Sie haben sich im Mai 1948 in Wien kennen gelernt: die Philosophiestudentin Ingeborg Bachmann und der staatenlose Jude Paul Celan aus Czernowitz. "Der surrealistische Dichter ...hat sich...in mich verliebt...", schreibt sie ihren Eltern. Und an Paul: "...und nehm Deinen fremden, dunklen Kopf zwischen meine Hände und möchte Dir Steine von der Brust schieben, Deine Hand mit den Nelken freimachen und Dich singen hören". Er - ganz Dichter - eröffnet den Briefwechsel mit dem wunderbaren Gedicht "In Aegypten", in dem bereits alles das anklingt, was sein Leben bedeuten sollte. Er nimmt die Geliebte mit hinein in seine Jüdischkeit. "Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken /...mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi..." heißt es da.
Dieser Briefwechsel - er währte vom Mai 1948 bis Herbst 1967 und wird ergänzt um die Korrespondenz zwischen Paul Celan und Max Frisch und Ingeborg Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange - ist ein Dokument einer ganz großen und sehr schmerzlichen Liebe, ein Dokument der Hingabe, der Trennung, des Sich-Wieder-Findens, ein dramatisches und bewegendes, ja, berührendes Lebenszeugnis. In den Kontext zum Briefwechsel gehört auch Celans Gedichtband "Mohn und Gedächtnis" mit der berühmten "Todesfuge" (1952). Lange wurde gerätselt, was es mit dieser Liebe der beiden bedeutenden Dichter auf sich hatte, wie diese Beziehung sich in Werk und Leben der beiden niedergeschlagen hat. Endlich haben wir Klarheit.
Begonnen hatte die Beziehung am 20. Mai 1948 in Wien. Wenige persönliche Treffen waren danach zu verzeichnen: Ende 1950 war Ingeborg Bachmann etwas zwei Monate bei Celan in Paris, ein weiteres Mal im Februar/März 1951 für ein paar Tage; im März 1952 haben sie sich bei der Tagung der Gruppe 47 getroffen. Jahre des Schweigens folgten. Erst 1957 dann eine weitere persönlichen Begegnung, so in Köln. Hier kam es zu einem Neubeginn der Beziehung. Lyrische Beweise: das Gedicht "Rheinufer" von Ingeborg Bachmann ("Wasserstunde, der Schuttkahn/fährt uns zu Abend...". Und Paul Celan "antwortete" mit dem wunderbaren Gedicht "Köln: Am Hof" ("Herzzeit, es stehn/die Geträumten für/die Mitternachtssziffer...Ihr Dome ungesehn,/ihr Wasser unbelauscht,/ihr Uhren tief in uns"). Die kommenden Treffen wurden jedoch bald spärlicher, ein letzter Brief dann Ende 1961.
Der Versuch eines gemeinsamen Lebens in Paris oder anderswo scheiterte, musste scheitern. Sie haben sich "gegenseitig die Luft genommen".Und doch: die Bachmann kämpfte um Paul, wenn auch letztlich vergebens. Sie schreibt von der "großen Sehnsucht nach ein wenig Geborgenheit" und "Du warst...beides für mich: das Sinnliche und das Geistige".
Natürlich war diese Beziehung nicht nur eine Privatsache. Hat sie doch etwas mit dem historischen Verhängnis zu tun, das die Bachmann nur als indirekt Betroffene, Celan als direkt Betroffener, als Opfer (er hat seine Eltern im KZ verloren), als das er sich sein ganzes Leben lang gefühlt hat: traumatisiert und ständig verfolgt, erlebt und erlitten hat. Dazu sein "Niedergeschlagenheit über die politischen Zustände in Deutschland". Das hat auch etwas mit der Goll-Affäre zu tun. Celan habe von Yvan Goll "abgeschrieben". Ungewollt ist diese Geschichte von dem Literaturwissenschaftler Richard Exner ausgelöst worden; von Claire Goll wurde ein einfacher Vergleich dann instrumentalisiert und so zu einer Affäre, die für Celan zu einem lebensbestimmenden Thema wurde.
Immer wieder nahm er in seinen Briefen Bezug darauf, bat darum, forderte, eindeutig für ihn Stellung zu beziehen. Ingeborg Bachmann versuchte zu helfen, zu vermitteln, auch zu beschwichtigen. Paul Celan war nicht zu beruhigen und übertrug die Affäre auf die gesamte politische Befindlichkeit der jungen Bundesrepublik. Der Plagiatsvorwurf sei infam man suche die Veröffentlichung seiner Gedicht zu hintertreiben, Böll habe ihn hintergangen, Max Frisch ebenfalls, die Stimmung sei durchgängig gegen ihn. Hier spielte sich ein Drama von antikischem Ausmaß und großer literarischer und geschichtlicher Dimension ab.
Am Ende starb Paul Celan, der sich am 20. April 1970 in Paris das Leben nahm, auch daran. Und Ingeborg Bachmann? Am 17. Oktober 1973 verstarb sie nach einem tragischen Brandunfall in Rom.