hätte diesem Hörer die Nähe zur Musik nicht so zugetraut.
Beim Koss Porta Pro beispielsweise, der sehr gut abgestimmt ist, spielt es keine Rolle, mit was man ihn füttert. er klingt am Colorfly bei gleicher Musik und sogar bei 24 Bit und 96 KHz gut, aber nicht nah. Das könnte man vergleichen, als schaut man einen HD-Film auf einem Fernseher mit PAL-Auflösung, bei dem das Bild zwar gut, aber nicht Full-HD aussieht. Der P5 entlockte dem Colorfly eine enorme Präzision und Luftigkeit. Mir ist beispielsweise nie aufgefallen, dass der Lead-Sänger von Clowns & Helden im Song Ich liebe dich einen so extremen Nahbesprechungseffekt verursacht, während er das Intro spricht. Das fiel mir nicht mal bei meinen Nautilus auf, als ich dieses Stück kürzlich hörte. Der HD 800 hätte den Sänger sicherlich ebenso gut enttarnt, aber dieses Stück habe ich mit diesem noch nicht gehört.
Da ein Rezensent dem Kopfhörer besonders bei Rock-Musik Unpräzision unterstellte, testete ich ihn mit einigen Stücken von I Blame Coco. Hierbei konnte ich nicht feststellen, dass er bei dichten Musikarrangements an Präzision verliert, im Gegenteil. Es war zwar nicht so, als hätte ich mir immer auf den Kopf gefasst, ob mir nicht doch nicht heimlich einer meinen HD 800 aufgesetzt hätte, aber mich erstaunte schon die gelieferte Präzision. Das hätte ich, anhand der negativen Rezensionen nicht ansatzweise erwartet.
Die Bühne:
Mit der Bühne bezeichnet man die Fähigkeit eines Kopfhörers oder auch Lautsprechers, wie sich geringste Unterschiede der Positionen von Stimmen und Instrumenten abzeichnen und wie dynamisch der Hörer die "Schärfentiefe" beherrscht. Dies könnte man mit Farb- und Schärfeverläufen in einem Foto vergleichen, wenn man beispielsweise einen Sonnenuntergang fotografiert und ermittelt, wie realistisch die Farbgebung aussieht und der Schärfeverlauf des entfernteren Wassers.
Man sollte allerdings bedenken (was viele nicht tun), dass bei Studioaufnahmen jedes Instrument einzeln (teils auch mit mehreren Mikrofonen) abgenommen, teilweise komprimiert und auch mit EQ angepasst, durch einen Effekt geleitet und zum Ganzen zusammen geführt wird. Hier kann man eigentlich nicht von Bühne sprechen, da es ja quasi keine gibt. Dennoch ist es möglich, die Instrumente voneinander abzugrenzen und z. B. zu hören, wie tief und weit man in den Halleffekt bei der Überlagerung der Instrumente hinein hören kann. Generell kann man zwar davon ausgehen, dass Studiomusik auch mit bestmöglichem Equipment gemischt wird, allerdings stelle ich fest, dass die Pop-Musik immer "billiger" wird, auch klanglich. Da geht es um schnellen Profit und es nimmt sich keiner mehr Zeit für saubere Ergebnisse, die solch ein Equipment natürlich auch ganz schnell enttarnt.
Oder anders: MP3 klingt auf einem Handy gut, auf einer High-End-Anlage um ein Vielfaches schlechter, da jede kleinste Nuance aufgedeckt wird (siehe Beispiel oben mit dem Fahrwerk).
P5 vs. Porta Pro:
Vergleiche ich den P5 mit dem Porta Pro, ist seine Bühne nicht überragend besser, das heißt: Wie es bei einem Kopfhörer ist, bei dem die Muscheln direkt auf dem Ohr liegen. Die Räumlichkeit im Sinne der Dynamik und Tiefe ist hingegen um ein Vielfaches deutlicher und lassen auch kleinste Nuancen hervortreten. Diese fehlen beim Porta Pro, der ansonsten stimmig klingt, vielleicht etwas "fruchtiger", während der P5 zwar neutral, aber abgestimmt auf die B&W-typischen Klangeigenschaften (etwas "herber") daher kommt.
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