Aus der Amazon.de-Redaktion
Im Herz der Finsternis, das von den teuflischen Schattenseiten der europäischen Zivilisation ebenso wie von den düstren Untiefen der menschlichen Seele berichtet, ist auch der Ich-Erzähler Marlowe für seine Zuhörer "nicht mehr gewesen als eine Stimme". Auf der CD-Fassung des Reclam Verlags nun leiht der 57-jährige Schauspieler Christian Brückner, der bereits Robert de Niro und Alain Delon synchronisierte, dem Organ des Kapitäns sein raues Timbre. Er tut dies mit viel Gespür für Conrads Text: Denn während der charismatische Kurtz "ernst, tief, bebend" -- als Störung im Urwaldschweigen eben -- hätte gesprochen werden müssen, ist die von Brückner gegebene Erzählstimme Marlowes ruhig, schlängelnd und tiefgründig wie der Kongostrom.
"Meine Stimme ist es, die nicht zum Schweigen gebracht werden kann", behauptet Marlowe einmal. Nun macht uns die unverwechselbare Stimme Brückners den herrlich gleichförmig mäandrischen "Zauberfluss der Rede" vom Herz der Finsternis anschaulich. Getreu dem auf Kurtz gemünzten Diktum Conrads: "Man spricht nicht mit dem Mann -- man hört ihm zu". 5 CDs, Spieldauer: 303 Minuten. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Buch der 1000 Bücher
Das Herz der Finsternis
OT Heart of darknessOA 1902 (Zeitschriftabdruck 1899) DE 1926Form Erzählung Epoche Moderne
Die für Joseph Conrads Schaffen zentrale Erzählung zeichnet sich aus durch eine spannende Handlung, eine geheimnisvolle Atmosphäre und ein dichtes Netz von Symbolen.
Entstehung: Im Winter 1889 nahm Conrad das Angebot einer belgischen Handelsfirma an, einen Flussdampfer auf dem Kongo zu führen, und verbrachte knapp acht Monate in Afrika. Nach seinen Aufzeichnungen zu schließen, haben seine Erlebnisse in der belgischen Kolonie ihn tief geprägt und zu einer kritischen Haltung gegenüber den Aktivitäten der Weißen in Afrika geführt. Viele seiner Erfahrungen sind in die Erzählung Das Herz der Finsternis eingeflossen, die Conrad in nur zwei Monaten im Winter 1898/99 niederschrieb.
Inhalt: Der Flussdampferkapitän Marlow fährt im Auftrag einer belgischen Handelsgesellschaft den Kongo hinauf. In den auf seinem Weg liegenden Handelsposten, von der Gesellschaft gedacht als »Leuchtfeuer auf der Straße zum Besseren«, erlebt er sinnloses Durcheinander sowie die brutale Ausbeutung und Miss-handlung der Schwarzen. Auf einer dieser Stationen hört er zum ersten Mal von Kurtz, einem angeblich besonders erfolgreichen Elfenbein-agenten tief im Inneren des Kongo. Die Reise zu Kurtz wird für Marlow mehr und mehr zu einer Reise in sein eigenes unbewusstes Inneres. Der Fluss, von Anfang an diabolisch und unheimlich »wie eine Schlange«, führt immer weiter fort vom Licht der Zivilisation in die Dunkelheit der Wildnis, in das »Herz der Finsternis« und zum Zentrum des Bösen, in dem der ominöse Kurtz sein Reich hat. Er beutet sein Gebiet skrupellos aus, schreckt weder vor Raub noch vor Mord zurück und folgt in wilden Ausschweifungen seinen niederen Instinkten, völlig vom »schweren, stummen Bann der Wildnis« gefangen. Marlow beschließt, den offensichtlich Kranken mit sich zurückzunehmen, denn »seine Seele war wahnsinnig«. Auf der Rückreise fluss-abwärts stirbt Kurtz mit dem Ausruf »Das Grauen! Das Grauen!«, der zugleich als Bekenntnis seiner Schuld und Absage an die Mächte der Finsternis interpretiert werden kann. Kapitän Marlow bringt es nach seiner Rückkehr nach Brüssel nicht über sich, Kurtz trauernder Verlobter die Wahrheit über dessen Leben im Kongo und seine letzten Worte zu sagen: »Ich riß mich zusammen und sprach langsam. Das letzte Wort, das er aussprach, war Ihr Name.«
Aufbau: Das Herz der Finsternis ist eine klassische Rahmenerzählung: Auf einem Boot an der Themsemündung erzählt Kapitän Marlow in einer langen Rückblende von seiner Reise ins innerste Afrika. Der gesamte Text ist in drei gleich lange Teile untergliedert: Der erste umfasst den Beginn der Erzählung und den Beginn von Marlows Reise den Fluss hinauf; der zweite schildert die allmähliche Annäherung an Kurtz und das Zusammentreffen mit ihm; der dritte Teil umfasst die Rückreise den Fluss hinunter, Kurtz Tod und Marlows Rückkehr nach Brüssel, bevor sich mit dem Ende seiner Erzählung auch der Rahmen wieder schließt.
Wirkung: Das Herz der Finsternis hat von Anfang an die Leser und Interpreten fasziniert und zu einer bis heute anhaltenden Auseinandersetzung eingeladen. Der auf Conrads Erzählung basierende Film Apokalypse Now (1979) von Francis Ford Coppola (*1939) ist mindestens ebenso berühmt geworden wie die Vorlage. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Pressestimmen
MDR Sputnik 20.08.2006
Kindlers Neues Literaturlexikon
Kurzbeschreibung
In seinem berühmten Roman ›Herz der Finsternis‹ verarbeitet Joseph Conrad seine abenteuerliche letzte Reise nach Afrika, die er nur mit viel Glück überlebte und die ihm für den Rest seines Lebens eine zerrüttete Gesundheit und alptraumhafte Erinnerungen bescherte.
Kapitän Marlow berichtet von seiner Fahrt ins Innere eines unbekannten Kontinents. Die Reise in den Dschungel öffnet ihm nicht nur die Augen über die dunklen Abwege europäischer Eroberungen; sie wird zur Entdeckungsreise: ins Ungewisse der eigenen Existenz, in die Untiefen des Halb- und Unterbewusstseins, ins finstere Labyrinth von Lüge und Schuld.
›Herz der Finsternis‹ hat von Anfang an Leser und Interpreten fasziniert und hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Die Neuübersetzung des berühmten Kongo-Thrillers diente als Vorlage für Francis Ford Coppolas ›Apocalypse now‹.
Der Verlag über das Buch
Klappentext
sandammeer.de
"Dem Sprecher Christian Brückner gelingt es, die Magie des Klassikers perfekt einzufangen."
Urlaub Perfekt
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Klappentext
Über den Autor
Joseph Conrad, 1857 in der Ukraine geboren und 1924 in Kent gestorben, ging nach dem Tod seiner Eltern bereits als Siebzehnjähriger zur See. Viele Schauplätze und Figuren seiner Werke entstammen diesem abenteuerlichen Leben. Mit seinen dreizehn Romanen und zahlreichen Kurzgeschichten wurde er zum Meister der englischen Sprache, obwohl er diese erst als Erwachsener erlernte.
Auszug aus Herz der Finsternis von Joseph Conrad, Sophie Zeitz. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Beide fluchten laut - vor lauter Schreck, glaube ich - und dann, indem sie so taten, als hätte sie sie nichts von meiner Existenz bemerkt, kehrten sie wieder zur Station zurück. Die Sonne stand tief; und die beiden, Seite an Seite nach vorn gebeugt, sahen aus, als würden sie ihre lächerlichen, verschieden langen Schatten mühsam hinter sich her den Berg hinaufzerren; langsam krochen diese hinter ihnen durchs hohe Gras, ohne nur einen einzigen Halm zu knicken.
Nach ein paar Tagen zog die Eldorado-Expedition in die geduldige Wildnis, die sich hinter ihr schloß wie das Meer über einem Taucher. Lange Zeit später kam die Nachricht, daß alle Esel tot waren. Ich weiß nichts vom Schicksal der weniger wertvollen Tiere. Sie fanden zweifellos, was sie verdienten, wie wir anderen auch. Ich fragte nicht nach. Ich war damals ziemlich aufgeregt über die Aussicht, Kurtz sehr bald kennenzulernen. Wenn ich sehr bald sage, meine ich es relativ. Es waren nur zwei Monate von dem Tag an, als wir den Bach verließen, bis wir am Ufer unterhalb von Kurtz' Station anlegten.
Den Fluß hinaufzufahren war, als reiste man zurück zu den frühesten Anfängen der Welt, in eine Zeit, da die Pflanzen die Erde überwucherten und die großen Bäume Könige waren. Ein leerer Strom, eine große Stille, ein undurchdringlicher Wald. Die Luft war warm, dicht, schwer, träge. Nichts Freudvolles war im Gleißen der Sonne. Lange Flußstrecken dehnten sich wie ausgestorben, bis sie sich in der Distanz im schattigen Dunkel verloren. Auf silbernen Sandbänken sonnten sich Flußpferde und Alligatoren Seite an Seite. Das breiter werdende Wasser floß durch eine Wirrnis waldiger Inseln. Man konnte sich auf dem Fluß verirren wie in einer Wüste, und auf der Suche nach der Fahrrinne stieß man den ganzen Tag auf Untiefen, bis man meinte, man wäre verhext und für immer abgeschnitten von allem, das man je gekannt hatte - irgendwo - weit weg - in einem anderen Dasein vielleicht. Es gab Augenblicke, in denen einen die Vergangenheit einholte, wie manchmal, wenn man keinen freien Augenblick für sich hat; doch hier kam die Vergangenheit in Gestalt eines beunruhigenden, lauten Traums, an den man sich inmitten der überwältigenden Wirklichkeit dieser seltsamen Welt der Pflanzen, des Wassers und der Lautlosigkeit erstaunt erinnerte. Diese Stille des Lebens hatte ganz und gar nichts Friedliches an sich. Es war die Stille einer unversöhnlichen Macht, die über einer unergründlichen Absicht brütete. Und sie blickte uns voller Feindseligkeit an.