Schön, dass solche Bücher geschrieben werden, schön, dass immer wieder Autoren beweisen, was für unwiderstehliche Geschichten man innerhalb des viel geschmähten Genres erzählen kann. Mit beneidenswerter Sprachkraft und nicht minder beneidenswertem Einfühlungsvermögen bringt Katerina Timm uns das Schicksal ihrer Figuren nahe, sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern verlässt sich auf die Stärke ihres Stoffs und breitet ihn souverän und frei von Effekthascherei vor dem Leser aus.
Lene und Clara sind zwei völlig gewöhnliche Mädchen mit völlig gewöhnlichen Träumen, die mit ihrer völlig gewöhnlichen Familie in einer völlig gewöhnlichen Ortschaft leben. Darauf, dass sich sowohl der Dreißigjährige Krieg als auch der Höhepunkt der Hexenverfolgung ihr Leben als Plattform aussuchen, ist keine von ihnen im Mindesten vorbereitet - über Nacht müssen sie einem Sturm standhalten, der ihre Welt um sie aus den Angeln bläst. Dass Katerina Timm aus ihren völlig gewöhnlichen Figuren keine Helden macht, sondern sich liebevoll und sorgsam um sie bemüht und ihnen ihre Würde lässt, verwandelt Figuren in Menschen und macht diese Geschichte von Todesangst und Überlebenswillen zu einer, die Parallelen in allen Epochen findet und mit ihrem Nachklang lange beim Leser bleibt.
Die überstrapazierte Floskel gut recherchiert" erhält Hexenschwester" verdient. Katerina Timm hat sichtlich nicht nur unreflektiert einen Stapel Sachbücher durchgeackert, sondern Zeit mit einer fernen Zeit verbracht. Sinnliche Details, die beim Lesen Bilder schenken, sind mit Augenmerk ausgewählt, die Fakten des Hintergrunds unaufdringlich verteilt und verständlich aufbereitet. Die Figuren bewegen sich in einem glaubhaften Rahmen, und der Respekt, mit dem die Autorin der fremden Epoche begegnet, ist einen erleichterten Seufzer wert.
Nicht zuletzt: Der Roman "Hexenschwester" enthält eine herzzerreißende Liebesgeschichte, bei der auch jeder, der grundsätzlich und im historischen Roman erst recht Liebesgeschichten hasst, getrost zugreifen darf. Keine sexy old ages, sondern eine leise Geschichte von Liebe und Tod, die erstaunliche Wärme schenkt - wohl weil sie weder mit kühler Routine noch mit an Torschlusspanik gemahnender Fieberhitze, sondern mit der nämlichen Wärme geschrieben wurde.
Ich wünsche diesem besonderen Roman viele Leser, vor allem aber vielen Lesern diesen Roman.
Ein Buch, das Zauber, Charisma und Eigensinn besitzt, eine Aufwertung für den historischen Roman und ein großes Leseerlebnis.