"Unbestreitbar bleibt die Tatsache, dass wir unsere Vergangenheit kennen müssen, wenn wir die Gegenwart verstehen und die Zukunft meistern wollen..."
(Siegfried Fischer-Fabian)
Das bereits 1986 in Erstauflage erschienene Sachbuch "Herrliche Zeiten" , hat die Geschichte des zweiten deutschen Kaiserreiches, dass im Jahre 1871 als "Kleindeutsche Lösung" unter der Führung Preußens und dem Ausschluss Österreichs im Spiegelsaal zu Versailles proklamiert wurde, zum Gegenstand. Autor S. Fischer- Fabian lässt seine Abhandlung jedoch bereits am 27.01.1859 mit der Geburt des preußischen Kronprinzen Wilhelm Viktor Albert, dem späteren Kaiser Wilhelm II. und dessen Hebamme, -Nomen es Omen - einem Fräulein Stahl beginnen...........
In neun Kapiteln, die in treffend titulierte Abschnitte untergliedert sind, werden die wichtigsten Personen einer zwischen den europäischen Großmächten erstmals 43 Jahre währenden Friedensepoche vorgestellt. Die Begriffe "Greise", "Weise" und "Reise" stehen für Wilhelm I., seinen Sohn Friedrich III. und dessen Sohn Wilhelm II. Neben zahlreichen Anekdoten und Ereignissen, die dem Leser Charakter und Wesen der Monarchen näher bringen, ist besonders die Tragödie des an Kehlkopfkrebs erkrankten Friedrich III. zu nennen, der im "Dreikaiserjahr" (1888) bis zu seinem Tod nur für 99 Tage die Herrscherkrone trug. Auch über die Frage "was gewesen wäre", wenn Friedrich III. der ein Deutschland verkörperte in dem nicht Blut und Eisen Trumpf waren, sondern das Wort von den moralischen Eroberungen als Richtschnur gelten sollte, ein längeres Leben beschieden worden wäre, wird spekuliert......
Einen angemessenen Raum nimmt auch der Schöpfer des Reiches und "Eiserne Kanzler" Otto von Bismarck ein. Seine Sozialistengesetze, Sozialgesetzgebung (Einführung von Krankenversicherung, Unfallversicherung, Arbeitschutzgesetzte, und progressiver Einkommenssteuer), die Deutschland damals auf diesem Gebiet zum fortschrittlichsten Staat machten, werden ebenso beschrieben, wie sein "Kulturkampf" und seine ausgeklügelte außenpolitische Bündnispolitik.
Doch die sogenannte "Gute alte Zeit" hatte auch ihre negativen Seiten. Östlich der Elbe herrschten die "Junker" als patriarchalische Gutsherrn über ihre Ländereien und wunderten sich über die Landflucht von Teilen ihres Gesindes. In den Städten gab es Wohnraumnot und verschiedene Formen von Verelendung. Hunderttausende Deutsche wanderten nach Amerika aus. Bezeichnend für die damalige "Kastengesellschaft" war neben dem Adel auch der Standesdünkel der Beamten, die sich trotz niedrigem Einkommen und schlechter Vermögenslage "statusgemäß" von der übrigen Bevölkerung abhoben und junge Frauen als "Hausmädchen" ausbeuteten. Umgang mit Angehörigen einer "niederen Klasse" oder gar die "nicht standesgemäße Heirat" "Höherer Töchter" waren verpönt. Frauen hatten kein politisches Wahlrecht und den Zugang zu Studium und akademischen Berufen sollten sie erst nach der Jahrhundert allmählich erlangen. In einem Staat in dem das Militär als die Schule der Nation bezeichnet wurde, galt ein Offizier (auch derjenige der Reserve) mehr als jeder Zivilist, was die tatsächliche Begebenheit mit dem "Hauptmann von Köpenick" deutlich macht. Daneben bestimmten, wie auch in den anderen europäischen Staaten und trotz "Sozialistischer Internationale", weitgehend Imperialismus und Nationalismus Politik und tägliches Leben
Neben der Gründunggeschichte politischer Parteien (Zentrum, SPD), Kolonialpolitik und den komplizierten, internationalen Verwicklungen und anderen Aspekten, die schließlich zum ersten Weltkrieg führen sollten, erfährt der Leser auch, was sich hinter Begriffen, wie Gründerkrach, Trockenmieter, Ohrfeigenbrief, Caprivizipfel, Missheirat, Kladderadatsch, Zwölfender, Kamerad Schnürschuh, Hunnenrede etc. verbirgt.
Das Buch verfügt noch über einen 34-seitigen Anhang mit einer Stammtafel der Hohenzollern, zwei historischen Landkarten, einer Zeittafel, sowie Quellenverzeichnis und Register.
"Herrliche Zeiten" ist ein fesselndes Leseerlebnis und bietet einen übersichtlichen Einstieg in das sogenannte
Bismarckche/Wilhelmische Zeitalter. So lebendig sollte Geschichte präsentiert werden! Das empfehlenswerte Buch ist deshalb mit 5 Amazonsternen zu bewerten.