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Ludwig Lahers Roman «Herzfleischentartung»
Als feinnerviger Biograph vergessener Künstlerfiguren hat sich Ludwig Laher einen Namen gemacht: Mit seinen Prosastudien «Selbstakt vor der Staffelei» (1998) und «Wolfgang Amadeus junior: Mozart Sohn sein» (1999) richtete er dem Maler Viktor Emil Janssen sowie dem Sohn des grossen Komponisten poetische Erinnerungsorte ein. Wenn sich Lahers literarische Suchscheinwerfer nun erneut in die verschatteten Zonen der Vergangenheit richten, so treffen die Lichtkegel seiner Aufmerksamkeit diesmal nicht auf ein prekäres Künstlersubjekt, sondern fokussieren ein Stück verdrängter Kollektivgeschichte an einem Nebenschauplatz des Dritten Reichs. Es ist das später zum «Zigeuneranhaltelager» umfunktionierte «Arbeitserziehungslager» im oberösterreichischen Weyer-St. Pantaleon.
Was hier im Bezirk Braunau im landschaftlich lieblichen Oberösterreich während der Jahre 1940/41 geschah, eignet sich wenig für die bunten Prospekte des Fremdenverkehrs. Eben um die fremden oder unkomfortablen «Elemente» einer «nützlichen» Arbeit zuzuführen, hatten anstellige Parteigenossen das Lager etabliert. Die solcherart erzwungene Arbeitskraft fand bei einer Flussregulierung willkommene Verwendung, wobei die verordnete 60-Stunden-Arbeitswoche nicht hinderte, dass auch willkürliches Schinden und Schleifen als «zünftiges» Tagwerk galt. Spätestens nach der «Deutschen Volksweihnacht» 1940, als infolge gröbster Misshandlung ein weiterer Häftling tot liegen bleibt, wird die Sache ruchbar und je höher die Kunde die Instanzen erklimmt nachgerade derart peinlich, dass die rasche Räumung des Lagers angezeigt ist. Während in der Folge die Staatsanwaltschaft Linz unter Umständen sogar gegen den Willen des Justizministeriums im «Altreich» Ermittlungen durchführt, hat man längst eine Nachnutzung organisiert: In fast fliegendem Wechsel treffen aus anderen österreichischen Lagern nahezu 300 «AZR DR» bzw. «AZR St» («deutsche» bzw. «staatenlose asoziale Zigeuner») im Innviertel ein. Kaum ein Jahr später wird man die Überlebenden nach Lodz deportieren mitten in die Vernichtung hinein.
Zeugenaussagen, Häftlingslisten, Geburtsregister und Obduktionsbefunde bilden die kritische Masse, aus welcher Ludwig Laher sein Erzählbares destilliert: Die aus den Personalakten gezogenen Namen versehen die Historie wo nicht mit Fleisch und Bein, so doch mit vorstellbaren Gesichtern. Die Opfer erhalten so eine Art Kenntlichkeit zurück jedenfalls werden sie dem Zifferwerk der Statistik entwunden und (wenngleich nur symbolisch) als Individuen rehabilitiert. Aus den konkreten Namen von Tätern, Opfern und Zeugen konfiguriert Laher zugleich aber auch ein dicht gewebtes lokales Bezugssystem, in welchem viele der so oder so Beteiligten einander seit Jahren nach Status und Herkunft gut kennen. Prügelnder und Geprügelter: Sie sind nicht selten aus demselben Dorf.
Anders als der oberösterreichische Dichter Heimrad Bäcker, der in seiner «dokumentarischen Dichtung» die aktenkundigen Niederschläge der nationalsozialistischen Vernichtungsindustrie als irreduzibel schroffe Daten in den Raum der Literatur holt und stellt, übersetzt Ludwig Laher die Daten in Narration. Ein zeitgeschichtlicher Cicerone vollzieht für den Leser oder vor seinen Augen die Arbeit der vergegenwärtigenden Imagination. In vielem diskret und sachte, kann der Erzähler den Versuchungen der ätzenden Glosse jedoch nicht durchwegs widerstehen. Wenn im Zusammenhang mit dem Schandkatalog der Schikanen vom «phantasievollen Personal» die Rede ist und die Brücke zur Gegenwart über Anspielungen an die Haider-Rhetorik (die «ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich») geschlagen wird, schmeichelt der Erzähler sich (und absichtsweise seinen Lesern) in dem Bewusstsein, auf der richtigen Seite der Geschichtsbetrachtung zu stehen. Dort hingegen, wo Laher nicht mit dem didaktischen Zeigefinger winkt, sondern die Daten beim Wort nimmt wie im titelgebenden Begriffszitat der «Herzfleischentartung» und in lakonische Szenen übersetzt, sind Autor und Text gleicherweise in ihrem Element: «Kriminalpolizist Heinrich Neubauer bezeugt durch seine Unterschrift, die Zigeunerin Maria Justina Müller, fünfundsiebzig Jahre alt, müsse ohne jeden Zweifel einer Herzfleischentartung erlegen sein. Der Bürgermeister ist hochzufrieden mit diesem sich irgendwie auf der Höhe der neuen Zeit bewegenden Eintrag ins Sterbebuch, Herzfleischentartung klingt auch in seinen Ohren ausgesprochen gut.»
Ludwig Lahers Methode erinnert an die Poetik des Radio-Features, welches sich teils über die Erzählerstimme, teils aus Originalton und Hörbild forterzählt. Dazu passt auch die sorglich abgestimmte Melodik, mit welcher Laher seinen Moderator versieht: Die trefflich «sprechbar» gerundeten Sätze klingen, als wären sie à haute voix komponiert, und erzeugen auf diese Weise einen zwingenden Sog. An diesem Punkt erhebt sich freilich der alte Streit zwischen Geschichte und Literatur: Bedient sich das historiographische Anliegen der «schönen» Kunst, oder muss, umgekehrt, die Geschichte als Wasserträgerin der Belletristik herhalten? «Wie es eigentlich gewesen ist» (Leopold von Ranke), wird auch im Fall Weyer nicht wissbar sein. Mit Ludwig Lahers klugem Roman liegt jedenfalls eine Möglichkeit vor.
Christiane Zintzen -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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