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Heute Neunzig Jahr
 
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Heute Neunzig Jahr [Gebundene Ausgabe]

Uwe Johnson , Norbert Mecklenburg
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 200 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 2 (27. März 1996)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518407597
  • ISBN-13: 978-3518407592
  • Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 12,9 x 2,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Uwe Johnson
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Die Signatur der Erinnerung

Ein Romanbruchstück aus Uwe Johnsons Nachlass

Von Roman Bucheli

Als im Herbst 1983 der vierte und letzte Band von Uwe Johnsons Mecklenburg-Epos «Jahrestage» erschien, lagen zehn Jahre der Schaffens- und Lebenskrise hinter Johnson. Zu Beginn dieser Krise und wiederum nach Abschluss von «Jahrestage» arbeitete Johnson mit unterschiedlichen Intentionen an einem Romanprojekt, das er bei seinem Tod 1984 als Torso hinterlassen hat und das nun aus dem Nachlass herausgegeben worden ist.

Im Frühjahr 1975 musste Uwe Johnson zur Kenntnis nehmen, dass seine Frau während mehrerer Jahre durchaus nicht nur freundschaftlichen Kontakt mit einem tschechoslowakischen Staatsbürger gepflegt hatte. Uwe Johnson wollte diese Person hartnäckig nicht anders denn als «einen Vertrauten des tschechoslowakischen Staatssicherheitsdienstes» identifizieren. Die Geschichte traf den Schriftsteller ebenso wie den Ehemann Johnson ins Innerste, um so mehr, als Elisabeth Johnson bis dahin als unermüdliche Gesprächspartnerin wesentlich zum Entstehen der «Jahrestage» beigetragen hatte. Die Erschütterung mündete übergangslos in den physischen Zusammenbruch: im Juni 1975 erlitt Johnson einen – leichten – Herzinfarkt.

Die «Beschädigung der Herzkranzgefässe» im Verbund mit einer «Beschädigung des Subjekts» führte zu einer «umfassenden Unfähigkeit, etwas zu Papier zu bringen», deren Überwindung Johnson in den folgenden Jahren ein Äusserstes an Anstrengung abforderte. Er musste sich «im Alter von 44 Jahren das ‹Schreiben› wieder [beibringen], mit zwei Zeilen am Tag, fünf Zeilen in der Woche, aber nach drei Monaten eben siebzehn Seiten», und Seite um Seite hat er sich so den Abschluss der «Jahrestage» abgerungen. Die Auswirkungen dieses Kraftakts auf Johnsons angeschlagene Gesundheit waren indes verheerend: kaum ein Jahr nach Vollendung des letzten Bandes, im Februar 1984, stirbt Uwe Johnson, noch nicht ganz 50jährig, in Sheerness-on-Sea. Auch der Freund und Verleger Siegfried Unseld wusste um Johnsons schlechten Gesundheitszustand, der immerhin auch Folge eines massiven Alkoholmissbrauchs war. Um nach Beendigung der «Jahrestage» einer drohenden Depression vorzubeugen, drängte er Johnson umgehend zu neuer Arbeit.

«REISE WEGWOHIN»

Schon im November 1983 kündigte ihm Johnson unter dem Titel «Heute Neunzig Jahr» eine Geschichte der Familie Cresspahl vom Oktober 1888 bis zum Winter 1978 an, die er zur Hälfte schon fertiggestellt haben wollte und deren andere Hälfte er bis zum Mai 1984 zu beenden versprach. Unseld zögerte nicht lange und liess seinem Autor postwendend einen Vertrag ausfertigen, der ihm bei Ablieferung des Manuskripts ein Honorar von 100 000 Mark zur Gutschrift auf seinem Verlagskonto in Aussicht stellte. Im Zusammenhang mit diesem exorbitanten Honorarversprechen muss man wissen, dass der Autor im Jahr zuvor bereits bei seinem Verlag mit 230 000 Mark in der Kreide stand.

Damals, im Dezember 1982, teilte ihm Siegfried Unseld mit, der Verlag müsste unter diesen Umständen die monatlichen Akontozahlungen einstellen. Johnson zeigte ungeachtet seiner verzweifelten Lage Verständnis für das Ultimatum seines Verlegers und machte in seinem Antwortschreiben Vorschläge zur finanziellen Überbrückung bis zum Abschluss der «Jahrestage». Unter anderem teilte er Unseld mit, so unterrichtet Johnsons Biograph Bernd Neumann, dass er neben und nach «Jahrestage» auch noch jene «andere Sache» beenden möchte, «die sich zu den ‹Jahrestagen› verhalte wie die ‹Reise wegwohin› zum ‹Dritten Buch›». Bei dieser «anderen Sache» könne es sich, so noch immer Neumann, nur um das Projekt «Heute Neunzig Jahr» handeln, das man bei Johnsons Tod als ein bis zur Hälfte abgeschlossenes Typoskript auf dessen Schreibtisch vorfand.

Das unter dem Titel «Heute Neunzig Jahr» geplante Buch bestand zum Zeitpunkt seiner Ankündigung aus einem Typoskript, das Uwe Johnson bereits zwischen April und Juni 1975 (möglicherweise als Abschrift einer noch älteren Vorlage) angefertigt hatte. Ende 1975 hatte er daraus unter dem Titel «Versuch, einen Vater zu finden» auszugsweise im Norddeutschen Rundfunk vorgelesen. Uwe Johnson muss sich den Text im Frühjahr 1975, als mit der Krise die Arbeit an «Jahrestage» ins Stocken geriet, vorgenommen haben. Ob als Versuch einer Selbsttherapie oder im Bemühen, das biographische und zeitgeschichtliche Material für «Jahrestage» zu ordnen, ist nicht zu entscheiden. Immerhin hat Johnson damals mehrfach erwogen, den Text – in welcher Form auch immer, ob als Schlusskapitel oder als Anhang – dem «Jahrestage»-Komplex einzufügen.

Ungeachtet des Umstands, dass das nunmehr edierte Nachlassfragment im wesentlichen auf dem Typoskript von 1975 beruht, hat sich die Schreibintention im Zeitpunkt der Wiederaufnahme, also im Winter 1982, gegenüber jener von 1975, im Jahr der beginnenden Krise, fundamental geändert. Was Johnson am Jahresende 1982 an seinen Verleger im Hinblick auf diese «andere Sache» und deren Verhältnis zu «Jahrestage» schreibt, wirft ein ganz entscheidendes Licht auf den Text und dessen Einordnung in Uwe Johnsons Erzählkosmos. Mitnichten handelt es sich lediglich um ein «Seitenstück» zu «Jahrestage», selbst wenn er auf eine noch vor deren erstem Band entstandene, aber verschollene Vorlage zurückgeht, wie dies Norbert Mecklenburg, der Herausgeber des Fragments, mit einem grossen Aufwand an akribischer Philologie zu belegen versucht. Eine These übrigens, die Mecklenburg bereits 1988 bei der Publikation der Rundfunklesung vertreten hatte und die – auch wiederholt vorgetragen – in der Argumentation nicht überzeugender und in der Sache nicht aufschlussreicher geworden ist.

UNBESETZTE STELLE

Dem Verständnis zuträglicher dürfte da schon die Annahme sein, «Heute Neunzig Jahr» sei nicht weniger als eine alternative literarische Bearbeitung des Stoffkomplexes, auf dem schon Johnsons erstes veröffentlichtes Werk («Mutmassungen über Jakob», 1959) sowie die vier Bände «Jahrestage» (1971–83) beruhten. «Heute Neunzig Jahr» würde damit auch (und gerade, wie zu zeigen sein wird) als Fragment in einer triadischen Konstellation eine bis dahin unbesetzte Stelle wohl mehr ins Bewusstsein heben als wirklich schliessen.

Vor allen Dingen aber könnte das Nachlassfragment den Schlussstein in Johnsons Erzähl- und Erinnerungskosmos darstellen: abgerundet würde damit ein literarisches Projekt, das von einem in sich geschlossenen Erzähluniversum nach dem Vorbild von William Faulkners Werk (der Johnson schon für «Mutmassungen über Jakob» Pate gestanden hatte) inspiriert war. Vollends Johnsons Hinweis im Brief an Unseld vom Jahresende 1982 gibt zu verstehen, dass «Heute Neunzig Jahr» nach «Mutmassungen» und «Jahrestage» eine zusätzliche Perspektive des mecklenburgischen Stoffkomplexes erschliessen sollte: analog dazu, wie der 1963 verfasste Prosatext «Eine Reise wegwohin, 1960» den Stoff aus dem «Dritten Buch über Achim» (1962) noch einmal aus verändertem Blickwinkel verarbeitet.

In Johnsons Erstling von 1959 steht als zentrale Figur ein Abwesender, Jakob Abs, Dispatcher der Deutschen Reichsbahn. Gegen Kriegsende fand er als Flüchtling mit seiner Mutter im Haus Heinrich Cresspahls und von dessen Tochter Gesine im mecklenburgischen Jerichow Zuflucht. 1956, zum Zeitpunkt der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes und nach einem Besuch bei der in Düsseldorf lebenden Gesine, wird er aus (bewusster?) Unachtsamkeit beim Überschreiten der Gleise von einer herankommenden Lokomotive erfasst und getötet. Im spektral aufgefächerten, mutmassenden Erinnerungsfragmenten versucht nun eine um den abwesenden Jakob gruppierte Figurenkonstellation mit Gesine, dem Geheimdienstoffizier Rohlfs und Gesines einstigem Geliebten Jonas Blach die letzten Lebenstage sowie die Umstände von Jakobs Tod zu rekonstruieren.

Das vierbändige Epos «Jahrestage» greift auf das hier gelegte Stoffundament zurück. Es schildert in 366 Tagen, vom 21. August 1967 bis zum 20. August 1968, dem Vortag des russischen Einmarsches in Prag, das Leben der Gesine Cresspahl, die mittlerweile mit ihrer (und Jakobs) Tochter Marie als Bankangestellte in New York lebt. Darin eingelassen und mit den Tagesereignissen korrespondierend, rekonstruiert sie in täglichen Gesprächen mit ihrer Tochter ihre mecklenburgische Herkunft, beginnend mit dem Jahr 1931 und fortschreitend bis ins Jahr 1968.

Mit «Mutmassungen» und «Jahrestage» waren die Lebensgeschichten von zwei der wichtigsten Figuren dieses Erzählkosmos geschildert: Gesine Cresspahl und Jakob Abs. Es fehlte eine dritte Figur, die bislang zwar stets im Hintergrund als überragende Vaterfigur gegenwärtig war, aber nur selten im Mittelpunkt der Erzählung stand: Heinrich Cresspahl. Diese Lücke sollte «Heute Neunzig Jahr» schliessen. Gleichzeitig öffnete Johnson abermals die zeitliche Perspektive: die Erzählung setzt mit Cresspahls Geburt im Jahr 1888 ein und hätte über dessen Tod hinaus bis ins Jahr 1978 fortgeschrieben werden sollen. Ausgeführt hat Johnson davon nur die erste Hälfte; sein Romanfragment bricht mit dem Jahr 1946 ab. Gegenläufig zur zeitlichen Öffnung nahm er eine inhaltliche Verdichtung vor. Noch drastischer prallen so die Korrespondenzen zwischen privater Biographie und historischem Zeitgeschehen aufeinander; noch eindringlicher wird die Unterwerfung individueller Lebensgeschichte unter das Diktat der Zeitgeschichte ins Bild gesetzt.

Nahtlos fügt sich der Text in Johnsons literarisches Schaffen, das mit jedem Werk das Netz der Erinnerung dichter webt. Doch hält man «Mutmassungen», «Jahrestage» und diesen Nachlasstext nebeneinander, so glaubt man einen Bruch wahrnehmen zu können: die Mutmassungen über Jakob Abs und dessen Tod wurden konsequent in eine polyphone Stimmenvielfalt aufgefächert und der Entwurfscharakter der Erinnerung transparent gemacht. «Jahrestage» bindet die Vergangenheit mit einem Netz scheinbar willkürlicher Korrespondenzen an eine Jetztzeit: die Vergangenheit versteht sich im benjaminschen Sinn als eine für die Gegenwart bedeutsame Rekonstruktion.

In «Heute Neunzig Jahr» nun scheint die erinnernde Erzählfigur Gesine auf ein lineares Erzählkonzept zurückzufallen. Aus ihrer eigenen lückenhaften Bildung und Erinnerung wie aus historischen und fiktiven Quellen schöpfend, versichert sich Gesine der Lebensgeschichte ihres Vaters (daher der ursprüngliche Titel «Versuch, einen Vater zu finden»). Doch nur scheinbar folgt Gesine der «Kette der Jahre», indem sie ihre Vergangenheitsrekonstruktion mit dem 10. Oktober 1888, dem Geburtsdatum Heinrich Cresspahls, beginnt und dann fortschreitend die historischen wie die biographischen Daten Jahr für Jahr mehr aufzählt als erzählt. Denn ihr Zugang zur Geschichte ist verschüttet und mehrfach gebrochen, bloss «auswendig gelernt»; was sie damit anrührt, stellt nicht mehr als «die äussere Kruste des Gewesenen» dar. «Nicht wie es war» vermag Gesine in Erinnerung zu rufen: «bloss was ich davon finden konnte.»

GITTER DER ERINNERUNG

Der Argwohn gegenüber dem eigenen Wissen und das Bewusstsein fehlender authentischer Erinnerung durchkreuzen als beständige Zweifel die Rekonstruktion des Vergangenen. Verstellt ist die Vergangenheit (und das meint hier: die Lebensgeschichte des eigenen Vaters) zunächst durch schieres Unwissen: Auch wer den eigenen Vater ohne Unterlass beobachtet hätte, dem würde er dennoch nur «kenntlich für Steckbrief und Grabrede, von ihm wäre geblieben was zu hören, was zu sehen war», und doch nicht mehr als «flackernde, verwischte Schatten auf dem Gitter der Erinnerung». Wie schwierig erst war es da, den einsilbigen Cresspahl zu fassen, der sich einen Hinweis auf die Farbenpracht eines Sonnenuntergangs mit der Ermahnung, «das sehe man auch ohne Rederei», verbitten konnte. Gesine freilich lässt solches gerade einmal gelten als «Ausrede [. . .] für versäumte Fragen». Wie schwer Erinnerungsarbeit unter diesen Umständen fällt, gibt Gesine zu bedenken, als Cresspahl 1926 über Amsterdam nach England auswandert und sich damit noch weiter von ihrem eigenen Erinnerungsraum entfernt: «Sechs reichliche Jahre behinderten Lebens bei den Engländern, es ist der Tochter zu viel, ihr gehen da Gründe ab, selbst Anlässe.»

Doch auch Wünsche an die Vergangenheit irrlichtern durch die Erinnerung. 1931 heiratet Cresspahl Lisbeth Papenbrock. Da möchte die erinnernde Tochter im Wissen um kommendes Unglück eingreifen: «Ich will es anders. Lisbeth soll sich bequemen zu der Lübecker Partie, zu der ihr vom Vater geraten war.» Doch: «Mit dem Wünschen geht es nicht weiter dahin, wo er [der Vater] zu sehen wäre.» Dass da eine Schulbildung keine verlässliche Stütze für die Erinnerung darstellt, müsste nicht eigens erwähnt werden; doch Gesine, 1933 geboren, durchlief sowohl die national- wie die realsozialistischen Schulen: das hat empfindliche Lücken hinterlassen. In dieser Schule hatten sie ein Referat zu halten gelernt, weshalb die Rote Armee habe zusehen müssen, wie die Wehrmacht den Warschauer Aufstand von 1944 niederschlug. Ein selbstredend ungehaltenes Referat habe sie «vorrätig über die Gründe, derentwegen der Oberste Befehlshaber und Marschall der Sowjetunion wenigstens hätte Flugplätze freigeben können für amerikanischen Entsatz aus der Luft».

VOLLZUG DES SCHEITERNS

Zu verschmerzen sind solche (immerhin korrigierbaren) Entstellungen. Unwiederbringlich verloren dagegen ist das Nur-Gewusste, das nicht «wirklich in der Erinnerung» Vorhandene: was man sie, Gesine, nicht mit eigenen Augen sehen liess. Vom Jahr 1944 wisse sie «das Nötigste», und es fehle ihr doch. «Das Konzentrationslager Barth auf der anderen Seite des Boddens, es sollte uns [Kindern] erspart bleiben, so habe ich es verloren.» Nie aber werde «die Erinnerung die gleiche Zeit gewinnen.» Das Wissen um die Shoah wiegt das für die Erinnerung Versäumte nicht auf.

Mit einem Schlag erhellt sich, dass dieser «Versuch, einen Vater zu finden», in dessen Kern es auch um die Frage geht, weshalb der Vater sich erweichen liess, mit Frau und Tochter in das von den Nazis beherrschte Land zurückzukehren, scheitern muss. Das Wissen, das Gesine mühselig zusammenträgt, und die wenigen Bilder, aus denen ihre Erinnerung lebt: sie werden am Ende nur um so schmerzlicher die Lücken dieser Erinnerung ins Bewusstsein brennen. So kommt ein unabschliessbarer Erinnerungsprozess zu einem – sinnfälligerweise – unabgeschlossenen Ende.

Im Fragmentcharakter des Nachlasstextes lässt sich dann noch eine Spur dieses Scheiterns nachlesen: ein Scheitern freilich, das als Ausweis der Vorläufigkeit und Unabschliessbarkeit allen Erinnerns zu gelten hat. Deutlicher hätte Johnson, der rastlos an diesem für immer verlorenen Erinnerungsraum fortschrieb, das Bruchstückhafte des Erinnerns willentlich nicht darstellen können. Dies macht die fragmentarische Hinterlassenschaft auf beklemmende und doch befreiende Weise im Vollzug des Scheiterns sinnfällig.

Kurzbeschreibung

Heute Neunzig Jahr ist das letzte, unvollendete Erzählprojekt Uwe Johnsons. Nach dem Tode des Autors im Februar 1984 fanden sich Typoskript und Material zu diesem geplanten Buch. Das als Text Vorhandene erzählt die Cresspahl-Geschichte von 1888 bis 1947, also knapp sechzig Jahre. Die Tochter Gesine vergegenwärtigt sich Jahreseintrag um Jahreseintrag das Leben ihres Vaters und ihr eigenes: von Heinrichs Geburt als Stellmachersohn auf einem Gut in Mecklenburg, einer Tischlerlehre in der Kleinstadt Malchow über seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg, Widerstand gegen den Kapp-Putsch, seinen Weggang aus einer unheimatlichen Heimat, zuerst in die Niederlande, dann nach England, seine Etablierung als Tischler in Richmond bei London gegen Ende der zwanziger Jahre bis zu den Ereignissen, die wir aus Johnsons großem Roman-Epos Jahrestage kennen. Erzählt werden diese "Jahre individueller und öffentlicher Geschichten, gesehen durch die Erfahrung (statt durch Temperament) einer Person", der Erzählerin Gesine, in enger Parallelführung und Verflechtung des Privaten mit dem Historisch-Politischen, das genauestens recherchiert und scharf ironisch reflektiert wird. Dem Text nachgestellt sind unter anderem ein Nachwort sowie ein philologischer Essay des Herausgebers Norbert Mecklenburg.

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Die Katze Erinnerung 4. Januar 2010
Von Günter Nawe "Herodot" TOP 100 REZENSENT VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Gebundene Ausgabe
Das opus magnum des Schriftstellers Uwe Johnson, die "Jahrestage", war mit der Veröffentlichung des vierten und letzten Bandes gerade vollendet, da starb der Autor im Frühjahr 1984 - also vor gut 25 Jahren. Daran also ist zu erinnern, weil zu dieser Zeit 1984 bereits ein neues Werk angekündigt war, ein Buch mit dem Titel "Heute Neunzig Jahr". Als Untertitel war geplant, dann wieder gestrichen: Die Geschichte der Familie Cresspahl.

Das Buch blieb unvollendet, es fand sich lediglich ein Typoskript von rund 120 Druckseiten. Direkt am Anfang des Textes - veröffentlicht zusammen mit einer philologischen Studie und einem Nachwort des Herausgebers Norbert Mecklenburg - schreibt Uwe Johnson: "Auswendig gelernt, die äußere Kruste des Gewesenen, gezwängt in die Kette der Jahre, die zurückrasselt in den Brunnen. Statt der Wahrheit Wünsche an sie, auch Gaben von der Katze Erinnerung, dem Gewesenen hinterher schon durch die Verspätung der Worte, nicht wie es war, bloß was ich davon finden konnte: 1888, 1938, 1968. Damals."

Für Johnson-Leser entschlüsselt sich dieser kryptische Text sehr schnell. 1888 war das Geburtsjahr von Heinrich Cresspahl, 1968 verlässt Gesine New York und fliegt über Kopenhagen nach Prag. Anfang und Ende der "Jahrestage" also.

Parallelen zwischen "Heute Neunzig Jahr" und den "Jahrestagen" gibt es zuhauf. Der hier veröffentlichte und sozusagen nachgeschobene Text erzählt noch einmal die Geschichte der Familie Cresspahl, allerdings weniger narrativ als in Form von sehr präzisen Eintragungen, mit denen sich Gesine den Vater und ihre eigene Biographie vergegenwärtigen will: von Heinrichs Geburt als Stellmachersohn auf einem Gut in Mecklenburg, seiner Tischlerlehre in Malchow, der Teilnahme am Ersten Weltkrieg, dem Weggang aus der unwirtlich gewordenen Heimat zuerst in die Niederlande, später nach England bis hin zu den Ereignissen, die der Leser aus den "Jahrestagen" kennt. Das unvollendete Prosastück endet 1947, sollte dann aber bis ins Jahr 1978 fortgesetzt werden, was die titelgebenden "Neunzig Jahr" erklärt.

Und wie immer bei Johnson, der eigentlich in allen seinen Büchern beim Thema bleibt, erfolgt eine Verflechtung des Privaten mit dem Historisch-Politischen. Johnsons akribische Recherche, die ironische Reflexion und die erstaunliche Dichte des Textes erklären die Faszination und Spannung, die für den Leser aus diesem Nachlasswerk erwächst.

Bemerkenswert die Leistung des Herausgebers Norbert Mecklenburg. Dessen philologischer Essay und sein Nachwort zu diesem Band sowie die ausführliche Cresspahl-Zeittafel machen dem Leser viele Zusammenhänge, was die gesamte Johnson-Literatur betrifft, im Besonderen aber die "Jahrestage", deutlich. So lange also Uwe Johnson gelesen wird, wird dieses Buch Bestand haben.
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