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Heute wär ich mir lieber nicht begegnet
 
 
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Heute wär ich mir lieber nicht begegnet [Taschenbuch]

Herta Müller
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 239 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Tb. (April 1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3499224844
  • ISBN-13: 978-3499224843
  • Größe und/oder Gewicht: 19,4 x 11,4 x 1,9 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (9 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 617.945 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Herta Müller
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Kurzbeschreibung

Herta Müller, in Rumänien geboren und aufgewachsen, erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die regelmäßig zum Verhör beim Geheimdienst bestellt wird. Auf dem Weg dorthin, während der Fahrt mit der Straßenbahn, läßt sie ihr Leben an sich vorüberziehen. Sie denkt zurück an ihre Kindheit in der Kleinstadt, an ihre Beziehung zum Vater und an die Ehe mit dem Sohn jenes Mannes, der für die Deportation ihrer Großeltern verantwortlich war. An diesem Tag hält der Fahrer an der Haltestelle, an der sie aussteigen muß, nicht an. Und so geht sie zum erstenmal nicht zum Verhör.

carpe.com

Wieder eine dieser Ausgelieferten. "Ich bin bestellt", so empfängt uns der erste Satz, und mit ihm ist das Paradigma des Romans festgelegt. Wir driften auf die Bestellungen, auf die Verhöre, die damit gemeint sind, hin und wir wissen nicht, wann wir sie erreichen. Die Frage ist aber auch nicht wesentlich, so sehr verweigert sich das Buch vordergründiger Spannungsmache. Es passiert nur das, was sich im Kopf abspielt. Hier -- ist die Botschaft -- residiert die Psyche. Die Bestellte läßt von Beginn an ihre weiblich fühlende Hand durch ihre Umwelt gleiten -- lyrisch ist diese Fingererfahrung.

"Ich bin bestellt", bin also Opfer, keine Täterin. Und ich kann damit leben, scheint sie uns sagen zu wollen. Vorerst wissen wir auch gar nicht, wer sie ist, weil wir kaum ahnen können, wann wir sind, und wo wir sind. Südosteuropa, die 30er oder 70er Jahre. Die Karpaten tauchen in einem Nebensatz auf, irgendwann.

Der rote Faden des Romans ist eine Straßenbahnfahrt zu ihrem Privat-Inquisitor, Major Albu, von der aus sich die Ausgelieferte Gedanken in ihre Vergangenheit strickt. Das Gestern ist die Ersatzbefriedigung für die Mängel der Gegenwart. Die Zeit zwischen den Verhören sind ihr Freigang, der sie aber nicht mehr wirklich frei machen kann. Stückchenweise nur gibt sie sich preis: Da ist die Trennung von ihrem ersten Mann, der Tod ihrer Freundin Lilli oder die Geschichte ihres Schwiegervaters, des Parfümkommunisten, der für die Deportation ihrer Großeltern mitverantwortlich war. Immer wieder sind es Tage, meint man, an denen sie sich lieber nicht begegnet wäre.

Zeit und Inhalt, Psycholekt und Sprache des Romans kollidieren. Die Sensible steht mit ihren Gedanken in einem auffallend antagonistischen Verhältnis zum im Roman entwickelten historischen Umfeld. Die Bestellte ist die Verträumte ist die Schlaflose. Die Zarte gefangen in einer mikrourbanen Welt. Die zu Sanfte für den kleinstädtischen Raum, die Gottesgabe für den Trinker, der ihr Mann ist.

Sie ist ein wenig wie die Claudia aus Christoph Heins "Der fremde Freund", die ihr "Es geht mir gut" psalmiert, und sich dadurch schützt, indem sie sich nichts und niemandem wirklich aussetzt. Sie wäre sich heute lieber nicht begegnet, weil sie allmählich merkt, wie wenig sie ihre eigene Lage analysiert, auf wie labilem Grunde sich ihr Leben doch bewegt. Ihr Schutzmechanismus ist das Kreisen in ihrem Gestern, ist die stumme Erinnerung an ihre tote, ehemals beste Freundin Lilli -- ihr jetziges Über-Ich und Sehnsuchtsbild. Was ihr über die Verhöre hinweghilft, ist der kleine Alltag um sich herum oder manchmal das Spinnen von der "Bluse, die noch wächst".

Nach und nach -- mit dem Wissen dieses Jahrhunderts -- ahnt man den Hintergrund für die Verhöre: Weil sie ihrem Umfeld entfliehen wollte, steckte sie in der Kleiderfabrik, in der sie arbeitet, Kontaktanzeigen in die Taschen weißer Anzüge für Italien. Für diese Staatsuntreue wird sie nun bestraft; galanterweise hat man ihr noch andere Delikte angehängt und versucht sie nun portionsweise zu diffamieren und psychisch zu bearbeiten.

Aus dem Stoff für eine Erzählung ist ein Roman gestrickt -- der Anfang des Buches nimmt gar kein Ende mehr, auch wenn man letztlich feststellen muß, daß diese Zerfaserung einen Sinn macht. Ähnlich den letzten Momenten vor dem Tod fließt ihr Leben an ihr vorbei. Das Buch ist ein Ich-Roman -- alles, was offensichtlich wird, bestimmt sie. Man muß sich darauf einlassen. Wenn man es tut, dann versteht man die psychologische Konsequenz der Verhöre, weil man sie mitgefühlt hat. Und man steht einem Schluß gegenüber, der unter die Haut geht. --Ron Winkler -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.


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14 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen "Das Schicksal hat keine Nummer" S140, 16. Januar 2010
Von 
Esther (Graz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REZENSENT)   
Die Fahrt in einer Straßenbahn durch die Straßen einer rumänischen Großstadt auf dem Weg zum Verhör - Punkt zehn Uhr: Dienstag, Donnerstag, Samstag, ... Auf diesem Weg reflektiert die Ich-Erzählerin ihr ganzes Leben im kommunistischen Rumänien. Sie erzählt vom Leben und vom Überleben, vom Verschwinden, vom in Luft auflösen und was sie daraus lernte.

"Damals konnte ich noch gut lügen. Kein Mensch hat mich ertappt. Aber die Not, aus der die Lüge kam, hat mich beim Wort genommen. Seither lass ich mich lieber beim Lügen erwischen als von der Not." S47

Dennoch bleibt sie eine Statistin im Leben eines unterdrückten und gemarterten Volkes, eines Volkes von Macht- und Schicksalslosen.

"Mein Opa hatte braune Augen mit dem Halbglanz, den Glas nicht bringt, weil es nicht gelitten hat." S237

Herta Müller zeigt in diesem sprachlich überwältigenden Roman die Unterdrückung und Misshandlung ihres Volkes im Regime auf - unmissverständlich deutlich und dennoch ohne anzuklagen! Sie erzählt von Ängsten ebenso wie vom Glück und dessen Kurzweiligkeit.

"Die Stille nach dem Glück, sie kam, als kriegten die Möbel eine Gänsehaut" S107

Mit unter zwischen den Zeilen trägt der Roman das tägliche Leben im kommunistischen Rumänien zu Tage, ohne es dabei an Schlagfertigkeit, diskret sarkastischen Untertönen und überaus feinem Sprachwitz mangeln zu lassen. Das politische Denken und Handeln kommentiert sie leise, jedoch mit Nachdruck.

"Die paar wirklichen Illegalisten sagen heute nicht umsonst: Wenige sind wir gewesen, viele sind wir geblieben" S202

"Zuerst links und rechts schauen, mein Junge, ob kein Auto kommt, beim Gehen ist es nötig, beim Denken schädlich" S203

Unbeschreiblich poetisch ist dieser Roman! Die Autorin verleiht Redewendungen des deutschen Sprachgebrauchs neuen Glanz und reicht diese über ihre ursprüngliche Bedeutung weit hinaus. Die Sätze einzeln bestechen durch erlebte Lyrik, kriechen mir Leser unter die Haut, um sich dort fühlbar zu machen und literarische Narben zu hinterlassen.

"Ein Dahergeschlurfter, der sein Leben ausgelöffelt hatte, zog Lilli in sein Geschirr." S74

Welch ein Maßstab!!!
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Poesie, Anmut, Disziplin - ein Tanz in der Hölle., 27. Februar 2010
Von 
Katharina Feld (Hessen) - Alle meine Rezensionen ansehen
(REAL NAME)   
Heute wär ich mir lieber nicht begegnet: choreografierte Lebenszeit.

Ein Tanz mit tausend Gesten und Blicken. Vollkommenes Leid, absolute Perfektion, unnachahmliche Poesie, verzweifelte Anmut, unerschütterliche Disziplin.

Das muss Kraft kosten, aber es kommt ganz mühelos daher, Anstrengung bleibt unsichtbar.

Herta Müller beschreibt das im Grunde Unsagbare in filigraner Präzision. Nichts ist bekannt, nichts austauschbar. Alles hat Funktion, alles dient einer unverwechselbaren Klarheit im Zugriff auf das eigentlich Gemeinte.

Diese Poesie täuscht nicht über das Schreckliche hinweg, im Gegenteil, sie vertieft, verfeinert, nuanciert den Schrecken bis zu ratloser Beklemmung. Ganz neue, nie gehörte Worte und Wendungen klingen lange nach.

Begriffe wie 'Sprachkunst' bilden die Einzigartigkeit dessen, was hier geschieht, nur unvollkommen ab.
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30 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Wunderbare Romansprache, naturalistisch angehaucht., 13. September 2000
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Heute wär ich mir lieber nicht begegnet (Taschenbuch)
Heute wär ich mir lieber nicht begenet von Herta Mueller istnach den NIEDERUNGEN eine wunderbare Romansprache. Direkt, sehrbildhaft, wuchtig, ist seit den Niederungen der Sound in den Romanen der Autorin. Die Figuren leben mit und in dieser Romansprache. Die Haerte, der schrille Sound sind die Kinder ihrer Zeit. Es ist die Temeswar Zeit der Autorin, die Zeit der toten Oeffentlichkeit in einer osteuropaeischen Stadt vor 1989. Der Roman ist ein Ausbruch aus dieser Sprachlosigkeit. Die persoenlichen Erlebnisse der Figuren liegen nahe bei den Erlebnissen der Autorin. Sie hat ihren Weg geschrieben, eine Literaturmoderne in diese alte kakanische Stadt gebracht. Mit ihr endet wahrscheinlich die "deutsche" Literaturmoderne in Temeswar 1987. Was kommt in dieser Stadt in dieser einen "Stadtbewohner-Sprache" nach 1989? Mir bedeutet dieser Sound in der Romansprache von Herta Mueller sehr viel.Es ist etwas anderes 1968-1989 oestlich von "Prag-1968" bei Herta Mueller zu lesen als es bei Westautoren (nach 1968/1989) zu lesen ist. Ich freue mich auf jedes neue Buch der Autorin. Ihre Direktheit ueberrascht mich.
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