Ich kannte Jodi Picoult vorher nicht und habe dieses Buch, nach Cover und Inhaltsangabe für einen kitschigen (entschuldigung) Frauenroman gehalten. So viel Leid, wie die arme June ertragen muss(te), muss (Gott sei Dank!) kein Mensch ertagen (können).
Aber was war das? Der Roman entwickelt sich anders als gedacht: Statt den Fokus, wie angegeben und auch wie der Titel vermuten lässt, auf June und Claire zu legen, geht es hauptsächlich um Shay, der für den Mord an Ehemann und Tochter im Todestrakt sitzt. Die Nebenfiguren, besonders Maggie, die pummelige Anwältin von Shay, sind interessant und ich konnte mich gut in sie hineinfühlen, auch wenn sie vielleicht etwas zu "einfach" waren (um nicht das Wort "klischeehaft" zu benutzen).
Es geht also um die Ethik derTodesstrafe, ein Bereich der sehr gut aufgemacht ist im Buch und der auf interessante und aufschlussreiche Weise behandelt wird. Das zweite Hauptthema ist Religion, besondes die gnostischen Evangelien, die Shay zur Verwunderung aller zitiert. Zwei sehr interessante Themen werden zusammengebracht - meiner Meinung nach ist diese Verquickung gut gelungen.
Nicht gefallen hat mir teilweise der Stil. Besonders auf den ersten 200 Seiten hatte ich das Gefühl, die Geschichte kommt nicht richtig in Schwung, der casus knaxus wurde vielleicht etwas zu lange hinausgezögert. Die "Überraschung" am Ende hatte ich schon früher im Buch erwartet und erhofft. Und in den "June"-Kapiteln ist mir die Sprache zu klischeebeladen, die "Wandlung" am Ende wirkt aufgesetzt.
Aber: Die Thematik und der Inhalt des Buches haben mich völllig überzeugt! Ich hatte eine schlaflose Nacht, als ich über die ganzen ethischen Problematiken nachgedacht habe, die das Buch aufwirft -- toll!!
Ich werde das Buch weiterempfehlen und vielleicht auch noch mal was anderes von Jodi Picoult lesen - jetzt wo ich meine Vorurteile überwunden habe.