Das Album "Herzsprung" ist mit Sicherheit das nachdenklichste und poetischste Werk der Ougenweide-Diskografie. Es trägt vor allem die Handschrift des kürzlich verstorbenen Multi-Instrumentalisten Frank Wulff, der den Sound von Ougenweide 40 Jahre lang maßgeblich mitgeprägt hat. Man hört ihn auf ganz vielen Instrumenten aus aller Welt noch einmal grandios musizieren; im Gegensatz zum manchmal etwas synthetisch klingenden letzten Studioalbum "Sol" ist alles handgemacht. Ougenweide knüpfen hier an ihre große Zeit in den Siebzigern an, verleugnen aber auch nicht die Jahre, die dazwischen liegen. "Ein leis und traurig Lied" nennt sich ein auf diesem Album vertonter Text Maria Stuarts, und es ist beileibe nicht das einzige seiner Art. Trotzdem hinterlässt einen die Musik nicht deprimiert, es gibt immer wieder trostvolle und optimistisch auftrumpfende Momente. Olaf Casalich, ein weiterer Veteran aus der Anfangszeit, trumpft mit zwei grandios gesungenen Vertonungen von althochdeutschen Texten aus den Merseburger Zaubersprüchen auf, und auch die neue Sängerin Sabine Maria Reiß zeigt sich erfreulich vielseitig. Vom traurigen Minne-Lied über Chanson-Anklänge bis hin zur Italo-Pop-Hymne, die Ougenweide aus einem mittelalterlichen Tagelied gemacht haben, reicht das Spektrum. Am Ende des Booklets heißt es: "Das Leben ist schön". Musik wie diese sorgt dafür, dass man das auch wirklich wieder glauben kann.