1. Mean Streets ist Scorseses (und damit Amerikas) Echo auf den italienischen Neo-Realismo und vor allem die Nouvelle Vague, die ja ihrerseits wesentlich von den US-Gangsterfilmen der 30-er/40-er Jahre geprägt wurde.
2. Mean Streets ist für viele Filmliebhaber praktisch synonym mit dem Besten des Independent Cinema. Es ist sicher nicht zu bestimmt zu behaupten, Scorsese habe mit diesem Film in einem einzigen Handstreich jenes crime drama geschaffen, das bis heute vielhundertfach nachgeahmt (und von Kopie zu Kopie immer stärker klischiert) ins kollektive Bewusstsein des Kinopublikums eingegangen ist.
3. Es finden sich viele Elemente und Techniken, die Scorsese selbst in späteren - mit größerem Budget gedrehten - Filmen immer wieder aufgegriffen und abgewandelt hat.
4. Die Verwendung der Handkamera, etwa bei der Poolhall-Rauferei oder bei der Szene mit dem betrunkenen David Carradine, die Einstellungen in den Einzelshots und den Massenszenen, die Einführung der Charaktere mittels Untertitel u.a. Stilmittel sind heute so selbstverständlich, dass der durchschnittliche Seher das Revolutionäre wohl vielfach gar nicht mehr erkennt.
5. In Bezug auf die Techniken und vor allem die oftmals dilettantischen Schauspielleistungen der Nebendarsteller (der Film hatte ein Budget von 150.000 $) ist der Film ganz sicher nachfolgenden Meisterwerken wie Taxi Driver, Raging Bull oder Goodfellas unterlegen, das bestreitet auch keiner ernsthaft. Aber: Das eine Element, das diesen Film so einzigartig macht und ihn meiner Meinung nach über die vorher genannten Filme hebt, ist die wirklich genuine Improvisation über das (kaum vorhandene) Skript. Wenn Scorsese und De Niro etwa im Interview zu "Taxi Driver" darauf verwiesen haben, dass eine 100%-ige Beherrschung des geschriebenen Textes erst die Grundlage einer gehaltvollen Improvisation ist, haben sie genauso recht wie wenn man feststellt, dass viele Szenen und erst recht Dialoge SO nie geschrieben hätten werden können. Und es ist ein wahrer Glücksfall, dass Scorsese mit seiner Kamera nicht ganz zufällig, aber doch unaufdringlich "draufgehalten" hat.
Wer einen Gangsterfilm von der Grandesse der "Godfather"-Trilogie erwartet, den melancholisch-poetischen Stil eines Sergio Leone ("Once Upon A Time In America") bevorzugt oder eine Milieustudie mit exzessiver Gewalt à la "Cidade de Deus" sucht (alle drei absolute Meisterwerke, und in vielerlei Hinsicht um einiges "bessere" Filme), wird enttäuscht sein. Das ist aber seiner eigenen Erwartungshaltung oder einfach einem Mangel an Aufnahmefähigkeit zuzuschreiben und nicht Beweis der Mangelhaftigkeit des Filmes selbst. Wer dennoch Ursache und Wirkung vertauscht, sollte vielleicht doch noch einmal nachdenken, ob die alleinige Beherrschung einer Computertastatur und rudimentäre Kenntnisse von Rechtschreibung und Syntax die entscheidenden Kriterien sein sollen, einen ausgezeichneten Film öffentlich zu kritisieren. Damit beweist man nämlich nur eines, und das ist nicht die Schwäche des Filmes.
Allfälliger Ärger über so gehäufte Ignoranz wird dann aber durch so köstliche Bemerkungen wie "De Niros Synchronstimme ist ungewohnt, aber seine eigene noch unpassender" wieder kompensiert. Nicht nur Scorsese lacht sich krumm.