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Herzfleischentartung
 
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Herzfleischentartung [Broschiert]

Ludwig Laher
4.6 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Broschiert: 196 Seiten
  • Verlag: Haymon Verlag; Auflage: veränderte Auflage. (12. März 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3852188083
  • ISBN-13: 978-3852188089
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 11,2 x 1,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.6 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 157.274 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Ludwig Laher
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Im braunen Hinterland

Ludwig Lahers Roman «Herzfleischentartung»

Als feinnerviger Biograph vergessener Künstlerfiguren hat sich Ludwig Laher einen Namen gemacht: Mit seinen Prosastudien «Selbstakt vor der Staffelei» (1998) und «Wolfgang Amadeus junior: Mozart Sohn sein» (1999) richtete er dem Maler Viktor Emil Janssen sowie dem Sohn des grossen Komponisten poetische Erinnerungsorte ein. Wenn sich Lahers literarische Suchscheinwerfer nun erneut in die verschatteten Zonen der Vergangenheit richten, so treffen die Lichtkegel seiner Aufmerksamkeit diesmal nicht auf ein prekäres Künstlersubjekt, sondern fokussieren ein Stück verdrängter Kollektivgeschichte an einem Nebenschauplatz des Dritten Reichs. Es ist das später zum «Zigeuneranhaltelager» umfunktionierte «Arbeitserziehungslager» im oberösterreichischen Weyer-St. Pantaleon.

Was hier im Bezirk Braunau im landschaftlich lieblichen Oberösterreich während der Jahre 1940/41 geschah, eignet sich wenig für die bunten Prospekte des Fremdenverkehrs. Eben um die fremden oder unkomfortablen «Elemente» einer «nützlichen» Arbeit zuzuführen, hatten anstellige Parteigenossen das Lager etabliert. Die solcherart erzwungene Arbeitskraft fand bei einer Flussregulierung willkommene Verwendung, wobei die verordnete 60-Stunden-Arbeitswoche nicht hinderte, dass auch willkürliches Schinden und Schleifen als «zünftiges» Tagwerk galt. Spätestens nach der «Deutschen Volksweihnacht» 1940, als infolge gröbster Misshandlung ein weiterer Häftling tot liegen bleibt, wird die Sache ruchbar und – je höher die Kunde die Instanzen erklimmt – nachgerade derart peinlich, dass die rasche Räumung des Lagers angezeigt ist. Während in der Folge die Staatsanwaltschaft Linz – unter Umständen sogar gegen den Willen des Justizministeriums im «Altreich» – Ermittlungen durchführt, hat man längst eine Nachnutzung organisiert: In fast fliegendem Wechsel treffen aus anderen österreichischen Lagern nahezu 300 «AZR DR» bzw. «AZR St» («deutsche» bzw. «staatenlose asoziale Zigeuner») im Innviertel ein. Kaum ein Jahr später wird man die Überlebenden nach Lodz deportieren – mitten in die Vernichtung hinein.

Zeugenaussagen, Häftlingslisten, Geburtsregister und Obduktionsbefunde bilden die kritische Masse, aus welcher Ludwig Laher sein Erzählbares destilliert: Die aus den Personalakten gezogenen Namen versehen die Historie wo nicht mit Fleisch und Bein, so doch mit vorstellbaren Gesichtern. Die Opfer erhalten so eine Art Kenntlichkeit zurück – jedenfalls werden sie dem Zifferwerk der Statistik entwunden und (wenngleich nur symbolisch) als Individuen rehabilitiert. Aus den konkreten Namen von Tätern, Opfern und Zeugen konfiguriert Laher zugleich aber auch ein dicht gewebtes lokales Bezugssystem, in welchem viele der – so oder so – Beteiligten einander seit Jahren nach Status und Herkunft gut kennen. Prügelnder und Geprügelter: Sie sind nicht selten aus demselben Dorf.

Anders als der oberösterreichische Dichter Heimrad Bäcker, der in seiner «dokumentarischen Dichtung» die aktenkundigen Niederschläge der nationalsozialistischen Vernichtungsindustrie als irreduzibel schroffe Daten in den Raum der Literatur holt und stellt, übersetzt Ludwig Laher die Daten in Narration. Ein zeitgeschichtlicher Cicerone vollzieht für den Leser – oder vor seinen Augen – die Arbeit der vergegenwärtigenden Imagination. In vielem diskret und sachte, kann der Erzähler den Versuchungen der ätzenden Glosse jedoch nicht durchwegs widerstehen. Wenn im Zusammenhang mit dem Schandkatalog der Schikanen vom «phantasievollen Personal» die Rede ist und die Brücke zur Gegenwart über Anspielungen an die Haider-Rhetorik (die «ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich») geschlagen wird, schmeichelt der Erzähler sich (und absichtsweise seinen Lesern) in dem Bewusstsein, auf der richtigen Seite der Geschichtsbetrachtung zu stehen. Dort hingegen, wo Laher nicht mit dem didaktischen Zeigefinger winkt, sondern die Daten beim Wort nimmt – wie im titelgebenden Begriffszitat der «Herzfleischentartung» – und in lakonische Szenen übersetzt, sind Autor und Text gleicherweise in ihrem Element: «Kriminalpolizist Heinrich Neubauer bezeugt durch seine Unterschrift, die Zigeunerin Maria Justina Müller, fünfundsiebzig Jahre alt, müsse ohne jeden Zweifel einer Herzfleischentartung erlegen sein. Der Bürgermeister ist hochzufrieden mit diesem sich irgendwie auf der Höhe der neuen Zeit bewegenden Eintrag ins Sterbebuch, Herzfleischentartung klingt auch in seinen Ohren ausgesprochen gut.»

Ludwig Lahers Methode erinnert an die Poetik des Radio-Features, welches sich teils über die Erzählerstimme, teils aus Originalton und Hörbild forterzählt. Dazu passt auch die sorglich abgestimmte Melodik, mit welcher Laher seinen Moderator versieht: Die trefflich «sprechbar» gerundeten Sätze klingen, als wären sie à haute voix komponiert, und erzeugen auf diese Weise einen zwingenden Sog. An diesem Punkt erhebt sich freilich der alte Streit zwischen Geschichte und Literatur: Bedient sich das historiographische Anliegen der «schönen» Kunst, oder muss, umgekehrt, die Geschichte als Wasserträgerin der Belletristik herhalten? – «Wie es eigentlich gewesen ist» (Leopold von Ranke), wird auch im Fall Weyer nicht wissbar sein. Mit Ludwig Lahers klugem Roman liegt jedenfalls eine Möglichkeit vor.

Christiane Zintzen -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

Wir verdanken dem oberösterreichischen Autor Ludwig Laher nicht nur ein wichtiges Stück Vergangenheitsbewältigung, sondern die Wiederentdeckung eines begnadeten Poeten. Josef Lehner, OÖ Rundschau "Das Buch gilt als genau recherchiertes Panorama der österreichischen Provinz zwischen 1940 und 1955. Den Auswüchsen der "ordentlichen Beschäftigungspolitik des Dritten Reiches" und den hohlen Pfeilern der frühen Zweiten Republik ist selten ein Autor derart schonungslos zu Leibe gerückt." Salzburger Woche "Luwig Lahers Roman ist ein beklemmendes Zeugnis für die Unmöglichkeit, eine Zeit zu verstehen, die gerade dabei ist, sich in die Geschichte zu verabschieden." Helmuth Schönauer, ORF Radio Tirol + Neue Südtiroler Tageszeitung "Dieses Buch sollte in den Geschichteunterricht als Literaturbeitrag mit einbezogen werden, um die Schüler sensibel dafür zu machen, dass solche Grausamkeiten niemals wieder passieren können." Eine Leserin, Amazon "Exzellente Analyse des Nationalsozialismus in Österreich" Susanne Fischinger, Neue Wiener Bücherbriefe "Indem sich der Erzähler immer wieder der Sprache und Logik der Täter bedient, diese jedoch an den harten Fakten des Opferseins bricht, wird eine von satirischen Grundtönen unterlegte Diskrepanz erzeugt, die den Blick auf die Ungeheuerlichkeit beider Seiten zu schärfen vermag: auf die so schnell zur "Normalität" gediehene NS-Logik und die Bestialität ihrer Folgen." Volksstimme, Ausgabe 28 "Das Darstellen von Grauen auch mit dem Auslösen von Lachen zu kombinieren ist ein verflixt schweres künstlerisches Unterfangen. Und gerade bei so heiklen Themen geradezu unumgänglich. Ludwig Laher ist diese Gratwanderung jedenfalls gelungen. ... Äußerst lesens- und bedenkenswert." Alfred Pittertschatscher, ORF Radio Oberösterreich "Meine Meinung, wonach aus der Literatur ebenso viel über Geschichte zu erfahren sei wie aus den Werken der Historiker, ist durch den gut lesbaren Roman von Ludwig Laher erneut bekräftigt worden." Helmut Sturm, Salzburger Nachrichten "Die trefflich "sprechbar" gerundeten Sätze klingen, als wären sie à haute voix komponiert, und erzeugen auf diese Weise einen zwingenden Sog." Christiane Zintzen, Neue Zürcher Zeitung "Herzfleischentartung' ist ein gewichtiger Beitrag zur - nicht nur im Österreich der ersten Nachkriegsjahrzehnte - ausgebliebenen Erinnerungskultur." Kai Agthe, Ostthüringer Zeitung "Ludwig Laher hat ein faszinierendes Buch geschrieben über die kleinen Täter, Mitläufer, Denunzianten und Feiglinge, die den "Erfolg" des Nationalsozialismus möglich machten, nachher nirgends dabei waren und sich an nichts erinnern konnten." Die Presse "...ein herausragendes Buch.... Der Roman ist eine literarisch höchst überzeugende Konstruktion für dieses verdrängte Kapitel österreichisch-nationalsozialistischer Geschichte zu finden, das ist schon einmal das erste große Verdienst Lahers. Er reportiert die grausamen Geschehnisse mit größtmöglicher Distanz, läßt die Tatsachen für sich sprechen und erreicht mit dem ihm eigenen sprachlichen Sarkasmus jene Betroffenheit beim Leser, die er sich wohl auch erhofft hat." Gerhard Moser, Literatur und Kritik "Wir haben es ja vor allem mit einem ansehnlichen Stück Literatur zu tun und mit keinem Sachbuch. Doch solche Literatur kann in den Köpfen der Leser vielleicht mehr bewirken als das beste Sachbuch..." Hellmut Butterweck, Die Furche "Das Buch ist sowohl Protokoll eines politischen Kriminalfalles und als solches spannend erzählt, als auch eine Sozialgeschichte der 40er und 50er Jahre und eine unerbittliche Diagnose der menschlichen Natur. ... Gerade weil es sich an die konkreten Fakten eines regional begrenzten Falles hält, die allerdings durch die Gestaltung die der Literatur innewohnende Allgemeingültigkeit erhalten, gelingt diesem Buch eine Aussage über das Wesen des Nationalsozialismus und sein zähes Überleben, wie es selten so deutlich und überzeugend dargestellt wurde." Anna Mitgutsch, Der Standard

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Kundenrezensionen

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Gebundene Ausgabe
Auf den „Roman" ,eigentlich die Erzählung, „Herzfleischentartung" von Ludwig Laher bin ich(Schülerin,14) zufällig in der „Bibliothek" meiner Eltern gestoßen. Es geht um ein sogenanntes „Arbeitserziehungslager" ,1940 von der SA im Innviertler Dorf St.Pantaleon errichtet und 1941 wieder geschlossen. Danach wurde das Lager als „Zigeuneranhaltelager" verwendet. Hunderte willkürlich Inhaftierte wurden dort grausamst gequält und sogar umgebracht. Der Autor will mit diesem Buch erreichen, dass es künftig nicht heißt „angeblich" oder „es wird behauptet, dass..." . Mich hat dieses Buch zutiefst erschüttert, weil ich weiß, dass dies nicht nur eine Geschichte ist, sondern tatsächlich in der unmittelbaren Umgebung meiner Heimatstadt Braunau passiert ist. Dieses Buch sollte meiner Meinung nach in den Geschichteunterricht als Literaturbeitrag mit einbezogen werden, um die Schüler sensibel dafür zu machen, dass man mit allen Mitteln verhindern muss, dass solche Grausamkeiten jemals wieder passieren können.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ricarda Ohligschlaeger "Herzgedanke" TOP 500 REZENSENT
Format:Broschiert
1940 öffnete in der Nähe von St. Pantaleon (Österreich) ein Erziehungslager ganz besonderer Art. Die Insassen durch zufällige Willkür inhaftiert werden durch Prügel erzogen. 1941 schließt das Lager und wird von nun an Behausung für viele hundert Sinti und Roma.

Selten habe ich einen derart aufwühlenden Bericht gelesen. Das Buch hat mich zutiefst berührt, wütend und traurig gemacht. Die Ironie des Ludwig Laher ist die Ironie der Täter. Sarkastisch, brutal und gleichzeitig feige beschreibt er die 'Behandlungen' der Insassen. Da wird zur Begrüßung oder aus Langeweile sadistisch gequält, geprügelt und gemordet. Für manche kam der Tod dankbar schnell ' für viele andere an anderen Orten'denn die hunderte Sinti und Roma warteten lediglich auf ihren 'Weitertransport'!

Die Zitate aus Originaldokumenten lockern zwischendurch auf und lassen nicht verleugnen, was wirklich geschah, auch wenn die Täter 'vergessen' haben und so verwischen wollen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von chris
Format:Taschenbuch
Die grauenhaften Zustände des fast vergessenen NS-Arbeitslagers in Weyer bei St. Pantaleon (Oberösterreich, Grenze zu Salzburg) schildert der zugezogene St. Pantaleoner Ludwig Laher in seinem Buch. Mit Zitaten aus Originaldokumenten wird die Grausamkeit und Menschenverachtung pointiert und mit viel Ironie dem Leser vor Augen gemalt.

Wie „ethisches“ Handeln im Zeitgeist aussieht, wenn Personen nicht mit Bestrafung rechnen müssen, wie verlogen „ehrliche Zeugenaussagen“ von Menschen sein können, wird von Laher

Vielleich noch schlimmer und erschreckender, wie schnell die Täter in Weyer sich wieder in das normale Nachkriegsleben eingegliedert haben (bzw. eingegliedert wurden) als ob nicht viel passiert wäre.

Ein Zeuge der Weyer und Mauthausen überlebte: „... dass es im KZ Mauthausen nicht so schlimm gewesen sei, wie in jenem Lager in Weyer.“

Treffendes Zitat von Thomas Hobbes: „Der Mensch ist des Menschen Wolf“.
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