Ein 35-jährige Anglist, Germanist und Soziologe soll Niklas Luhmanns Klassiker „Liebe als Passion" für die Gegenwart weitergeschrieben haben? So zumindest behauptet es der Klappentext. Mit entsprechender Skepsis machte ich mich denn auch an die Lektüre. Und das war vor einigen Wochen. Mein gewöhnliches Lesetempo hätte im Normalfall schon längst zu einer Besprechung geführt. Aber dem Redakteur und Autor aus Berlin mit den vollen Lippen und den langen Haaren gelang es locker, mich zu bremsen. Der „Junge" hat etwas drauf. Anders als Luhmann, aber genau das gefällt mir. Christian Schuldt verzichtet vor allem auf ein Soziologendeutsch für Insider, verwendet eine klare Sprache, gebraucht bildhafte Formulierungen und greift nur dann in die Kiste der Neuschöpfungen, wenn die kreierten Wörter auch einen gewissen Unterhaltungswert generieren.
Der Ratgeberteil, der bei anderen Autoren überwiegt und fast immer im pädagogischen Dickicht endet, nimmt bei Schuldt gerade mal vier Seiten ein. Anstelle eines Nachworts bietet Schuldt 5 Strategien der pragmatischen Liebe an, von denen er glaubt, dass sie der heutigen Komplexität einer Partnerschaft am besten genügen. 1.Bodenhaftung bewahren: Schlichtes Füreinander-Zeit-Haben ist der bessere Kitt als mittelalterliche Idealisierungen. Und die Reduzierung der eigenen Ansprüche vergrössert die Chancen andauernder Romantik. 2. Vorsicht vor Verschmelzungen: die Idee einer totalen Fusion zweier Herzen ist zwar betörend, aber ausserordentlich beziehungsgefährdend. Abstand halten und eigene Weltsicht bewahren ist das bessere Erfolgsrezept. 3. Konflikte managen: In einem mentalen Raum der Dauerbeobachtung können Missverständnisse und Konflikte nicht ausbleiben. Wer einen gleich starken Partner aussucht, wird im Liebeswettbewerb besser bestehen und eher zu heilsamen Überraschungsmanövern greifen. 4. Mit Kalkül zum Gefühl: Heisse Herzen, die noch eine Verbindung zu kühlen Köpfen haben, bleiben länger in Kontakt. Denn romantische Reanimationen sind heute strategisch planbarer geworden. 5. Romantik mit Rückspiegel: Ich sehe was, was ich nicht sehe. Nach den zähen Jahrzehnten des Problematisierens lernten wir, unser eigenes Verhalten besser zu beobachten und ins Liebesspiel zu integrieren. Was wir zwar schon immer erfahren haben, wurde inzwischen zum wissenschaftlichen Wissen. Liebe ist weder lenkbar noch kontrollierbar. Aber der aufmerksame Blick in den Rückspiegel kann uns vor gewohnheitsmässigen Fehlverhalten manchmal schützen. Und das ist schon sehr viel.
Der Theorieteil ist alles andere als trocken. Er beginnt mit dem „Code des Herzens", der uns die modernen Grundregeln des Liebesspiels näher bringt. Geboren wurde die Liebesmoderne allerdings bereits im 16. Jahrhundert, als die ständischen Vorgaben aufgebrochen wurden. Wenn Schuldt von Codes spricht, wird deutlich, dass seine Orientierung an Luhmann mehr ist als ein billiges Lippenbekenntnis. Denn Liebe ist als Zeichensprache immer eine spezielle Form von Kommunikation. Im zweiten Kapitel „Liebesgeschichte(n)" rollt Schuldt die Story menschlicher Liebesbezeugungen nochmals auf, wobei er beim Mittelalter beginnt und in der Gegenwart endet. Der Bezug zum Heute macht den Übergang zum dritten Kapitel „Problematische Passion" leicht nachvollziehbar. Die evolutionspsychologischen Erklärungen in diesem Abschnitt teile ich allerdings nur bedingt und finde es schade, dass sich Schuldt bei dieser Thematik so im Mainstream bewegt. Stärker finde ich das folgende Kapitel „Ich liebe, also bin ich", in dem Schuldt die Fallstricke des modernen Individualismus aufzeigt. Weiter geht's dann mit „Die Liebesrealität der Massenmedium", wo der Autor sich ebenfalls auf gewichtige Arbeiten anderen Soziologen stützen kann. „Sex sells - Love too!" behandelt die industriellen und kommerziellen Komponenten der Liebe, in „Die flexible Familie" zeigt Schuldt Besonderheiten von Liebesbeziehungen auf wenn Kinder die Zweisamkeit stören oder fördern, und in „Gestresste Herzen: Liebe in der Ich-AG" erfahren wir Bekanntes und Neues über Ehen und Singe-Dasein. Besonders gut gefiel mir das 9. Kapitel „Die pragmatische Liebe", das eine Art Zusammenfassung des Bisherigen ist und den neuen Liebescode vorstellt und nachvollziehbar macht. Das letzte und zehnte Kapitel „Ausblick: Die Romantik des Cybersex" nimmt Kulturpessimisten den Wind aus den Segeln und zeigt nochmals, weshalb Christian Schuldts Buch künftig in allen Literaturangaben zum Thema Liebe stehen wird. Gratuliere, kein neuer Luhmann, aber ein neue Ton, der viel Wissen zeitgemäss an die Leser bringt.