In der Vergangenheit las ich schon eine ganze Reihe Bücher von Politikern von Wolfgang Schäuble über Joschka Fischer und Gregor Gysi. Das neue Buch von Lafontaine gehört ganz gewiß zu den interessantesten. Sicher mag der Umstand seines Rücktrittes als spannendes Moment hinzukommen. Für mich war aufschlussreich wie er die vergangenen Jahre reflektiert, seit dem Einverleib der DDR, aber auch die Ausführungen über die Aktienmärkte und die Medien waren sehr geeignet, Erkenntnisse hinzuzugewinnen. Im übrigen war ich sehr erfreut darüber, dass noch nicht die gesamte Sozialdemokratie dem Sog militaristischen Denkens verfallen ist. Lafontaines Einschätzung des Kosovokonfliktes kann ich eher folgen als der von Joschka Fischer. Bei einer Podiumsdiskussion zwischen Rudolf Bahro, Lothar Bisky und mir 1996 hörte ich von Seiten Bahros zum ersten mal den Titel Öko-FDP. Mir schien das damals noch etwas überzogen. Wenn ich heute bei Lafontaine eine ähnliche Beurteilung lese, dann ist mir in dem letzten Jahr, die Sache schon etwas klarer geworden und ich befürchte, die Entwicklung der Grünen könnte in diese Richtung gehen, leider sage ich. Bei all dem Lob was ich eben für Lafontaines Buch kenntlich gemacht habe und gewiß wäre Lafontaine der bessere Kanzler gewesen, dass war mir von Anfang an klar, so sei aber nicht verschwiegen, dass ich in einem ganz zentralen Punkt, scharfe Kritik habe. Ich habe es immer sympatisch gefunden, wenn Lafontaine von der Brücke ins Solarzeitalter gesprochen hat, die seine Partei bauen will. Schaue ich mir aber die Behandlung des Themas ökologischer Zukunftspolitik in seinem Buch an, dann scheinen mir die Auskünfte dazu eher dürftig. In seinem Band „Die Gesellschaft der Zukunft" konnte man da noch eher hoffen, wenngleich mir klar war, dass auch dort der Zugang viel zu eng war. Wir kommen nicht um die Frage herum, wie wir damit umgehen wollen, dass unsere ganze Industriegesellschaft auf tönernden Füßen steht, im Grunde eine Kriegserklärung an die zukünftigen Generationen ist. Nur als Beispiel: Franz Alt hat in seinem Buch „Die Sonne schickt uns keine Rechnung" aufgezeigt, wie unmittelbar praktisch auch ökologische Regierungspolitik aussehen könnte, die mehr ist als Umweltkosmetik, die uns am Ende Kopf und Kragen kosten wird. In einem weiteren Buch zeigt er auf wie Arbeit und Umwelt miteinander besser versöhnt werden können. Da fragt man sich, sind Sozialdemokraten zu unintelligent das zu begreifen, jedenfalls die, die am Regierungsruder stehen? Dabei gibt es auch in der SPD kluge Leute. Hermann Scheer erhielt gerade den alternativen Nobelpreis für sein ökologisches Zukunftsdenken. Eigentlich wäre er der Kanzler, den sich die SPD 2002 leisten müsste. Aber natürlich ist mir klar, ökologische Realpolitik hat Schranken. Rudolf Bahro versuchte in seinem Buch „Logik der Rettung" die Grundlagen ökologischer Politik aufzuzeichnen. Dieses Werk scheint mir nach wie vor eines der besten und tiefgründigsten auf diesem Gebiet zu sein, mal von einigen Überspitzungen, die enthalten sind abgesehen. Vor diesem Spiegel sind Lafontaines Äußerungen zur Ökologie völlig oberflächlich. Auf der anderen Seite ist mir natürlich klar, dass man die Erkenntnisse über die Rolle des Finanzmarktes z.B., wie sie der Ex-Finanz und Parteichef ausführt, integral in die ökologische Matrix von Politik einarbeiten muß. Ich bin gerade dabei einem Band fertigzustellen, der diese verschienden Ebenen zusammenzubringen versucht, allerdings unter dem Primat der biosphärischen Gleichgewichte. Mit dem Buch „Wege zur ökologischen Zeitenwende" versuchen Franz Alt, Rudolf Bahro und ich eine Alternative zu den heutigen politischen Konzepten vorzustellen. Der Band ist gewissermaßen indirekt auch eine Antwort auf Lafontaines Herangehen. Wie gesagt, ich halte „Das Herz schlägt links" für sehr lesenswert, dass die Parteiobrigkeit der SPD dem nicht beipflichten wird, ist menschlich verständlich.