Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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92 von 97 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, wenn wir reden, werden wir lächerlich, 28. Oktober 2006
Der Titel "Herztier" ist eine neologistische Anlehnung an das rumänische Wort inimal, das eine Verschmelzung der Worte inima (Herz) und animal (Tier) darstellt.
Erzählt wird die Geschichte einiger junger Menschen im vorrevolutionären Rumänien (Temeschwar in den 80ern). Die kunstvolle Verschlingung der poetischen Sprachbilder mit der erschütternden Geschichte erzeugen eine ungeheuere Dichte, die den Leser von Beginn an in ihren Bann zu schlagen vermag.
Nach dem Selbstmord Lolas, einer Kommilitonin der Erzählerin, lernt diese drei Männer kennen: Edgar, Kurt und Georg. Die jungen Leute verbindet eine Art Seelenverwandtschaft und sie bleiben auch nach dem Studium in Kontakt. In der Maschinenfabrik, in welcher die Protagonistin eine Arbeit als Übersetzerin antritt, lernt sie die junge Rumänin Tereza kennen und freundet sich auch mit ihr an. All dies geschieht vor dem Hintergrund des Ceausescu-Regimes. Die Beschreibung der Lebensumstände, die ständigen Schikanen durch den rumänischen Geheimdienst Securitate und die daraus resultierende Unmöglichkeit ein normales Leben führen zu können, liefern ein bedrückendes Zeugnis vom Nicht-leben-Können in einer menschenverachtenden Diktatur. Verrat und die ständige Angst davor, Beschattung und Verhöre führen zur vollkommenen Zerrüttung der Charaktere. Auch die Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland lässt die Gehetzten keine Ruhe finden. Das Auge der Macht sieht überall hin.
Die beklemmende Atmosphäre wird zusätzlich durch die vielfältige Krankheits- und Todesmotivik (rätselhafte "Selbstmorde", Krebs, Wahnsinn...) getragen, die das Buch wie ein roter Faden durchzieht. Wo ein normales Leben nicht möglich ist, bleibt dem Menschen nur die Flucht in den Irrsinn oder in den Tod...
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89 von 99 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Herztier ist ein Roman der Temeswarer Revolution von 1989., 13. September 2000
Von Ein Kunde
Herztier von Herta Mueller habe ich mehrmals gelesen. DieSprache ist sehr bildhaft, derb, einfach wunderbar. Ohne jedeSpekulation, aus dem Bauch heraus werden Personen, Gespraeche, Handlungen beschrieben. Die Direktheit mit der die Autorin schreibt ist verblueffend, faszinierend. Die Tage, Jahre, vor der blutigen Revolution in Temeswar 1989 werden anhand der Citoyen dieser mehrsprachigen alten kakanischen Stadt beschrieben. Das persoenliche Erleben ist nicht zugedeckt, erdrueckt, durch die grausame Finsterniss im rumaenischen Balkankeller Temeswar vor 1989. Die verbogenen Lebenslaeufe sind anhand der grell gezeichneten Frauenfiguren einfuehlsvoll beschrieben. Es ist nicht der harte Sound in Herta Muellers Romansprache der die Figuren antreibt, es ist das Erlebte der Autorin selbst das hier zu Sprache wird. Das die nationalkommunistische rumaenische Balkandiktatur aus dieser mehrsprachigen Stadt eine tote Oeffentlichkeit bis zum Dezember 1989 gemacht hat wird anhand der Figuren deutlich. Das Unheilvolle liegt in der Atmosphaere dieser 1980er Jahre. Die Romanzeit der Autorin ist diese Zeit in dieser alten kakanischen Stadt, die seit 1918, einer der vielen europaeischen missglueckten Grezverschiebungen, rumaenisch als oeffentliche Administrationsprache hat. Aehnlich wie Franz Kafka ist die Autorin sehr sensibel, was die oeffentliche und veroeffentlichte Sprache der Figuren betrifft. Im Hintergrund ist der Mundgeruch der rumaenischen Securitete /Staatsgeheimpolizei, zu spueren. Ich habe einige Lesungen der Autorin mitgemacht, in Heidelberg und Stuttgart. Herta Mueller liest vor vollem Haus. Ihr Publikum hat sie ueberall in der Bundesrepublik und den deutschsprachigen Laendern. Ihr Roman Herztier ist eine Homage an die mutigen, lebenshungrigen Citoyen der multikulturellen Stadt Temeswar der 1980er Jahre. Herta Mueller wurde 1987 "ausgebuergert". Ohne sie ist diese Stadt um eine Literatursprache aermer. Es ist heute eine andere Stadt, ohne die Bewohner die vom Nationalkommunistischen Rumaenien als Devisenbringer gegen Kopfgeld verkauft wurden. Der Schmerz ist den Roman-Figuren eingebrannt. Es sind authentisch, glaubwuerdige Bewohner einer osteuropaeischen Region vor 1989. Herta Muller hat die Aufmerksamkeit und Auszeichnungen nach 1987 verdient. Ihre Romansprache ist der Sound dieser Zeit. Ich habe bei ihr auch bei den Literatur-Lesungen nie einen Hauch von Spekulation welcher Art auch immer, gespuert. Ihre Direktheit praegt ihre Wortstellung. Auch in den Interwiews. Ihr Roman ist mir sehr lieb geworden.
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10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Für Eingeweihte, 28. Oktober 2009
Vielleicht hätte ich "Der König verneigt sich und tötet" nicht zuerst lesen sollen. Die Erzählungen in dem Band haben mich mit ihrer knappen, sparsamen Sprache tief beeindruckt. Im Roman "Herztier" wird mehr oder weniger das Gleiche noch einmal erzählt, aber ausführlicher, umfassender, jedoch in einigen wichtigen Punkten weniger präzise, sodass viele Fragen offen bleiben. In den verdichteten Kurzgeschichten wird für mich das unspezifische Grauen fühlbar, weniger im Roman, weil ich vieles nicht verstehe, nicht nachvollziehen kann, da ich kaum etwas über Rumänien während der Ceausescu-Diktatur weiß (und auch keine Neigung verspüre, die Geschichte zu recherchieren).
Wieso werden die Ich-Erzählerin und ihre Freunde Edgar, Kurt und Georg verfolgt? Weil sie sich schriftstellerisch betätigen oder weil sie Deutsch schreiben oder wegen beidem? Was schreiben sie überhaupt? Es taucht im Roman immer wieder ein Gedicht (-Bruchstück) auf, das mir harmlos erscheint, aber offenbar dem Regime nicht passte - wieso? Wurden den Menschen in Rumänien vom Staat Arbeitsplätze zugewiesen (es scheint so) und war man auf Almosen angewiesen, wenn einem eine solche Stelle weggenommen wurde (es scheint so)? Wieso verlieren die Freunde überhaupt ihre Stellen? Wieso das völlige Unverständnis ihrer Familien für die jungen Leute? Woran zerbricht Georg, der sich, wenn ich das richtig verstehe, nach der Abschiebung nach Deutschland das Leben nimmt (oder soll angedeutet werden, dass er ermordet wurde)? Die Beziehung der Ich-Erzählerin zu ihren Mitmenschen bleibt seltsam unklar - weil die Autorin in diesr Hinsicht über Teile ihrer eigenen Biographie schweigen wollte? (Verständlich, aber meiner Ansicht nach eine Schwäche des Romans.)
Es würde mich interessieren, wie Rumänen-Deutsche, denen die Verhältnisse bekannt sind, auf diesen Roman reagieren - mir ist dessen Welt zu unverständlich, um wirklich davon gepackt zu werden.
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