Um es gleich vorwegzunehmen: Das Buch der Kulturwissenschaftlerin Anna Bergmann und der Journalistin Ulrike Baureithel ist keine leichte Kost und garantiert nichts für schwache Nerven. Für Menschen aber, die sich umfassend mit dem Komplex Organspende auseinandersetzen möchten, sollte "Herzloser Tod" Pfichtlektüre sein. Ein paar Druckfehler, die sich eingeschlichen haben, z.B. Sterummeißel statt Sternummeißel oder Louis Washansky statt Washkansky (der von Christiaan Barnard 1967 das erste Herz transplantiert bekam), ändern nichts an dem großen Wert des Werkes.
In dem Buch kommen an Organtransplantationen beteiligte Ärzte ebenso zu Wort wie das medizinische Pflegepersonal auf Intensivstationen, Psychotherapeuten und Angehörige von Organspendern. Es zeigt sich, dass gerade diejenigen Schwestern und Pfleger, die täglich mit Hirn"toten" umgehen, aber auch einige der befragten Ärzte, der Hirntoddefinition sehr kritisch gegenüber stehen. "Wie kann ein Mensch, der zwar maschinell beatmet wird, aber ansonsten einen rosigen, warmen Körper hat, dessen Herz schlägt, dessen Verdauungs- und Ausscheidungsorgane funktionieren und der auf die Organentnahme mit Stressanzeichen wie Blutdruckanstieg und Schwitzen reagiert, ein Toter sein?" fragen sie sich. So betonen auch die Autorinnen, dass es sich bei der Hirntoddefinition um ein Konstrukt handelt, das einen Sterbenden vorzeitig für tot erklärt, um ihn ausweiden zu können, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Schon vor einigen Jahrzehnten wurde das in einem Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch so ausgedrückt: "Der Mensch soll so tot wie nötig, das Organ aber noch so lebendig wie möglich sein." An diesem Dilemma hat sich bis heute, auch nach dem Inkrafttreten des Transplantationsgesetzes am 1. Dezember 1997 in Deutschland, nichts geändert. Aber nicht nur die Angehörigen, die ihre Zustimmung zur Organentnahme gegeben haben, kommen danach oft in heftige Gewissenskonflikte, sondern auch die Organempfänger müssen, wie das Buch zeigt, die psychische Ausnahmesituation des Lebens mit fremden Organen erst einmal verarbeiten. Zudem sind sie nach der Transplantation nicht mit gesunden Menschen vergleichbar, sondern benötigen lebenslang Immunsuppressiva gegen drohende Abstoßungsreaktionen und Kortison mit allen gravierenden Nebenwirkungen bis hin zu starker Osteoporose, Krebs, Nierenversagen und weiteren schwerwiegenden Folgen. Nur das Verdrängen des Todes aus der heutigen Gesellschaft kann zu solchen paradoxen Therapien wie der Organtransplantation führen, die das "Umdefinieren" eines Sterbenden in einen Hirntoten erfordern, um das Leben anderer möglicherweise ein wenig zu verlängern. Der Mensch wird so zum lebenden Ersatzteillager, aus dem man sich nach Belieben bedienen kann. Nach den Organen sind jetzt sogar die Gesichter an der Reihe, wie der Ende November 2005 weltweit erste Fall einer Gesichtstransplantation in Frankreich zeigte. Die in der Bevölkerung nach wie vor geringe Bereitschaft zur Organspende mag auch darauf beruhen, dass die Menschen fühlen, wie ihnen von offizieller Seite durch die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) eine sehr vereinfachende und beschönigende Version aufgetischt wird. Die Skepsis ist nur zu berechtigt, denn gerade die Schwestern und Pfleger, die mit Hirntoten arbeiten, kennen die andere "dunkle" Seite der Transplantationsmedizin. Einer von ihnen bringt es auf den Punkt: "Sie finden keinen mit einem Organspendeausweis hier."