Der pädophile Maler Henry Chester heiratet seine ätherische Muse, die 17-jährige Effie. Trotz ihres tuberkulösen Äußeren überrascht sie ihn in der Hochzeitsnacht mit ihrer Sinnlichkeit - was Henry abstößt. Da Henry in Liebesdingen abweisend bleibt, lässt sich die leidenschaftliche Effie vom schillernden Taugenichts Mose Harper verführen. Als dieser sie ins Bordell der mütterlichen Fanny Miller mitnimmt, erfährt Effie, dass ihr Gatte nicht nur ein regelmäßiger Gast dort ist, sondern auch noch eine sehr dunkle Vergangenheit mit Fannys kleiner Tochter Marta hat...
In diesem Roman finden sich alle Versatzstücke der Gothic Novel, und untergerührt sind noch das Musenkonzept des Symbolismus und die Scheinheiligkeit des viktorianischen Zeitalters. Die Autorin ist eifrig bemüht, diese Puzzlestücke postmodern gegen den Strich zu komponieren - die magersüchtige und laudanumgetränkte Muse beispielsweise wird vom Opfer zur Täterin und überwältigt aktiv und mit wilder Leidenschaft einen versierten Verführer. In der ersten Hälfte des Romans gelingt diese Aushebelung des Gothic Novel Konzeptes noch ganz passabel, und man ist gespannt, was es mit der Andeutung des Erzählers Mose auf sich hat, dass Effie sowohl ihn als auch Henry Chester noch reinlegen wird. Doch diese Andeutungen laufen in der zweiten Romanhälfte ins Leere. Die Story verfranst sich in einer Effie-wird-zu-Marta-Geschichte, die im Übernatürlichen und/oder Laudanumwahn wabert und die die wirklich interessante Effie zu einer schwächlichen Nebenfigur degradiert. So gerecht dann das Ende für Henry und Mose ist, so diffus und enttäuschend bleibt der übersinnliche Hokuspokus beim Handlungsstrang um Effie.
Schade, dass der Roman im zweiten Teil so nachlässt. Effie hätte mehr verdient. Deshalb nur 2 Sterne.
PS: "Nächte im Zirkus" von Angela Carter widmet sich denselben Sujets, allerdings mit sehr viel mehr Einfallsreichtum, Verve und Subversion!