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Hexenkessel: Roman
 
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Hexenkessel: Roman [Taschenbuch]

Colin Forbes
1.1 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (17 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

An der Küste Kaliforniens wird die Leiche einer jungen Frau angespült. Wochen später strandet 6000 Meilen entfernt eine weitere - völlig identische-Wasserleiche ...

Über den Autor

Colin Forbes, geboren 1923 in London, ist einer der erfolgreichsten Thrillerautoren der Welt. Seine Bücher werden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. In seinen Thrillern verarbeitete Colin Forbes seine Eindrücke von ausgedehnten Reisen in Asien, Europa und Amerika, weshalb sie nicht nur durch Spannung, sondern auch durch Ortskenntnis und Lokalkolorit brillieren. Colin Forbes starb 2006 in London.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Prolog

Paula Grey erstarrte, als sie den Leichnam entdeckte, der auf dem Kamm einer mächtigen Welle dahintrieb und langsam auf die Küste zugetragen wurde. Im fahlen Mondlicht erinnerte der leblose Körper an einen auf dem Rücken liegenden einsamen Schwimmer.
Paula war von dem luxuriösen Spanish Bay Hotel zu einem nächtlichen Spaziergang aufgebrochen, der sie über einen Bohlenweg, zu dessen beiden Seiten sich der zu dieser Stunde verlassene Golfplatz erstreckte, hinunter zum Meer führte. Sie hatte sich zu dem Spaziergang entschlossen, um die bedrückte Stimmung abzuschütteln, in der sie sich befand, nachdem es ihr nicht gelungen war, etwas Belastendes über Vincent Bernard Moloch, den milliardenschweren Besitzer der AMBECO, des größten Mischkonzerns der Welt, herauszufinden – mit diesem Auftrag hatte Tweed sie von London hierhergeschickt. Jetzt wollte sie endlich wieder einen klaren Kopf bekommen.
Die Julinacht war empfindlich kühl, und der Sturm, der über dem Meer aufzog, ließ sie trotz ihrer Jeans, des dicken Wollpullovers und der Windjacke frösteln. Eine weitere riesige Woge schwemmte die unheimliche Last noch näher an die Küste heran, und Paula rechnete sich aus, daß sie wohl bei Octopus Cove an Land gespült würde.
Sie sah sich nach allen Seiten um, zog dann den Reißverschluß ihrer Windjacke herunter und griff nach dem 32er Browning, den sie in den Bund ihrer Jeans geschoben hatte. Als sie hastig zum Wasser hinuntereilte, schwoll der Lärm der aufgewühlten See zu einem ohrenbetäubenden Getöse an. Gewaltige Brecher donnerten gegen die zerklüfteten Felsen und warfen meterhohe Gischtschleier darüber.
Der reglose Körper trieb ganz in der Nähe der Steine, zu denen Paula jetzt hinunterkletterte. Inzwischen war ihre Kleidung von der Gischt durchnäßt, doch ihre Furcht vor der tobenden Brandung verschwand, als sie sah, wie der Leichnam von der nächsten heranrollenden Welle in das seichte Wasser einer tiefen Rinne geschleudert wurde. Sie beugte sich hinunter, packte eine eiskalte Hand und stellte fest, daß es sich um die Leiche einer Frau handelte.
Ehe eine weitere Welle sie gegen die Felsen schmettern konnte, zerrte sie die tote Frau hoch und entriß sie den gnadenlosen Naturgewalten. Im Schein des Mondlichts war das Gesicht der Toten deutlich zu erkennen. Ihr dunkles Haar klebte ihr am Kopf, und sie trug ein weißes, bis oberhalb des Bauchnabels hochgerutschtes Kleid. Rund um das linke Handgelenk, an dem Paula sie aus dem Wasser gezogen hatte, verlief eine häßliche dunkelrote Schürfwunde, und um das rechte waren die Überreste eines zerrissenen Stricks geschlungen. Aus einer großen Platzwunde am Kopf, die ihr vor nicht allzulanger Zeit zugefügt worden sein mußte, war wohl viel Blut geströmt. Paula wollte sie gerade eingehender untersuchen, als sie vom Meer her Motorengeräusche hörte, die rasch näherkamen.
Sie blickte hoch und sah drei große, von starken Außenbordmotoren angetriebene Schlauchboote direkt auf Octopus Cove zurasen. In jedem saßen mehrere mit Sturmhauben maskierte Männer, die etwas in den Händen hielten, was verdächtig nach Maschinenpistolen aussah. Das vorderste Boot wurde von einem ungewöhnlich großen und kräftigen Mann gesteuert. Trotz des hohen Wellengangs stand er hochaufgerichtet da, hielt sich mit einer Hand an der Seite des Bootes fest und riß sich mit der anderen die Haube vom Kopf. Er starrte direkt zu Paula hinüber – ein Mann mit dichtem, dunklem Haar und einer Römernase. Paula duckte sich, zerrte den schweren Leichnam näher an die Felsen heran und rannte dann in gebückter Haltung weg.
Zuerst lief sie ein Stück den Bohlenweg entlang, der aus parallel verlaufenden Holzplanken bestand, dann bog sie auf den Golfplatz ab. Ein sechster Sinn veranlaßte sie, sich fieberhaft nach einem geeigneten Versteck umzuschauen. Ihre durchnäßten Turnschuhe verursachten schmatzende Geräusche, als sie über den sauber gestutzten Rasen lief.
Wo um alles in der Welt sollte sie sich in Sicherheit bringen? Behalt die Nerven, mahnte sie sich selbst.
Sie hatte den Bohlenweg bereits ein gutes Stück hinter sich gelassen, als sie buchstäblich über ein Versteck stolperte – eine große Sandgrube, die als Hindernis für die Golfer gedacht war. Sie ließ sich hineinfallen und zog ihren Browning, den sie während der Bergung der Leiche wieder in den Bund ihrer Jeans zurückgeschoben hatte. Vorsichtig robbte sie zum Rand der Grube und spähte auf Octopus Cove hinunter.
Trotz der Wolken, die nun über den Mond hinwegzogen, konnte sie etwa eine halbe Meile von der Küste entfernt die Umrisse einer großen Luxusjacht ausmachen, die dort vor Anker lag und auf den vom aufziehenden Sturm gepeitschten Wellen schaukelte. Paula schätzte ihre Länge auf fast hundert Meter. Sie war mit einer leistungsfähigen Radaranlage sowie einer Comsat-Nachrichtensatellitenschüssel ausgerüstet, die es ermöglichte, Nachrichten per Satellit zu empfangen und zu senden. Kein Licht, noch nicht einmal auf der Steuerbordseite. Mehr als merkwürdig.
Maskierte Gestalten in Kälteschutzanzügen verließen die Schlauchboote und kletterten bei Octopus Cove an Land. Einige beugten sich zu dem Leichnam nieder, hoben ihn auf und schleppten die grausige Last durch die aufgewühlte See zu einem der Schlauchboote. Der schwarzhaarige Riese ließ den Blick über den Golfplatz schweifen und machte mit der linken Hand eine umfassende Geste. Sechs mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer schwärmten daraufhin aus und verteilten sich über den Platz. Sie hielten nach ihr Ausschau.

In ihren nassen Kleidern fröstelnd lag Paula in der Sandgrube und lauschte auf die schweren Schritte der Männer, die immer näher kamen. Ihre Hände schlossen sich fester um den Browning, während sie den Rand der Grube aufmerksam im Auge behielt. Gelegentlich wehten Wortfetzen zu ihr herüber.
»Sie muß hier irgendwo stecken.«
»Worauf du dich verlassen kannst, Buddy Boy. Sie hatte nicht genug Zeit, um das Hotel zu erreichen. Außerdem hätten wir sie dann gesehen …«
Wenig später waren einige der Stimmen bedrohlich nah an die Grube herangekommen.
»Joel reißt uns den Kopf ab, wenn wir sie nicht erwischen.«
»Keine Namen, du Idiot. Such lieber weiter …«
Die Stimmen entfernten sich wieder, doch erst nach einer Stunde hörte Paula, wie in einiger Entfernung Motoren angelassen wurden. Mit der Waffe in der rechten Hand kroch sie zum Rand ihres Verstecks und spähte hinaus. Die Schlauchboote verließen Octopus Cove und kehrten zu ihrem Mutterschiff zurück, das auf den Wellen schaukelte. Dann schoben sich dunkle Wolken vor den Mond und nahmen ihr die Sicht.
Sorgfältig, wohl wissend, daß es sich um eine Falle handeln konnte, suchte sie mit den Blicken ihre Umgebung ab, um sicherzugehen, daß sie alleine war. Vielleicht hatten sie einen Mann zurückgelassen, der sie überrumpeln sollte. Erst als sie überzeugt war, daß sich niemand in der Nähe aufhielt, trottete sie erschöpft den Bohlenweg entlang auf das Spanish Bay Hotel zu, von dem aus man den gesamten Golfplatz bis hinunter zum Pazifik überblicken konnte. Während sie die hohe Glastür zurückschob, ihr Zimmer betrat, und die Tür hinter sich verriegelte, dankte sie dem Himmel dafür, daß sie unbeobachtet ihre komfortable, zu ebener Erde gelegene Suite hatte verlassen können. Sie zwang sich dazu, die Vorhänge zu schließen, tastete sich im Dunkeln bis zur Tür ihres verschwenderisch ausgestatteten Badezimmers, zog auch diese hinter sich zu und knipste das Licht an.
Paula deponierte ihren Browning auf dem Rand des Jacuzzi, entkleidete sich, schlüpfte in die Duschkabine und ließ, immer noch am ganzen Leib zitternd, heißes Wasser auf sich niederprasseln. Das Glas war beschlagen, als sie endlich die Dusche abdrehte, sich abtrocknete und, die nassen Kleider auf dem Fußboden geflissentlich ignorierend, durch eine weitere Tür hindurch an schimmernden Waschbecken vorbei in ihr geräumiges Schlafzimmer mit dem Doppelbett ging....

Auszug aus Hexenkessel von Colin Forbes. Copyright © 1999. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Prolog

Paula Grey erstarrte, als sie den Leichnam entdeckte, der auf dem Kamm einer mächtigen Welle dahintrieb und langsam auf die Küste zugetragen wurde. Im fahlen Mondlicht erinnerte der leblose Körper an einen auf dem Rücken liegenden einsamen Schwimmer.
Paula war von dem luxuriösen Spanish Bay Hotel zu einem nächtlichen Spaziergang aufgebrochen, der sie über einen Bohlenweg, zu dessen beiden Seiten sich der zu dieser Stunde verlassene Golfplatz erstreckte, hinunter zum Meer führte. Sie hatte sich zu dem Spaziergang entschlossen, um die bedrückte Stimmung abzuschütteln, in der sie sich befand, nachdem es ihr nicht gelungen war, etwas Belastendes über Vincent Bernard Moloch, den milliardenschweren Besitzer der AMBECO, des größten Mischkonzerns der Welt, herauszufinden – mit diesem Auftrag hatte Tweed sie von London hierhergeschickt. Jetzt wollte sie endlich wieder einen klaren Kopf bekommen.
Die Julinacht war empfindlich kühl, und der Sturm, der über dem Meer aufzog, ließ sie trotz ihrer Jeans, des dicken Wollpullovers und der Windjacke frösteln. Eine weitere riesige Woge schwemmte die unheimliche Last noch näher an die Küste heran, und Paula rechnete sich aus, daß sie wohl bei Octopus Cove an Land gespült würde.
Sie sah sich nach allen Seiten um, zog dann den Reißverschluß ihrer Windjacke herunter und griff nach dem 32er Browning, den sie in den Bund ihrer Jeans geschoben hatte. Als sie hastig zum Wasser hinuntereilte, schwoll der Lärm der aufgewühlten See zu einem ohrenbetäubenden Getöse an. Gewaltige Brecher donnerten gegen die zerklüfteten Felsen und warfen meterhohe Gischtschleier darüber.
Der reglose Körper trieb ganz in der Nähe der Steine, zu denen Paula jetzt hinunterkletterte. Inzwischen war ihre Kleidung von der Gischt durchnäßt, doch ihre Furcht vor der tobenden Brandung verschwand, als sie sah, wie der Leichnam von der nächsten heranrollenden Welle in das seichte Wasser einer tiefen Rinne geschleudert wurde. Sie beugte sich hinunter, packte eine eiskalte Hand und stellte fest, daß es sich um die Leiche einer Frau handelte.
Ehe eine weitere Welle sie gegen die Felsen schmettern konnte, zerrte sie die tote Frau hoch und entriß sie den gnadenlosen Naturgewalten. Im Schein des Mondlichts war das Gesicht der Toten deutlich zu erkennen. Ihr dunkles Haar klebte ihr am Kopf, und sie trug ein weißes, bis oberhalb des Bauchnabels hochgerutschtes Kleid. Rund um das linke Handgelenk, an dem Paula sie aus dem Wasser gezogen hatte, verlief eine häßliche dunkelrote Schürfwunde, und um das rechte waren die Überreste eines zerrissenen Stricks geschlungen. Aus einer großen Platzwunde am Kopf, die ihr vor nicht allzulanger Zeit zugefügt worden sein mußte, war wohl viel Blut geströmt. Paula wollte sie gerade eingehender untersuchen, als sie vom Meer her Motorengeräusche hörte, die rasch näherkamen.
Sie blickte hoch und sah drei große, von starken Außenbordmotoren angetriebene Schlauchboote direkt auf Octopus Cove zurasen. In jedem saßen mehrere mit Sturmhauben maskierte Männer, die etwas in den Händen hielten, was verdächtig nach Maschinenpistolen aussah. Das vorderste Boot wurde von einem ungewöhnlich großen und kräftigen Mann gesteuert. Trotz des hohen Wellengangs stand er hochaufgerichtet da, hielt sich mit einer Hand an der Seite des Bootes fest und riß sich mit der anderen die Haube vom Kopf. Er starrte direkt zu Paula hinüber – ein Mann mit dichtem, dunklem Haar und einer Römernase. Paula duckte sich, zerrte den schweren Leichnam näher an die Felsen heran und rannte dann in gebückter Haltung weg.
Zuerst lief sie ein Stück den Bohlenweg entlang, der aus parallel verlaufenden Holzplanken bestand, dann bog sie auf den Golfplatz ab. Ein sechster Sinn veranlaßte sie, sich fieberhaft nach einem geeigneten Versteck umzuschauen. Ihre durchnäßten Turnschuhe verursachten schmatzende Geräusche, als sie über den sauber gestutzten Rasen lief.
Wo um alles in der Welt sollte sie sich in Sicherheit bringen? Behalt die Nerven, mahnte sie sich selbst.
Sie hatte den Bohlenweg bereits ein gutes Stück hinter sich gelassen, als sie buchstäblich über ein Versteck stolperte – eine große Sandgrube, die als Hindernis für die Golfer gedacht war. Sie ließ sich hineinfallen und zog ihren Browning, den sie während der Bergung der Leiche wieder in den Bund ihrer Jeans zurückgeschoben hatte. Vorsichtig robbte sie zum Rand der Grube und spähte auf Octopus Cove hinunter.
Trotz der Wolken, die nun über den Mond hinwegzogen, konnte sie etwa eine halbe Meile von der Küste entfernt die Umrisse einer großen Luxusjacht ausmachen, die dort vor Anker lag und auf den vom aufziehenden Sturm gepeitschten Wellen schaukelte. Paula schätzte ihre Länge auf fast hundert Meter. Sie war mit einer leistungsfähigen Radaranlage sowie einer Comsat-Nachrichtensatellitenschüssel ausgerüstet, die es ermöglichte, Nachrichten per Satellit zu empfangen und zu senden. Kein Licht, noch nicht einmal auf der Steuerbordseite. Mehr als merkwürdig.
Maskierte Gestalten in Kälteschutzanzügen verließen die Schlauchboote und kletterten bei Octopus Cove an Land. Einige beugten sich zu dem Leichnam nieder, hoben ihn auf und schleppten die grausige Last durch die aufgewühlte See zu einem der Schlauchboote. Der schwarzhaarige Riese ließ den Blick über den Golfplatz schweifen und machte mit der linken Hand eine umfassende Geste. Sechs mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer schwärmten daraufhin aus und verteilten sich über den Platz. Sie hielten nach ihr Ausschau.

In ihren nassen Kleidern fröstelnd lag Paula in der Sandgrube und lauschte auf die schweren Schritte der Männer, die immer näher kamen. Ihre Hände schlossen sich fester um den Browning, während sie den Rand der Grube aufmerksam im Auge behielt. Gelegentlich wehten Wortfetzen zu ihr herüber.
»Sie muß hier irgendwo stecken.«
»Worauf du dich verlassen kannst, Buddy Boy. Sie hatte nicht genug Zeit, um das Hotel zu erreichen. Außerdem hätten wir sie dann gesehen …«
Wenig später waren einige der Stimmen bedrohlich nah an die Grube herangekommen.
»Joel reißt uns den Kopf ab, wenn wir sie nicht erwischen.«
»Keine Namen, du Idiot. Such lieber weiter …«
Die Stimmen entfernten sich wieder, doch erst nach einer Stunde hörte Paula, wie in einiger Entfernung Motoren angelassen wurden. Mit der Waffe in der rechten Hand kroch sie zum Rand ihres Verstecks und spähte hinaus. Die Schlauchboote verließen Octopus Cove und kehrten zu ihrem Mutterschiff zurück, das auf den Wellen schaukelte. Dann schoben sich dunkle Wolken vor den Mond und nahmen ihr die Sicht.
Sorgfältig, wohl wissend, daß es sich um eine Falle handeln konnte, suchte sie mit den Blicken ihre Umgebung ab, um sicherzugehen, daß sie alleine war. Vielleicht hatten sie einen Mann zurückgelassen, der sie überrumpeln sollte. Erst als sie überzeugt war, daß sich niemand in der Nähe aufhielt, trottete sie erschöpft den Bohlenweg entlang auf das Spanish Bay Hotel zu, von dem aus man den gesamten Golfplatz bis hinunter zum Pazifik überblicken konnte. Während sie die hohe Glastür zurückschob, ihr Zimmer betrat, und die Tür hinter sich verriegelte, dankte sie dem Himmel dafür, daß sie unbeobachtet ihre komfortable, zu ebener Erde gelegene Suite hatte verlassen können. Sie zwang sich dazu, die Vorhänge zu schließen, tastete sich im Dunkeln bis zur Tür ihres verschwenderisch ausgestatteten Badezimmers, zog auch diese hinter sich zu und knipste das Licht an.
Paula deponierte ihren Browning auf dem Rand des Jacuzzi, entkleidete sich, schlüpfte in die Duschkabine und ließ, immer noch am ganzen Leib zitternd, heißes Wasser auf sich niederprasseln. Das Glas war beschlagen, als sie endlich die Dusche abdrehte, sich abtrocknete und, die nassen Kleider auf dem Fußboden geflissentlich ignorierend, durch eine weitere Tür hindurch an schimmernden Waschbecken vorbei in ihr geräumiges Schlafzimmer mit dem Doppelbett ging. Dort streifte sie ihren Pyjama über, setzte sich auf die Bettkante und goß sich aus einer Thermoskanne, die sie stets bei Roy’s, dem Hotelrestaurant, auffüllen ließ, heißen Kaffee ein.
Sowie sie wieder ein wenig zu Kräften gekommen war, wählte sie Tweeds Londoner Nummer am Park Crescent, wo sich die Zentrale des SIS befand. Zuvor hatte sie die Uhrzeit überprüft. Drei Uhr morgens. Der Zeitunterschied zwischen Kalifornien und Großbritannien betrug acht Stunden, also mußte es in London jetzt elf Uhr morgens sein.
»Monica, Paula hier. Ich muß ihn dringend sprechen.«
»Bleiben Sie am Apparat. Er ist im Haus …«
»Schön, daß Sie sich melden, Paula«, klang gleich darauf die vertraute Stimme an ihr Ohr. »Irgendwelche Neuigkeiten?«
»Nein. Die Mannschaft ist in ausgezeichneter Verfassung. Ich kann Ihnen … nichts … Neues berichten.«
»Dann schlage ich vor, daß Sie den nächsten Flug Richtung Heimat buchen. Ich freue mich, Sie bald wiederzusehen.«
»In Ordnung. Bis dann …«
Voller Erleichterung legte Paula auf. Ihre bewußt gewählten Worte hatten zwei verschlüsselte Botschaften enthalten. Der Ausdruck ausgezeichnet verriet Tweed, daß etwas nicht stimmte. Ferner hatte sie vor dem Wort nichts absichtlich eine Pause eingelegt.
Todmüde kroch sie in ihr Bett und fühlte sich plötzlich sehr verloren. Monterey, das reizvolle Städtchen in der Nähe von Spanish Bay, gehörte zusammen mit dem nahegelegenen Carmel zu den friedlichsten Orten der Vereinigten Staaten, die sie bislang besucht hatte. Zumindest nach außen hin. Und bis zu ihrem schrecklichen Erlebnis.
Als sie den Kopf in den Kissen vergrub, sah sie wieder die Umrisse jener mysteriösen Jacht vor sich, die vor der Küste vor Anker gelegen hatte. Vielleicht konnte sie am kommenden Morgen dem Hafenmeister von Monterey den Namen des Schiffes entlocken, dachte sie, bevor sie erschöpft in einen tiefen Schlaf fiel.

Es war ein herrlicher sonniger Nachmittag, der die Temperatur auf über 30 Grad hatte klettern lassen, als Paula in der Nähe des Hafens von Monterey aus einem gelben Taxi stieg. Der große, von Kaimauern eingeschlossene Liegeplatz war voll belegt. Am Südende des Hafens waren Fischkutter neben Schiffen der Küstenwache vertäut, und mehrere kostspielige Schnellboote stießen träge dümpelnd mit ihren Pontons aneinander.
Hier liegt eine Menge Geld im Wasser, sagte Paula zu sich selbst.
Der Taxifahrer hatte ihr den Weg zur Hafenmeisterei genau beschrieben. Während sie auf das Gebäude zuschlenderte, dankte Paula ihrem Schöpfer dafür, daß der gestrige Sturm draußen auf dem Meer geblieben war. Wäre er weiter landeinwärts gezogen, hätte sie auf dem Heimweg in große Schwierigkeiten geraten können. Jetzt bildete der Himmel eine strahlendblaue Kuppel, und in der Ferne hinter Monterey ragten die braunen, von der Sonne versengten Berge auf.
Sie hatte die Hafenmeisterei beinahe erreicht, als sie einen untersetzten Mann mit schwankenden Schritten herauskommen sah. Sie blieb bei einem Restaurant mit einer von einer großen Markise geschützten Terrasse stehen, vor dem ein Kellner in einer weißen Schürze eifrig damit beschäftigt war, den Boden zu fegen.
»Entschuldigen Sie bitte, aber können Sie mir sagen, ob der Mann, der eben dieses Haus verlassen hat, der Hafenmeister ist?«
»Ihr englischer Akzent gefällt mir.« Der Kellner lächelte ihr freundlich zu. »Nein, er vertritt den Hafenmeister nur. Der ist nämlich erst vor ein paar Minuten aus dem Urlaub zurückgekommen.« Er senkte die Stimme. »Dieser Bursche heißt Chuck Floorstone. Unter uns gesagt – er schaut gern zu tief ins Glas. Hab’ ich früher auch getan, aber das liegt hinter mir. Heute halte ich mich an Coca-Cola.«
»Sehr vernünftig. Haben Sie vielen Dank.«
Rasch eilte sie der stämmigen Gestalt hinterher, der das T-Shirt über der ausgebeulten Hose hing. Sie holte den Mann im selben Augenblick ein, als er eine Bar betrat. Paula drängte sich an ihm vorbei und entschuldigte sich sofort.
»Tut mir wirklich leid.«
»Keine Ursache, meine Schöne. Ganz alleine hier? Genau wie ich. Kommen Sie, ich lad’ Sie zu einem Drink ein.«
»Danke, das ist sehr nett von Ihnen.«
Chuck Floorstone führte sie zu einem ruhigen Ecktisch, von dessen Fenster aus man den Hafen überblicken konnte. Zu dieser Tageszeit waren sie fast die einzigen Gäste. Paula bat um ein Glas Chardonnay, und Floorstone schlurfte zum äußersten Ende der Theke, so daß sie nicht verstehen konnte, was er bestellte. Für dieses erhoffte Gespräch hatte sie sich mit besonderer Sorgfalt zurechtgemacht. Sie trug eine figurbetonende, hochgeschlossene weiße Seidenbluse und einen blauen Rock, der ihr bis knapp über die Knie reichte.
Floorstone beäugte sie anerkennend, als er zurückkam und beim Gehen etwas Wein verschüttete. Er sah eine schlanke Frau Anfang Dreißig vor sich, deren dunkles, glänzendes Haar ihr fast bis auf die Schultern fiel. Sie hatte eine ausgezeichnete Figur, lange, wohlgeformte Beine und ein gutgeschnittenes Gesicht mit ausgeprägtem Kinn und hohen Wangenknochen, die von einem starken Charakter zeugten. Ihre intelligenten graublauen Augen musterten ihn prüfend, als er auf sie zukam, das Weinglas vor sie hinstellte und sich dann auf den Stuhl ihr gegenüber fallen ließ.
»Wir könnten einen kleinen Ausflug in die Stadt machen, meine Schöne.«
»Irgendwer sagte mir, sie hätten einen wichtigen Job«, entgegnete sie.
»Ich bin hier der Hafenmeister.«
Sein wettergegerbtes, von den verräterischen Äderchen des Gewohnheitstrinkers gezeichnetes Gesicht verzog sich zu einem selbstgefälligen Grinsen, wobei schlechte Zähne sichtbar wurden. Paula lächelte, schaute aus dem Fenster und unterdrückte einen erschrockenen Ausruf. Eine große Luxusjacht verließ gerade den Hafen; ein Kreuzer mit einer aufwendigen Radaranlage oberhalb der Ruderbrücke – und einer Comsat-Schüssel.
»Wem gehört denn dieses Prachtstück?« fragte sie unbefangen.
»Der Besitzer dieses bescheidenen Bötchens heißt Vincent Bernard Moloch. Ihm gehört praktisch die halbe Welt. Einer von den ganz großen Jungs.«
»Tatsächlich? Wie heißt das Schiff denn?«
»Venetia V …« Floorstones Stimme schlurrte so stark, daß es ihm selbst auffiel. »V..e..n..e..t..i..a … Fünf«, wiederholte er deshalb betont deutlich. »Es wird behauptet, sie sei auf dem Weg nach Baja California in Mexiko.« Er stärkte sich mit einem weiteren großen Schluck, ehe er sich näher zu ihr beugte. »Moloch ist ein Geheimniskrämer. Ich persönlich glaube eher, daß er zum Panamakanal und dann weiter hinaus auf den Atlantik will.«
»Liegt das Schiff schon lange hier?« erkundigte sich Paula beiläufig.
»Aber nein. Kam heute ganz früh am Morgen rein, tankte auf, und jetzt ist es wieder weg. Bei Moloch weiß man nie, wie man dran ist. Aber Sie trinken ja gar nichts.«
»Ich trinke immer sehr langsam.« Paula traute dem Inhalt ihres Glases nicht. Das Getränk schmeckte verdächtig streng. »Ist dieser Moloch jetzt an Bord der Venetia V?«
»Nee. Sein Wachhund Joel Brand hat auf dieser Fahrt das Kommando.«
Paula verzog bei der Erwähnung des Namens keine Miene. »Sein Wachhund?«
»Yeah. Ein Brite. Ziemlich häßlicher Vogel. Erledigt für Moloch die Drecksarbeit. Wie steht’s denn jetzt mit einem kleinen Ausflug in die Stadt?«
»Was trinken Sie da eigentlich?«
»Bourbon mit Soda. Ich könnt’ noch einen vertragen. Werd’ Ihnen auch noch einen Drink mitbringen. Bin in einer Minute wieder da.« Er drohte ihr spielerisch mit dem Zeigefinger. »Laufen Sie mir ja nicht weg.«
Paula sah ihm nach, als er zur Theke torkelte, hängte sich dann ihre Handtasche um und verließ hastig die Bar. Sie hatte bereits gepackt, die Hotelrechnung beglichen, ein Auto gemietet, mit dem sie die zweistündige Fahrt zum San Francisco International Airport zurücklegen wollte, und einen Platz Erster Klasse gebucht.
Als sie im Taxi saß, das sie zum Hotel zurückbrachte, wünschte sie, Bob Newman wäre bei ihr. Sie hätte aus Floorstone sicherlich noch mehr herausholen können, aber für ihre Zwecke hatte sie ihrer Meinung nach genug erfahren. Nun lag der anstrengende Elfstundenflug zurück nach Heathrow vor ihr. Sie konnte nicht behaupten, daß sie sich auf die Reise freute, auch wenn Tweed so großzügig gewesen war, ihr ein Ticket Erster Klasse zu spendieren.
Während der Fahrt nach San Francisco ließ sie das Gesicht der toten Frau nicht los; jener Frau, die sie aus dem Wasser gezogen hatte. Wer sie wohl sein mochte?

Einige Wochen später hielt sie sich gemeinsam mit Bob Newman in Cornwall auf, wohin Tweed sie, mit genauen Instruktionen versehen, geschickt hatte.
Er hatte sie in sein Büro im ersten Stock des Gebäudes am Park Crescent beordert, dessen Fenster zum Regent’s Park hinausgingen. Tweed, ein mittelgroßer Mann mittleren Alters, war glatt rasiert und trug eine Hornbrille. Rein äußerlich war er der Typ Mann, der einem auf der Straße begegnen konnte, ohne daß er einem auffiel – eine Eigenschaft, die ihm in seiner Funktion als stellvertretender Direktor des SIS schon häufig gute Dienste geleistet hatte.
Paula nahm an ihrem Schreibtisch in der Ecke des großen Raumes Platz. In der Nähe der Tür saß Monica an ihrem mit einer komplizierten Sprechanlage bestückten Tisch. Auch ein modernes Faxgerät sowie andere technische Spielereien standen zu ihrer Verfügung.
Monica, eine Frau unbestimmbaren Alters, die ihr graues Haar zu einem Knoten geschlungen trug, war seit Jahren Tweeds Assistentin, und der wußte genau, daß er sich auf ihre Loyalität und Diskretion bedingungslos verlassen konnte. Die vierte Person im Raum war Bob Newman, der weltweit bekannte Auslandskorrespondent, der sich vor langer Zeit vom Sicherheitsdienst hatte anwerben lassen.

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