Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Dein Bild im Herzen von Jeannine Grisius. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
(...) Über die Beziehung meiner Eltern weiß ich fast nichts. Meine Mutter kam zu meinem Vater, sie war jung, sie war schwarz, sie war seine Haushälterin.
Mein Vater hat mir später manchmal von meiner Mutter erzählt, von ihrer Schönheit, von ihrem Stolz.
Ob sie ihn geliebt hat, ob er sie geliebt hat ich weiß es nicht.
Ein afrikanischer Student, Freund meiner afrikanischen Familie, hat mir vor ein paar Jahren erzählt, daß meine Mutter die Tochter eines Aristokraten sei, eines Prinzen oder Barons aus einer alten Dynastie. Das haben mir später auch Bekannte meines Vaters gesagt.
Ich fand es interessant zu erfahren, daß ich ein Produkt des europäischen Bürgertums und der afrikanischen Aristokratie sei.
Einen Augenblick war ich stolz darauf. Immerhin war meine Mutter vornehmer als ich oder mein Vater. Und das erfuhr ich erst jetzt, wo ich es nicht mehr brauchte.
Ob meine Mutter meinen Vater geliebt hat, ob mein Vater meine Mutter geliebt hat, ich weiß es nicht.
Sie haben sich geachtet, das weiß ich jetzt. Das ist alles. Es ist viel.
Als meine Mutter mich gebar, war mein Vater auf Europaurlaub. Ein Kolonialbeamter mußte alle drei Jahre nach Europa auf Urlaub, sechs Monate lang, glaube ich.
Ein paar Monate nach meiner Geburt hat er eine weiße Frau aus seiner Heimat geheiratet.
Meine Mutter Zaïna war schon vor meiner Geburt in ihr Heimatdorf zurückgekehrt, zu ihrer Familie.
Dort bin ich geboren, dort habe ich meine ersten Lebensjahre verbracht.
An den eigentlichen Abschied kann ich mich nicht erinnern; einige Szenen nur, Bilder, Eindrücke, fast statisch. Eine afrikanische Verwandte hat mir später erzählt, das ganze Dorf habe geweint, als ich fortging.
Meine Mutter hat mir gesagt: Du gehst nun zu deinem Vater. Sag deiner Schwester nicht, daß du fortgehst. Du kennst sie ja, sie läßt dich nicht gehen.
Ich bin weggegangen, ohne meine kleine Schwester zu umarmen. Ich hätte es nicht ertragen, sie weinen zu sehen. Außerdem dachte ich, daß ich bald zurückkomme. Ich ertrug es nie, sie weinen zu sehen.(...)