Mit "Her von welken Nächten" entfesselten Dornenreich fast 5 Jahre vor ihrem Folgealbum "Hexenwind" einen wahrhaften Sturm leidenschaftlich-intensiver, hoch emotionaler Musik über uns. Viel hat sich in dieser Zeit getan! Nachwievor sind Dornenreich intensiv, leidenschaftlich und hoch emotional, dennoch klingt "Hexenwind" sehr viel ruhiger und gelassener als ihre bisherigen Veröffentlichungen. Die Band hat den Fuß vom Gaspedal genommen, geht gelassener vor, vor allem aber sind die E-Gitarren kaum noch verzerrt. Ich hätte nach der "Her von welken Nächten" entweder ein metallisches Gewitter vergleichbar zu eben diesem Album und der "Bitter ist's dem Tod zu dienen" oder ein Akustikalbum im Stile der akustischen Tracks dieser beiden Scheiben erwartet, nicht aber einen eher alternativ-rockigen Stil - so mein erster Eindruck. Bei weiteren Hördurchläufen merkte ich jedoch, wie nah dieser alternativ-rockige Stil eigentlich den akustischen Songs kommt...
Stimmlich schließen Dornenreich an ihre Leistungen auf "Her von welken Nächten" an: Evíga haucht, raunt, wispert, flüstert, singt und schreit wie man ihn auf den Akustiktracks der beiden Vorgängeralben hört und Valñes' Singstimme wird nachwievor akzentuiert eingesetzt. Geschriene Vocals dominieren nicht mehr so das Spiel, wie auf bisherigen Releases - sie werden deutlich akzentuierter eingesetzt, was wohl neben den kaum verzerrten Gitarren die deutlich ruhigere Wirkung des Albums hervorruft.
Die Songauswahl bildet eine gelungene Mischung aus unverzerrten und geringfügig verzerrten, sowie aus akustischen Passagen (näher an "Mein Publikum - der Augenblick" und "Hier weht ein Moment..." als an "Mein Innerwille ist mein Docht"). Dabei fokussiert "Hexenwind" auf den magisch-mystischen, märchenhaft-phantasievollen Aspekt bisheriger Werke wie "Reime faucht der Märchensarg", legt diesen aus dem Bereich des Nicht-Unwesentlichen ins absolute Zentrum ihres musikalisch-künstlerischen Schaffens:
"Übe dich in Phantasie, die alte Kunst, gebrauche sie."
Dornenreich leben ihre Musik, gehen voll in ihr auf, vermitteln eine Leidenschaft in ihr, wie kaum eine andere Band es vermag - vor allem das ist es, was ich an Dornenreich schätze. "Hexenwind" klingt anders als ihre bisherigen Veröffentlichungen, weniger metallisch als gewohnt, aber es klingt nachwievor nach Dornenreich. Es kommt einem Akustikalbum stilistisch nahe, streng genommen ist es aber kein Solches. Für jeden Dornenreichfan, der über den metallenen Tellerrand bisheriger Alben hinausschauen kann, ist die Scheibe natürlich ein Pflichtkauf, aber auch jeder andere, der leidenschaftliche Musik schätzt, sollte mal in "Hexenwind" reinhören - egal welchen (alternativen) Musikstil man bevorzugt: Dieses Album lässt jedwede Genregrenzen hinter sich. Ein wundervolles Werk.
Anspieltipps: "Der Hexe flammend' Blick" und "Zu Träumen wecke sich, wer kann"