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Heute gehen alle spazieren. Roman
 
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Heute gehen alle spazieren. Roman [Englisch] [Gebundene Ausgabe]

Martin Brinkmann


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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

»Ich weiß schon garnicht mehr, was mich das jemals anging.« Zwischen den Zeiten stehen, das Vergangene noch nicht verdaut und ohne Vorstellung, was werden soll. Martin Brinkmann erzählt eine Geschichte, in der am Ende rein gar nichts geklärt oder gar besser ist – und trifft damit tief ins Lebensgefühl unserer Zeit. Es beginnt mit einem Ende, dem Ende der Jugend, dem Ende der Schul- und Zivildienstzeit. Und hat für den Erzähler doch keine Zukunft, obwohl sie ständig näher kommt und eigentlich schon da ist. Der Blick zurück ist nachdenklich, selbstironisch distanziert, im Niemandsland zwischen ungewollter Nostalgie und ebenso ungewollter Ratlosigkeit; und mitunter auch Wut. Der Blick nach vorn ist desparat, verliert aber nie seinen letztlich vitalen, aus der Distanz erwachsenden Witz. Martin Brinkmann ist ein eindringliches, lakonisch-originelles Buch über das Leben zwischen den Leben gelungen, über den Schritt in eine Welt, in der dem genauen Beobachter Desparatheit und Lebensirrsinn auf Schritt und Tritt begegnen.

Über den Autor

Martin Brinkmann, geb. 1976, lebt als freier Autor und Journalist in Bremen. Mitherausgeber der Zeitschrift »Krachkultur«. Diverse Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien, u.a. in den »Trash-Piloten«, Leipzig 1997, und in »ndl«. »Heute gehen alle spazieren« ist seine erste Buchveröffentlichung.

Auszug aus Heute gehen alle spazieren. von Martin Brinkmann. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Cuxhavener Kachelweiß Wie leer doch die Autobahn, wie leer doch mein Kopf – mein Herz so schwer und mein Kopf so leer. Den Zivildienst hinter mir und noch nichts vor mir. Schläfrige Wolken am Himmel, die Leitungen der Strommasten wippen im Vorbeifahren langsam auf und ab, und ich denke an Sprungseile und an den bedächtigen Schimmer, den die Sonne über die Felder legt. Duhnen und Döse, so heißt das in Cuxhaven, wenn man in Richtung Wattenmeer will. Ich denke, es wäre besser, man würde es Dühnen und Dose nennen, oder ich denke unweigerlich an Duhnen und Möse oder sowas. Ärgerlich über mich selbst, denn das denke ich immer, wenn ich diese blöden Ausschilderungen lese, und mittlerweile denke ich, das denkt jeder, schiebe ich die Gedanken so weit fort von mir, so weit fort. Ich parke am Deich auf einem fast leeren Parkplatz und steige aus, und sogleich umweht mich kräftiger Wind, und ich fühle mich etwas besser, denn ich liebe das Meer. Vielleicht habe ich das von meinem Vater, der war mal Seemann. Dann stehe ich auf dem Deich, wo der Wind noch heftiger weht, und es ist gerade Flut oder Ebbe, und die Sonne neigt ihr Haupt im Westen, und ihre lichten Haare kräuseln sich dahinten im Wasser. Ich gehe Richtung Kugelbake. Das ist ein Holzgerüst, das auf einer ins Meer geschobenen Plattform steht, und da gehe ich hin über den Deich, über einen sandigen Weg, und dann stehe ich da, vom Wind umbraust, während ich über die Brüstung schaue, wo die Wellen sich unermüdlich über schwarzglänzende Steine schütten. Ich schaue an der Kugelbake hoch, aber da ist nichts zu sehen. Also suche ich den Horizont ab, wo ein Containerschiff übers Wasser fährt wie die Wolken über den Himmel. Ich lasse die Beine über die Brüstung baumeln und sitze wohl eine halbe Stunde lang da. Das Meer spült über die glitschigen Steine unter meinen Füßen, und ich schaue ins Wasser, das sich bewegt und wallt und schwappt, wobei ich den Eindruck habe, als wäre irgendwas schon fast vorbei. Kaum daß ich es fertigbringe, das Meer allein zu lassen, aber ich gehe dann weg von dem schönen Platz auf der Brüstung, es ist genug, ich will heim. Mein Kopf ist klar, und ich rauche auf dem Deich. Der Wind, der grüne Deich und immer wieder der Blick zum Horizont, der schön ist, aber mehr auch nicht. Und einige Spaziergänger, Pärchen und so, aber darüber sag ich jetzt lieber nichts. Ich gehe zum Parkplatz hinterm Deich, wo der Wagen steht, wo sonst noch einige wenige Wagen stehen und der zum Deich hin von dichtem Buschwerk umschlossen ist, von diesem Gestrüpp, an dem die roten Kugeln hängen, die in sich einen Ballen gelber Kerne einschließen und die wir früher in der Grundschule Juckpulver nannten, obwohl ich mich gar nicht daran erinnern kann, daß das Zeug jemals gejuckt hat. Landwärts stehen große Betonbauten, Hotels und Hotels – wahrscheinlich stehen da wirklich nur Hotels. Ich gehe durch einen kurzen Heckenweg auf den Parkplatz und dann zum Auto, und dann stehe ich am Wagen und rauche noch eine Zigarette, denn der Wagen gehört meinen Eltern, und die rauchen nicht, warum ich also draußen stehe, und ich stehe manchmal ziemlich lange so rum. Da wird es allmählich dämmeriger, und weiter weg ergraut die Umgebung schon zu dunklen Umrissen, so wie das Toilettenhäuschen, das ich am anderen Ende des Parkplatzes ausmache, was mir gerade recht kommt. Ich gehe rüber, wo vor dem Häuschen drei Männer auf einer Bank sitzen, die mich irgendwie doof anschauen, so daß ich mich bedrängt sehe, was zu sagen. Und ich sage guten Abend und gehe links zur Herrenseite. Ich muß den Lichtschalter suchen, und als ich ihn gefunden habe, erstrahlt das Häuschen kachelweiß, und hinter den Fenstern wird es jetzt ganz dunkel dadurch, daß das Licht brennt. Das mache ich immer in öffentlichen Toiletten, daß ich in jede der vorhandenen Möglichkeiten hineinschaue und mir die sauberste aussuche. Ich gehe in die letzte Kammer und denke daran, in wie vielen Toiletten man in seinem Leben schon gewesen ist; in Cafés, in Diskotheken, bei Freunden, in kleinen Plumpsklos auf Freiluft- Konzerten, und meistens habe ich dann daran gedacht, in wie vielen fremden Toiletten man bisher wohl schon gewesen ist und was man da dachte, und eigentlich denke ich immer nur dies eine, und eigentlich gibt es da auch nicht mehr zu denken. Bevor ich mich setze, lese ich die Sprüche an der Innentür. So trostlos und endgültig traurig. "Wer fickt mit mir?" und so, und dazu denke man sich hellergrellte weiße Kacheln und weiße Holzkabinen und so was wie tropfende Stille, wenn das möglich ist, denn irgendwas gluckst immer in solchen Häusern; oder ist kaputt, wie zum Beispiel die Trennwand zum Nachbarklo, die seltsamerweise mit zahlreichen Löchern durchsät ist. Gerade sitze ich, als noch wer das Häuschen betritt, und es sind wohl zwei, denn einer sitzt plötzlich in meinem Nachbarkästchen, und den zweiten höre ich am Pissoir hantieren. Noch nie konnte ich so sitzen, wenn jemand so dicht in meiner Nähe ist, und dann die Löcher! Ich sitze da und lasse alles bleiben. Ich muß wohl sagen, ich vergesse sogar, daß mir eigentlich traurig zumute ist, und schaue durch die rausgebrochenen Löcher rüber, wobei nichts geschieht, alles ist still, und ich denke schon, da drüben sitzt einer, der ebenso wie ich nicht kann, wenn jemand daneben sitzt, aber als sich das, wie ich jetzt sehe, bärtige Gesicht von nebenan plötzlich den Löchern zuneigt und unsere Blicke sich durch die Löcher treffen, da wird es mir zu blöde. Ich ziehe die Hose hoch und bin am Gürtel am Herummachen, als auch drüben aufgestanden wird, wo doch nichts erledigt ist, und ich denke ernsthaft, jetzt will man mich wohl verhauen oder sonstwas in dieser weißen Scheißbude.
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