Am Nachmittag legte sie die Zeitung enttäuscht beiseite. Das Blatt war diesmal nur für
zwei Striche auf dem Notizblock gut: Die Überschrift »Armut des Herzens« gab den einen, die
Käsewerbung den anderen. Obwohl sie kurz überlegt hatte, dafür drei Striche zu vergeben, denn
genaugenommen hatte man es in der Werbung auch mit drei Herzen zu tun: »Folgen Sie Ihrem
Herzen« - eins -, stand über dem Foto des französischen Käses in roter Herzform - zwei -
(passenderweise »Romance« getauft), darunter der Satz »Und das Herz schlägt höher«: drei.
Wer damals auf die Idee mit der Strichliste gekommen war, wußte sie nicht mehr. Irgendwann
kam im Freundeskreis das Gespräch auf die Allgegenwart des Herzens - einer stellte fest, daß
überall gemalte Herzen zu sehen sind, ein zweiter sprach von Schlagertexten, der dritte steuerte
Redensarten wie »beherzt«, »herzhaft« oder »hartherzig« bei, bis ein vierter schätzen wollte, wie
viele Herzen einem jeden Tag in Wort und Bild so begegnen: Zwanzig? Vierzig? Hundert? Seit sie
ihre Strichliste führte, wußte sie: Wenn man sucht, ungefähr fünfundzwanzig. Jedenfalls nie
weniger als zwölf. An guten Tagen mehr als vierzig. Die Grenze lag bislang bei siebenundvierzig,
und obwohl sie alle Herzen gewissenhaft notierte, war sie nie darüber hinausgekommen.
Sie hörte Radio, soviel sie nur konnte, am besten Sender mit viel Musik - dabei fielen immer ein
paar Herzen ab, verletzte, traurige, einsame; es gab auch Herzen, in denen es regnet oder mit
denen gespielt wird. Lebkuchen und Weihnachtsgebäck brachten solide Resultate, ebenso die
Zeitschriften, die sie im Wartezimmer las, weil sie sie nie kaufen würde: Von der »Stimme des
Herzens« war da viel zu lesen, von den Verheerungen im europäischen Hochadel, wo es die Pflicht
verbietet, dem Herzen zu folgen, aber auch Geschichten aus dem Alltag, wo ein Mutterherz nie zu
lieben aufhört oder gebrochene Herzen wieder heilen, wenn nur der Richtige kommt.
Auch Buchtitel ergaben immer ein paar Treffer, Restaurantbesuche (»Artischockenherzen
Clamart«), Filme, Fußballbegegnungen (»Glasgow Rangers gegen Hearts of Midlothian«) die
Werbung sowieso - vom Langnese-Herz über Tütensuppen bis hin zu Parfumflakons und
Seifendosen, selbst Autos mit Herz sorgten schon für Striche auf ihrer Liste.
Seltener als diese stilisierten oder metaphorischen Herzen begegneten ihr Erwähnungen des
leibhaftigen Organs. Abgesehen von Meldungen über Betrügereien mit Herzklappen oder neue
Rekorde der Transplantationsmedizin kommt das Herz als Körperteil nicht allzu häufig vor, fand
sie heraus, bestenfalls noch in den Erzählungen, wer einen Herzinfarkt erlitten habe. Ein paar
Kuriositäten tauchen immer mal wieder in den »Vermischtes«-Spalten der Zeitungen auf, etwa die
Geschichte des 61jährigen Briten, der sein altes Herz dem Londoner »Science Museum« geschenkt
hat. Jetzt kann er es in einer Glasvitrine besichtigen, während ihn ein Spenderherz am Leben
erhält. Immer für Schlagzeilen gut ist auch die Diskussion, wer überhaupt ein neues Organ
bekommen soll, wenn es das alte nicht mehr tut: Starke Raucher kriegen jedenfalls keines,
berichtet die »Welt am Sonntag«, so habe die Bundesärztekammer entschieden.
Aber eine große Ausbeute an Zählstrichen war aus den Tageszeitungen nicht zu erwarten, stellte
sie fest. Viel besser waren Briefe - nicht nur die vielen »herzlichen Grüße« oder die Danksagungen,
die selten ohne das Herz auskamen, sondern auch die Briefmarken waren in letzter Zeit sehr
ergiebig gewesen: Auf den meisten Postkarten klebte inzwischen die Marke mit dem roten Herz
und der Unterschrift »Für Dich«.
Als sie das Büro verließ, war es schon dunkel. Eigentlich war es ein glänzender Tag gewesen: Mit
der Käse-Werbung hatte sie den siebenundvierzigsten Strich gemacht, jetzt fehlte noch einer zum
neuen Rekord. Das Graffitto von Tom für Sabine an der Hauswand? Übermalt. Die Aufforderung
zum Blutspenden? Längst überklebt. Irgendein »I-ª«-Aufkleber an einem Autoheck? Im Dunkeln
schwer zu erkennen.
Mißmutig stieg sie ins Taxi, sagte ihre Adresse und schaute erst nach einiger Zeit nach vorne in
den Rückspiegel, an dem ein prächtiges, bonbonrotes, blinkendes Leuchtherz baumelte.
Der Seufzer »Achtundvierzig« kam aus tiefstem Herzen.