Ein neuer Roman von Barbara Vine (alias Ruth Rendell) ist immer ein Grund zum Feiern. In ihrem neuen, außergewöhnlichen Psychothriller beweist sie wieder einmal, wie perfekt sie die Kunst beherrscht, den Leser in fremde Welten zu entführen.
Heuschrecken handelt von der Obsession einer jungen Frau und deren Ursprung, die in ihrer Vergangenheit zu suchen sind: Ihre Liebe zu extremen Höhen, ihr Hang zum Klettern führten zu einem tragischen Unfall, zu Schuldgefühlen und zum Verstoß durch ihre Familie.
Clodagh Brown hatte schon immer Angst vor engen Räumen wie auch eine Liebe zum Klettern, eine Phobie und eine Leidenschaft, die, als sie noch zur Oberschule ging, zum tragischen Tod ihres Freundes führten. Später, als College-Studentin, die bei entfernten Verwandten in Maida Vale, einem etwas schäbigen Londoner Bezirk, in einer Kellerwohnung lebt, trifft sie auf eine Gruppe Gleichgesinnter, die diese beiden psychologischen Schrullen mit ihr teilen und sie mit den steilen Dächern ihrer neuen Umgebung bekannt machen. Clodagh verliebt sich bald in Silver, einen jungen Mann, dessen Wohnung in der obersten Etage im Haus gegenüber von einer faszinierenden Gruppe der unterschiedlichsten Menschen bewohnt wird. Deren jugendlicher Idealismus und moralische Überzeugungen stehen häufig im Gegensatz zu herkömmlichen Wertvorstellungen und den Feinheiten des Gesetzes.
Während Clodagh und Silver die Handlung tragen, bieten ihre Freunde der Autorin reichlich Gelegenheit, ihre Gabe zu demonstrieren, sich in eine Vielzahl von Leben und Persönlichkeiten hineinzudenken: von Liv, dem schwedischen Au-pair-Mädchen, das wie eine Bergziege über die Dächer kraxeln kann, jedoch vor dem, was sie auf ebener Erde erwartet, eine panische Angst hat, bis hin zu Jonny, dessen pathologisches Bedürfnis, die anderen zu beherrschen -- insbesondere Liv -- zu einem entsetzlichen und tragischen Ausgang führt. Als die Kletterer zufällig auf eine Dachwohnung stoßen, in der sich ein Pärchen mit ihrem adoptierten Mischlingskind vor den Behörden versteckt (die ihnen das Kind wegnehmen würden), kommt Vines Fähigkeit, das Tempo zu ändern, ohne Abstriche an Geschichte oder Charakteren zu machen, voll zur Geltung. Heuschrecken ist ein scharf gezeichnetes, außerordentlich lesenswertes Buch. --Jane Adams
Die doppelte Baroness
Die Kriminalautorin Barbara Vine und ihr neuer Roman
Barbara Vine ist Ruth Rendell, Baroness Rendell of Babergh inzwischen und einundsiebzig Jahre alt, neben der eine Dekade älteren P. D. James die bedeutendste Kriminalschriftstellerin der britischen Gegenwartsliteratur. «Heuschrecken» «Grasshopper» ist Vines zehnter Roman, Ruth Rendells Bücher scheinen mit mehreren Dutzend längst zahllos. Während es sich bei den konventionelleren, auf Rendells Serienfigur Chief Inspector Wexford und die fiktive Provinzstadt Kingsmarkham zugeschnittenen Büchern um erfolgreiche Polizeiromane handelt und sie in anderen, ebenfalls unter ihrem wirklichen Namen herausgegebenen Romanen eindringliche psychopathologische Studien betreibt «A Demon in My View», «A Judgement in Stone» , bilden die unter dem Pseudonym Barbara Vine veröffentlichten Bücher die grossartige Apotheose im Werk dieser faszinierenden Autorin. «Die im Dunkeln sieht man doch» («A Dark-Adapted Eye», 1986) und «Es scheint die Sonne noch so schön» («A Fatal Inversion», 1987), die beiden ersten Barbara-Vine-Romane, zählen zu den «unvergesslichsten und originellsten Kriminalromanen des Jahrhunderts»: Julian Symons' freilich sehr hoch greifende, in seinem berühmten Handbuch «Bloody Murder» geäusserte Einschätzung ist nach wie vor von eindrucksvoller Gültigkeit. Als Barbara Vine schreibt Ruth Rendell die späten Klassiker ihres Genres.
«Ich möchte keine alltäglichen Kriminalromane schreiben», sagt sie. In Hamburg betrachtet Ruth Rendell aus einer weitläufigen Suite den Wind, der über die Alster geht. Starke Böen drücken sporadisch gegen die Fenster und erinnern an den Sturm, der am Ende von «Heuschrecken» die jugendlichen Helden bei ihrer waghalsigen Flucht fast von den Dächern reisst. «Ich möchte ungewöhnliche Bücher schreiben, die von ungewöhnlichen Dingen handeln.» Von beiläufigen Entführungen etwa, von heimlicher familiärer Gewalt und willkürlichem Schrecken. In «Die im Dunkeln sieht man doch», auch nach Rendells eigener Einschätzung einer ihrer besten Romane, kehrt sie die klassische Rätselfrage des Detektivromans um, stellt nicht die Aufdeckung des Mordes und die Suche nach dem Täter in den Mittelpunkt des Leserinteresses, sondern die quälende Frage nach der Identität des Opfers.
Glaubwürdigkeit
«Das soll allerdings nicht heissen», sagt sie, «dass ich die Regeln und Konventionen des englischen Kriminalromans ablehne. Ich habe sogar zahlreiche Bücher geschrieben, die sich streng daran halten. Aber wenn man so viel schreibt wie ich, läuft man irgendwann Gefahr, sich zu wiederholen.» Man könne nicht wieder und wieder ein und dasselbe Buch schreiben, fügt sie hinzu, obwohl es durchaus Autoren gebe, die genau das täten. «Allerdings wirkt das dann sehr routiniert und abgedroschen. Ich», sagt Ruth Rendell und stellt sich förmlich in die Sesselpolster zurück, bevor sie als Barbara Vine fortfährt, «wollte stattdessen etwas ganz anderes tun.»
«Ich verwende immer sehr grosse Sorgfalt auf die Charakterisierung meiner Figuren», sagt sie. Clodagh Brown, die klaustrophobische Ich-Erzählerin von «Heuschrecken», driftet nach einem schockierenden Unfall gefährlich nah an die Ränder der Gesellschaft: «Heuschrecken» ist der an den sensiblen Fäden ihres Nervengeflechts mitunter in äusserster Spannung aufgehängte Roman einer Erwachsenwerdung. «Ich möchte, dass der Leser den Eindruck hat, es mit glaubwürdigen Figuren zu tun zu haben, denen eine Art fiktive Wahrheit anhaftet. Er sollte sich nicht auf Grund eventueller Verbrechen für sie interessieren, sondern weil es sich um Menschen handelt, die sich in einer Welt bewegen, die der Leser wiedererkennt.» Die geheimnisvoll verzweigte Welt der Londoner Underground in «König Salomons Teppich» («King Solomon's Carpet», 1991) zum Beispiel oder die nicht minder real erscheinenden und ebenso labyrinthischen, ebenso dunklen Gefühlswelten, in welchen der charismatische Geschichtenerzähler Sandor in «Liebesbeweise» («Gallowglass», 1990) seine Zuhörer verwirrt.
«Dennoch», ergänzt Vine, während ein weiterer Windstoss gegen die Fenster fährt, dennoch beginne für sie als Autorin jeder Roman weniger mit den Figuren als mit einer Idee. «Bei König Salomons Teppich war es natürlich die U-Bahn, bei Heuschrecken vor allem die Vorstellung von Elektrizität als einer gefährlichen und zerstörerischen Kraft, sofern man sie missbraucht, und als einer sehr nützlichen Sache andererseits, sobald sie von jemandem gehandhabt wird, der sich darauf versteht.» Clodagh ist Elektrikerin; «Heuschrecken» erzählt sie weitgehend im Rückblick auf vergangene Jahre.
Sündenfall vom Hochspannungsmast
Mit siebzehn verleitete Clodagh ihren Freund Daniel dazu, gemeinsam einen Hochspannungsmast zu erklettern. «Er ist eine Heuschrecke», beschrieb Daniel den Mast, «die quer über die Felder springt.» Als der grelle Blitz durch seinen Körper ging und ein Feuerball ihn zu verschlingen schien, stürzte auch Clodagh ins Bodenlose eines Lebens voller Angst und Schuldgefühle. Barbara Vine enthüllt bereits diese fatale Ausgangssituation ihres neuen Romans mit der Gelassenheit einer Schriftstellerin, die alle Hebel ihrer höchst manipulativen Erzähltechnik mit bemerkenswerter Souveränität zu bedienen versteht und die Handlung von Anfang an bei stetiger Beschleunigung unaufgeregt über alle Weichen und Signale des literarischen Suspense hinwegsteuert. Sie begnügt sich über die weite Strecke der ersten hundert Seiten ihres Romans mit feinen Andeutungen über Daniels Tod, mit sorgfältig placierten Hinweisen, die sich dennoch nach und nach zu einem detaillierten Bild der Tragödie ergänzen, und bekundet derart ein kontrolliertes erzählerisches Understatement, das für Kriminalautoren von geringerem Kaliber tödlich wäre, in «Heuschrecken» jedoch unablässig an den Nerven zerrt.
Als Daniel schliesslich hinabstürzt «Er stürzte, ohne den Mast zu berühren, geradewegs nach unten, tiefer, immer tiefer, mit einer leichten Drehung, die Arme ausgebreitet wie Flügel» und das Anfangskapitel von Clodaghs eigener Geschichte erzählt ist, hat ihr Lebensweg in London längst die Spuren einer Reihe anderer Figuren gekreuzt, denen auch der Leser fasziniert nachgeht, bis er sich gänzlich verliert und in den verwinkelten Passagen der mitunter viktorianisch anmutenden Romanarchitektur der führenden Hand der Autorin ausgeliefert ist. Auf den hohen Dächern von Maida Vale und Little Venice findet Clodagh allmählich ein neues Leben und in Silver, der ihr und verschiedenen anderen Aussteigern grosszügig Logis gewährt, auch eine neue Liebe. Als Barbara Vine jedoch allmählich ein Paar in die Handlung hineinzieht, das sich mit seinem von den Behörden zurückgeforderten Adoptivkind in einem der benachbarten Häuser versteckt, scheint auch Clodaghs und Silvers Liebe gefährliche Beweise zu fordern.
«Ich habe wirklich keine Ahnung, was einen typischen Barbara-Vine-Roman ausmacht.» Ruth Rendell legt ihre Hände im Schoss zusammen und verschenkt ein Lächeln der Unschuld. Der Wind flaut ab. Hinter ihr öffnet sich leise die Tür. «Ich weiss nur, dass ich diese Bücher unter meinem richtigen Namen wahrscheinlich nicht schreiben könnte. Ich gebe zu, das klingt ziemlich eigenartig. Ich mache mir auch keine Aufzeichnungen. Ich schreibe, bis ich ans Ende gelange. Dort höre ich auf.»
Thomas David
Barbara Vine liest am Sonntag, 1. April, um 17 Uhr im Zürcher Theater am Neumarkt aus ihrem neuen Roman. Die deutsche Übersetzung trägt Graziella Rossi vor, moderiert wird die Veranstaltung von Denis Scheck. Tel. (01) 267 64 64.