Es sind echte Kabinettsstücke, die Renate Fischer mit ihrem Werk "Herz IV" vorlegt. Kleine Geschichten zwar, die jedoch alle eins gemeinsam haben: Den Menschen mit einer beschädigten Identität, der dabei versucht, seine Würde zu bewahren. Angenehm unprätentiös und ohne jedes hohle Pathos aber dennoch mit der nötigen Portion Humor erzählt die Autorin Begebenheiten aus ihrem Alltag als rechtlicher Betreuerin. Ihrem selbstgesetzten Anspruch, mit den Geschichten und Begegnungen in diesem Buch, ihren Klienten das entgegenzubringen, was sie fast nötiger brauchen, als Geld - ihren Hunger nämlich nach Anerkennung und Respekt zu stillen, wird die Autorin mehr als gerecht. Gerade ihre Beispiele, in denen sie berechtigte Wünsche von Betroffenen, weil sie diese einfach nur für vernünftig oder nachvollziehbar hält, auch gegen den erklärten Willen von professionellen Mitarbeitern durchsetzt, zeigen das deutlich, machen aber auch erschreckend klar, wie betriebsblind so mancher "alte Hase" in Pflege und Betreuung geworden ist. In solchen Situationen immer wider daran erinnert zu werden, dass das Wohl und die Wünsche des einzelnen Menschen im Mittelpunkt der Betrachtung stehen müssen und nicht die Interessen von Einrichtungen nach unkomplizierten Betreuungsverhältnissen tut wohl und ist nicht nur Lesens- sondern auch Nachahmenswert. Nicht zu kurz kommen aber auch diejenigen Personen, die als Vertreter von Ämtern und Behörden den Betroffenen das Leben manchmal unnötig schwer machen. Glücklich der, wer dann eine Betreuerin vom Schlage der Autorin an seiner Seite weiß. Angenehm an diesem Buch ist aber auch, dass bei den Beschreibungen der Situation in den Alten- und Pflegeheimen oder den Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie nicht der blanke Horror beschrieben wird, wie dies in zahlreichen anderen Publikationen über Pflege und Betreuung der Fall ist. So viele Mängel es in dem System sicherlich gibt, sind ja nicht alle Heime Horte von Abzockern. Und so setzt die Autorin - ganz nebenbei - auch den vielen engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Einrichtungen ein Denkmal, die Tag für Tag mit Engagement und Empathie ihrer Arbeit in der Begleitung von Menschen mit Unterstützungsbedarf nachgehen. Fernab jeder medialen Inszenierung von Wirklichkeit bildet die Autorin damit ein wichtiges Stück gesellschaftlicher Wahrheit ab. Ein solches Werk über die soziale Realität in unserer Gesellschaft hat Seltenheitswert. Man wünscht diesem Buch daher von Herzen viele Leser. Zum einen all diejenigen, die einfach einmal einen Einblick in die Realität von Pflegebedürftigkeit, Behinderung und Sucht haben wollen, zum anderen all diejenigen, die sich auf den Weg begeben, die soziale Arbeit zu ihrer Profession zu machen. Aber auch der altgediente Praktiker hat die Chance zu begreifen, was der Paradigmenwechsel bedeutet, weg vom "Ich weiß, was gut für Dich ist" hin zu "Womit kann ich Dir dienen".