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Margriet de Moors «Herzog von Ägypten»
Margriet de Moor, Jahrgang 1941, ist mit ihrem Débutroman von 1991, «Erst grau dann weiss dann blau», gleichsam über Nacht berühmt geworden. 1993 erschien das Buch auf deutsch; mittlerweile ist es in die grossen Weltsprachen übersetzt worden. Margriet de Moor schrieb damals die Geschichte einer guten Ehefrau, die eines Tages spurlos aus ihrem holländischen Kleinstadtmilieu verschwand. Sie nahm Abschied, weil ihr die Überzeugung von diesem einen Leben, in das sie nun einmal geraten war, abhanden ging. Denn «ganz in der Nähe des Lebens, in dem man zufällig gelandet ist, (befindet sich) ein anderes, das man seelenruhig genausogut hätte führen können». Nach zwei Jahren kommt sie wieder zurück und enthält sich jeden Kommentars. Weit weniger, als er ihre Abwesenheit ertragen konnte, erträgt der Mann nun das Schweigen. Die Frau erzählt nicht und verweigert den Mitvollzug eines Teils ihrer Identität. Diese blinden Stellen lassen den Mann in seiner Liebe irre werden. So beginnt der Roman mit einem Mord.
Der «Herzog von Ägypten» beginnt mit einer romantischen Liebe und endet mit einem natürlichen Tod und einem mittelalterlichen Reigen. Ob es ein Totenreigen ist, mag der Leser entscheiden. Die musikalisch geschulte Autorin (sie studierte einmal Klavier und Gesang) hat ihr Thema in einer versöhnlichen Variation fortgeschrieben und manche Motive in eine alte Zigeunertonart gesetzt. Auch diesmal schreibt de Moor Szenen einer Ehe, in deren Zentrum steht, dass einer weggeht. Nun ist es der Mann, der die Frau verlässt. Aber er kommt wieder und vor allem und das ändert alles : er erzählt.
Während seiner sechzehnjährigen Ehe bricht Joseph, der Roma-Zigeuner, mit dem aufbrechenden Frühling los und kehrt mit dem Herbst zurück zu Lucie, der holländischen Pferdezüchterin. Und wie die Bäume Früchte bringen, schüttelt er Geschichten ab. Eingeflochten in die saisonale Ehe von Lucie und Joseph sind Fragmente der Geschichte und Geschichten europäischer Zigeuner zwischen ewiger Vertreibung, nationalsozialistischen Lagern, modernen administrativen Schikanen, den kleinen Fluchten und schäbig-schönen Riten eines scheinbar ungebundeneren Menschseins.
Die naive und auffällige Lucie («so eine, die in der Schule nicht richtig mitkam» und deren «metallisch rote Haare» sofort verständlich machten, «warum sie als Kind auf der Strasse angepöbelt wurde») liebt Joseph mit der instinktiven Sicherheit, mit der sie Pferde liebt. Und Joseph, der um sechs Jahre und die Erfahrung einer kinderlosen Zigeunerehe mit Parasja reifere Mann, weiss, dass er nun zu Lucie gehört, die ihm Kinder schenkt und alles Vertrauen. Sonst käme er nicht zurück, sonst würde er nicht erzählen.
Josephs Geschichten machen nicht den geringsten Teil der glücklichen Ehe aus. Unter der Stimme ihres Liebsten gerät Lucie, während sie in den warmen roten Backsteinwänden der Küche Kaffee trinkt, hinein in die Welt der Fahrenden, die so ein imaginierter Teil ihres Daseins wird. Und Joseph ist ihr Unterpfand. Damit Joseph erzählen kann, muss er draussen gewesen sein, selbst ein Nomade, Gast in den Wohnwagen der «Korbflechter, Autoschlosser, Schleifer, Wahrsager, Musiker, Zureiter, Pferdehändler, Stuhlflechter, Kurzwarenhändler, Zubehörhändler, Teppichhändler, Hufschmiede, Zirkuskünstler». Damit Joseph lieben kann, darf er nicht bleiben.
Margriet de Moor erzählt vom Erzählen, und sie praktiziert es gekonnt, wenn sie dieselben Szenen in verschiedenen Ansätzen als innere Monologe wechselnder Personen wiederholt. (Sehr raffiniert ist Josephs Ehebruchsgeschichte in den Roman eingefügt.) Unter die Handelnden mischt sich ein allwissendes Ich, das kommentiert und bei aller intellektuellen Distanz zu Lucie doch etwas von Lucies Wesen zu teilen scheint. Die komplizierte strukturelle Kalkulation des Romans reibt sich manchmal mit einer seltsam leichten Eingängigkeit der Bilder. Ein Reiz, der vielleicht beabsichtigt ist. Denn Margriet de Moor pflegt eine anachronistische Sicht des Zigeunerlebens, und sie schönt. Sie scheut keine Szenen wie: «Nachdem sie eines Nachts, als die Sterne fielen, mitten durch die Maisfelder zusammen weggeritten waren . . .» und kann so in jenes demokratische Niemandsland geraten, das stilistische Puristen als Kitsch bezeichnen dürfen. Wer hier nicht überempfindlich ist, wird das Buch gerne lesen und vielleicht von einem modernen Märchenton sprechen.
Wie ein Märchen endet es auch. Der hoffnungslos lungenkranke Joseph wird noch operiert. Joseph stirbt und kehrt wieder: als Stimme, als Geist der Erzählung und der Liebe, die Lucie weiterhin begleitet. Am Ende des Romans beschwört er die grosse Vision eines mittelalterlichen Zigeunerauftrittes: Lucie und Joseph begegnen sich im 16. Jahrhundert wieder, wo er, der Herzog von Ägypten, das Bauernmädel gleich auf sein Pferd heben wird, um es mitzunehmen.
Angelika Overath -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Als Joseph zum erstenmal auf Lucies Gestüt kommt, ist sofort klar, daß die beiden füreinander bestimmt sind. Der Rom-Zigeuner und die Bäuerin heiraten, bekommen Kinder und führen sechzehn Jahre lang eine Ehe, an der nur eines merkwürdig ist: Sie wird jeden Sommer auf Eis gelegt.
Sechzehnmal setzt sich Joseph ins Auto und macht sich auf den Weg zu seiner Verwandtschaft, irgendwo in Europa, in eine Welt, die von anderen Gesetzen und Leidenschaften regiert wird als die der Bürger. Wenn er dann im Herbst zurückkehrt, nimmt ihn Lucie wieder auf und Joseph erzählt von seinen Erlebnissen und der Geschichte der europäischen Zigeuner, die oft zutiefst verstörend ist.
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Fazit: Anspruchsvoll, aber wirklich lohnend. Ein Buch, dass man nicht so schnell vergisst.
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