Hinter dem Schleier verbergen sich drei bewegende Lebensgeschichten von Frauen, die der Willkür ihrer muslimischen Väter und/oder Familien ausgesetzt sind. Hier soll nur von der ersten Geschichte die Rede sein, die den Titel trägt "Noch einmal meine Mutter sehen". Es handelt sich um einen Tatsachenbericht von Zana Muhsen, die in England aufgewachsen ist und kurz vor ihrem sechzehnten Geburtstag mit ihrer etwas jüngeren Schwester Nadja einen Urlaubsbesuch in den Jemen unternimmt. Nadja war von Freunden des Vaters eingeladen worden, die aber erst ein paar Wochen später mit ihr reisen können. Großzügig erhält Zana von ihrem Vater die Erlaubnis, schon mal voraus zu fahren. Bei ihrer Ankunft eröffnet ihr der bis dahin sehr freundliche Abdul Khada, ein weiterer Freund ihres Vaters, der sie sozusagen als Reiseführer begleitet hat, daß sie bereits von England aus von ihrem Vater verheiratet wurde. Ihr Ehemann, erfährt sie ganz beiläufig, ist Khadas vierzehnjähriger Sohn Abdullah. Mit diesem Schock beginnt für die völlig englisch geprägte Zana ein achtjähriger Leidensweg mit Sklavenarbeit in einem entlegenen und schwer zugänglichen Gebirgsdorf im Jemen. Schlimmer als die schwere und primitive Arbeit bei glühender Hitze - im Haus und auf steinigem Wüstenboden, zu dessen Bestellung ständig von den Frauen Wasser den Berg hinauf geschleppt werden muß - ist die völlige Rechtlosigkeit, mit der sie ihrem Mann, seiner Familie und sämtlichen Nachbarn ausgeliefert ist. Zwar wird sie von den Frauen des Dorfes bemitleidet, aber keine kann sie aus dieser Situation befreien. Im Gegenteil. Diese Frauen, selber jeder Willkür ihrer Männer ausgesetzt, halten ihre Lage für ganz normal. Dagegen aufzubegehren ist für sie eine Schande. Ihre Rechtlosigkeit wird vom Gesetz bekräftigt. Ein Netzt von Versippungen, Zuträgern, Kumpanen dunkler Geschäfte, das bis Saudi Arabien und England reicht, verbunden mit Korruption in Ämtern und Behörden, ermöglicht es Zanas Schwiegervater Khada, auch dann über ihr Verhalten informiert zu sein, wenn er monatelang im Ausland arbeitet. Ihre Briefe an die Mutter werden ständig abgefangen, unter anderem auch von ihrem Vater. So kann sie ihre Schwester nicht vor dem warnen, was ihr bevorsteht. Khada schlägt sie bei seiner Rückkehr erbarmungslos, wenn sie sich seinen Anordnungen widersetzt hat. Nadja wurde ebenfalls bereits in England, ohne es zu wissen, von ihrem Vater für 1300 Dollar an den zehn oder zwölfjährigen Sohn des vermeintlichen Gastgebers als Ehefrau verkauft. Sie erleidet ein ähnliches Schicksal wie Zana, die von Khada und seiner Familie gewaltsam gezwungen wird, den Beischlaf mit ihrem schwächlichen Mann zu vollziehen und dann auch ein Kind zur Welt bringt. Sie gibt jedoch nicht auf, um ihre Freiheit zu kämpfen, auch wenn sie allmählich Schritt für Schritt die Gewohnheiten der jemenitschen Frauen annimmt, das Kopftuch umbindet, den Schleier trägt und unter dem langen dunklen Rock die vorgeschriebenen langen Hosen. Erst nach Jahren kommt sie in einer größeren Stadt bei einer medizinischen Untersuchung mit einem Arzt in Kontakt, der in Europa studiert hat und bereit ist zu helfen. Über ihn gelingt es endlich, Post zu ihrer ahnungslosen Mutter nach England zu schmuggeln. Mum hatte zwar bereits ihre Befürchtungen, als ihre Tochter von der Urlaubstour nicht zurückkehrte und jahrelang fortblieb, wußte aber nicht, was ihr wirklich widerfahren war. Zumal Zana von Schwiegervater Khada unter Schlägen gezwungen worden war, glückselige Briefe nach England zu schreiben, die dann natürlich nicht abgefangen wurden. Zanas Mutter, die inzwischen von ihrem Mann geschieden ist, setzt nun alle Hebel in Bewegung, um ihre Tochter aus dem Jemen heraus zu holen. Und da erst wird richtig erkennbar, wie intrigant, korrupt, verlogen, verschlagen und intolerant dieses ganze jemenitsche Staatssystem ist. Alle Vorgänge werden verschleppt, immer neue Fallen werden gestellt, Versprechen und Zusagen nach Belieben gebrochen oder verdreht. Eine mutige Journalistin des Observer, die sich des Falls angenommen hat und Zana in ihrem Dorf aufspürt, was in jener abgeschiedenen Region unerhört schwierig ist, wird unter Druck gesetzt, verfolgt und mit dem Tode bedroht. Sie muß aus dem Land geschmuggelt werden, da die Gefahr besteht daß, Regierungsstellen sie ins Gefängnis werfen lassen. Zana Muhsen kommt schließlich nur frei, indem sie ihren Jungen in Jemen zurück läßt, zu dem sie eine innige Beziehung hat, obwohl er Kind einer Vergewaltigung ist. Nach den dortigen Gesetzen hat allein der Vater das Recht auf die Kinder. Wobei es in erster Linie um die Söhne geht. Töchter zählen lediglich als Objekte, die für die Fortpflanzung an den Meistbietenden verkauft werden können. Zana ist stark genug, über eine Trennung von ihrem Sohn hinweg zu kommen. Sie weiß, daß er es als Junge gut haben wird unter diesem Pack. Für ihre Schwester Nadja, die auf gleiche Weise ein Mädchen geboren hat, wäre es fast unmöglich, die Tochter allein zurück zu lassen. Mit ihrem erschütternden Tatsachenbericht führt Zana Muhsen dem Leser die Realität orientalisch-arabisch-muslimischer Zustände vor, die alle Romantik in den Köpfen vieler Europäer über diese Völker ad absurdum führt. Wobei die Betonung auf dem Begriff "Völker" liegt. Denn das wird deutlich, es sind nicht einfach irgendwelche von Regierungen herbeigeführten Mißstände, die hier an den Pranger gestellt werden, sondern es sind die von einer Macho-Gesellschaft beherrschten Traditionen und Gesetze dieses Volkes, die lediglich von den gleichgesinnten staatlichen Institutionen mit ihren Machtmitteln durchgesetzt werden. In diesen Auffassungen bilden Volk und Staat eine Einheit. Es ist eine uns nicht nur fremde, sondern feindliche Mentalität. Der Bericht wird einfach und anschaulich erzählt. Obwohl er keine literarischen Ambitionen verrät, besitzt er doch eine intensive innere Spannung, die sich einfach aus der Wirklichkeit der Vorgänge ergibt. Es geschieht ja für uns etwas Unglaubliches. Der Leser weiß von vornherein, daß Zana eines Tages freikommen wird, denn sonst hätte sie ihre Geschichte nicht schreiben können. Aber wie lange das dauert, und wie die Umstände sich fügen, wie der Umschlag von der bloßen Hoffnung in die Aktivität ihrer Befreiung erfolgt, das könnte ein professioneller Schriftsteller kaum besser erfinden. Vielleicht hat ihr ein solcher auch zur Seite gestanden. Doch das ist nur eine Vermutung und täte der Geschichte keinen Abbruch. H.G.Angloff