Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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108 von 114 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, wenn wir reden, werden wir lächerlich, 28. Oktober 2006
Der Titel "Herztier" ist eine neologistische Anlehnung an das rumänische Wort inimal, das eine Verschmelzung der Worte inima (Herz) und animal (Tier) darstellt.
Erzählt wird die Geschichte einiger junger Menschen im vorrevolutionären Rumänien (Temeschwar in den 80ern). Die kunstvolle Verschlingung der poetischen Sprachbilder mit der erschütternden Geschichte erzeugen eine ungeheuere Dichte, die den Leser von Beginn an in ihren Bann zu schlagen vermag.
Nach dem Selbstmord Lolas, einer Kommilitonin der Erzählerin, lernt diese drei Männer kennen: Edgar, Kurt und Georg. Die jungen Leute verbindet eine Art Seelenverwandtschaft und sie bleiben auch nach dem Studium in Kontakt. In der Maschinenfabrik, in welcher die Protagonistin eine Arbeit als Übersetzerin antritt, lernt sie die junge Rumänin Tereza kennen und freundet sich auch mit ihr an. All dies geschieht vor dem Hintergrund des Ceausescu-Regimes. Die Beschreibung der Lebensumstände, die ständigen Schikanen durch den rumänischen Geheimdienst Securitate und die daraus resultierende Unmöglichkeit ein normales Leben führen zu können, liefern ein bedrückendes Zeugnis vom Nicht-leben-Können in einer menschenverachtenden Diktatur. Verrat und die ständige Angst davor, Beschattung und Verhöre führen zur vollkommenen Zerrüttung der Charaktere. Auch die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland lässt die Gehetzten keine Ruhe finden. Das Auge der Macht sieht überall hin.
Die beklemmende Atmosphäre wird zusätzlich durch die vielfältige Krankheits- und Todesmotivik (rätselhafte "Selbstmorde", Krebs, Wahnsinn...) getragen, die das Buch wie ein roter Faden durchzieht. Wo ein normales Leben nicht möglich ist, bleibt dem Menschen nur die Flucht in den Irrsinn oder in den Tod...
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93 von 107 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Herztier ist ein Roman der Temeswarer Revolution von 1989., 13. September 2000
Von Ein Kunde
Herztier von Herta Mueller habe ich mehrmals gelesen. DieSprache ist sehr bildhaft, derb, einfach wunderbar. Ohne jedeSpekulation, aus dem Bauch heraus werden Personen, Gespraeche, Handlungen beschrieben. Die Direktheit mit der die Autorin schreibt ist verblueffend, faszinierend. Die Tage, Jahre, vor der blutigen Revolution in Temeswar 1989 werden anhand der Citoyen dieser mehrsprachigen alten kakanischen Stadt beschrieben. Das persoenliche Erleben ist nicht zugedeckt, erdrueckt, durch die grausame Finsterniss im rumaenischen Balkankeller Temeswar vor 1989. Die verbogenen Lebenslaeufe sind anhand der grell gezeichneten Frauenfiguren einfuehlsvoll beschrieben. Es ist nicht der harte Sound in Herta Muellers Romansprache der die Figuren antreibt, es ist das Erlebte der Autorin selbst das hier zu Sprache wird. Das die nationalkommunistische rumaenische Balkandiktatur aus dieser mehrsprachigen Stadt eine tote Oeffentlichkeit bis zum Dezember 1989 gemacht hat wird anhand der Figuren deutlich. Das Unheilvolle liegt in der Atmosphaere dieser 1980er Jahre. Die Romanzeit der Autorin ist diese Zeit in dieser alten kakanischen Stadt, die seit 1918, einer der vielen europaeischen missglueckten Grezverschiebungen, rumaenisch als oeffentliche Administrationsprache hat. Aehnlich wie Franz Kafka ist die Autorin sehr sensibel, was die oeffentliche und veroeffentlichte Sprache der Figuren betrifft. Im Hintergrund ist der Mundgeruch der rumaenischen Securitete /Staatsgeheimpolizei, zu spueren. Ich habe einige Lesungen der Autorin mitgemacht, in Heidelberg und Stuttgart. Herta Mueller liest vor vollem Haus. Ihr Publikum hat sie ueberall in der Bundesrepublik und den deutschsprachigen Laendern. Ihr Roman Herztier ist eine Homage an die mutigen, lebenshungrigen Citoyen der multikulturellen Stadt Temeswar der 1980er Jahre. Herta Mueller wurde 1987 "ausgebuergert". Ohne sie ist diese Stadt um eine Literatursprache aermer. Es ist heute eine andere Stadt, ohne die Bewohner die vom Nationalkommunistischen Rumaenien als Devisenbringer gegen Kopfgeld verkauft wurden. Der Schmerz ist den Roman-Figuren eingebrannt. Es sind authentisch, glaubwuerdige Bewohner einer osteuropaeischen Region vor 1989. Herta Muller hat die Aufmerksamkeit und Auszeichnungen nach 1987 verdient. Ihre Romansprache ist der Sound dieser Zeit. Ich habe bei ihr auch bei den Literatur-Lesungen nie einen Hauch von Spekulation welcher Art auch immer, gespuert. Ihre Direktheit praegt ihre Wortstellung. Auch in den Interwiews. Ihr Roman ist mir sehr lieb geworden.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Leise Töne aber deshalb nicht minder intensiv, 4. Dezember 2009
Durch den Literaturnobelpreis neugierig geworden, ist "Herztier" mein erster Roman von Herta Müller und er wird nicht mein letzter sein.
Was mich gleich überraschte und zu Beginn auch verwirrte, ist der Erzählstil. Der Text wirkt nämlich sprung- und bruchstückhaft, doch wenn man sich einmal eingelsen und auf den eigentümlichen Stil der Autorin eingelassen hat, dann sind einem einige wunderbare Lesemomente vergönnt.
Freude bereitet insbesondere die Sprache. Müller ist eher eine Autorin der leisen Töne, doch zuweilen wird die Darstellung bildreich und wortgewaltig. Dabei ist der Text unglaublich dicht und intensiv und schaffte es des öfteren mich in seinen Bann zu ziehen.
Der Roman spielt im Rumänien Ceaucescus und beschäftigt sich zentral mit den Themen Schuld und Unterdrückung. Vieles wird allerdings nur angedeutet und es bleibt genügend Raum um zwischen den Zeilen zu lesen.
So ist mein Urteil zu diesem Buch durchweg positiv, wobei ich mir zuweilen eine etwas stringentere Erzählweise und eine zusammenhängendere Geschichte gewünscht hätte. So kann ich mich durchaus dem Urteil von DIE ZEIT "Ein seltsames, ein wunderbares Buch" anschließen.
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