Einleitung Warum wir dieses Buch geschrieben haben 7
Der Körperatlas der Hässlichkeit 11 1. Das grausame Naturgesetz Montag
16 Warum Hässliche immer den Kürzeren ziehen 20 2. Der schwierige Start
ins Leben Wir waren schon als Kinder scheiße 26 Regina und die Nase 28
Haralds Geburt als hässlicher Mann 37 3. Unsere tägliche Demütigung Ein
unerreichbares Ideal macht fast jeden zum Hässlichen 43 Schön gemacht 55
Die eingebildete Hässlichkeit 62 4. Hässliche aller Länder Eine Reise
ins Mekka der Hässlichen 68 Schönheit ist Sklaverei 74 5. Dünne gegen
Dicke Warum sich Dicke doppelt abarbeiten müssen 81 Das weibliche
Muster: Stilles Leiden 87 Das männliche Muster: Beweg dich, du Sau! 95
6. Sexliebhaber gegen Liebeshungrige Nur die Schönen haben ein Recht auf
Sex 106 Das Drama der hässlichen Liebenden 111 Wie Hässliche punkten
können 122 7. Junge gegen Alte Verschrumpelte Chancen 131 Später Wandel
143 8. Todsünden Der Tod der alten Todsünden 148 Die neue Todsünde 160
9. Raus aus der inneren Hundehütte Was uns draußen erwartet 165 Die
Solidarität der Schönen 176 Erfolgreich hässlich 181 10. Leben, was
möglich ist Die Erziehung zur Freiheit 185 Herrlich hässlich! Für eine
Veränderung der Kultur 195 Niemand ist für jeden hässlich 198 Literatur
210 Einleitung Warum wir dieses Buch geschrieben haben Sicherlich
interessiert Sie zuallererst, wie wir aussehen. Das ist aus Ihrer Sicht
und bei so einem Titel völlig legitim. Um es gleich vorwegzunehmen: Wir
finden uns ziemlich hässlich, andernfalls wären wir überhaupt nicht auf
die Idee gekommen, ein Buch über Hässlichkeit zu schreiben, das den
Zweck hat, uns zu outen. Sind wir denn hässlich? »Ihr seht doch ganz
normal aus«, mögen diejenigen einwerfen, die uns kennen. Kann schon
sein. Es gibt eben keine objektiven Kriterien für Hässlichkeit, sondern
nur subjektive. Sind wir nicht alle mehr oder weniger Durchschnitt?
Keineswegs. In Zeiten des Schönheitswahns darf sich niemand mehr sicher
fühlen. Gut auszusehen ist harte Arbeit, Entspannung ist out. Nie zuvor
war es derart schwer, als schön zu gelten, und nie war es so
unverzeihlich, hässlich zu sein. Die mediale Gehirnwäsche zeigt Wirkung:
Die Normalen leiden unter ihrem Aussehen, und selbst die Schönsten
doktern an eingebildeten Makeln herum. Zäh und verbissen arbeitet sich
der moderne Mensch an Idealen ab, die für ihn unerreichbar sind.
Paradoxerweise muss er das still und heimlich tun. Mit der Hässlichkeit
verhält es sich nämlich seltsam. Viele Menschen fühlen sich zwar
hässlich ? ob zu Recht oder zu Unrecht, ist nicht unsere Frage ?, aber
es ist absolut tabu, dies laut zu sagen. Nicht nur, dass sie sich vor
sich selber schämen. Auch die Umwelt reagiert auf dieses unverblümte
Bekenntnis sichtlich irritiert: »Hässlich? Du? Ach komm, nee, Quatsch.«
In einem geradezu peinlichen Reflex wird dem Hässlichen seine
Hässlichkeit abgesprochen. Ehrlich gemeint ist das nicht, aber so
verlangt es die Konvention. Man tröstet ja auch Todkranke damit, sie
würden ganz gewiss noch lange leben. Auch wenn man vom Gegenteil
überzeugt ist. Hässliche fühlen sich also mit ihrer Hässlichkeit allein
gelassen. Irgendwann erwähnen sie das Thema überhaupt nicht mehr und
betrauern ihre Mängel ganz alleine im stillen Kämmerlein. Das Fatale
ist: Sie machen sich schwächer, als sie sind und verschwenden ihre
Energie. Wir können das verstehen, schließlich haben wir uns auch lange
Jahre versteckt und irgendwann damit arrangiert. Warum ist Hässlichkeit
überhaupt so schlimm? Weil sie keine Eigenschaft unter anderen ist, die
man schulterzuckend benennt. Nein, sie ist der alles entscheidende
negative Faktor. In unserer Gesellschaft ist Hässlichkeit das letzte
Tabu. Hässlich darf man nicht sein. Deswegen spricht man nur über den
Gegenpol. Fühle dich schön, denke dich schön, trainiere dich schön,
operiere dich schön ? so lauten die Botschaften, denen ein Hässlicher
sich tagtäglich beugen muss. Der Hässliche soll seine Kräfte gefälligst
darauf verwenden, seine Oberfläche zu verbessern. Seine Optik an sich
sei eine Zumutung, suggerieren tausende Ratgeberbücher und
Zeitschriften, also möge er sich schleunigst an die Arbeit machen. Dass
er ständig daran scheitert, nährt einen ganzen Markt. Im schlimmsten
Fall verbringt der Hässliche seine komplette Freizeit mit dem sinnlosen
Versuch, sich zu verschönern und sein ganzes Leben in dem Gefühl,
unzureichend zu sein. Und wozu das alles? Dürfen Hässliche nicht einfach
sein, wie sie sind? Bislang nicht. Doch wir wollen das ändern.
Hässlichkeit ist immer nur als Abfallprodukt der Schönheit aufgetreten.
Als ihre Kehrseite, als Mangel, als defizitärer Zustand. Wir aber halten
es anders. Hässlichkeit ist, wie sie ist. Gefühlte, gesehene, erlebte
Hässlichkeit. Wer ist überhaupt hässlich? Jeder, der sich so fühlt. Dies
ist unser Credo. Nennen Sie uns einen Grund, warum Sie sich hässlich
fühlen, und wir erkennen Ihre Hässlichkeit widerspruchslos an.
Hässlichkeit sehen wir als etwas ganz Normales, und damit nehmen wir ihr
den bösen Zauber. Nach den Frauen, die abgetrieben haben, den Anti-Diät-
Gruppen, den bekennenden Schwulen und Lesben sind die Hässlichen die
letzte gesellschaftliche Gruppe, die sich noch nicht geoutet hat. Wir
tun es heute: Wir sind hässlich, und wir sind viele! Dieses Buch ist
kein Ratgeber, wie Sie schöner werden können. Wir können ohnehin zu
nichts raten. Außer zu einem: Muten Sie sich der Welt zu. So wie Sie
sind. In diesem Sinne ist das hier ein Manifest der Hässlichen. Das Gute
an der Sache: Wir müssen nicht konkurrieren. Für Hässliche gelten die
Spielregeln des Marktes nur bedingt. Wer mag sich schon darüber
streiten, ob er hässlicher ist als ein anderer? Wer beharrt darauf, Miss
Ugly zu sein? Das macht unser Bekenntnis so wohltuend: Wir sind
hässlich, aber wir müssen keinen Konkurrenzkampf um unsere Hässlichkeit
führen. Wir können ganz entspannt wir selber sein. Warum haben wir
diesen starken Begriff »hässlich« gewählt? Das Wort mag manche Leser in
seiner Direktheit erschrecken. Es ist ein Unwort, ein schlimmes Wort,
ein negativ assoziiertes Wort. Es klingt so gar nicht nach wilder
Freiheit, dafür nach mickrigem Scheitern. Indem wir das böse Wort beim
Namen nennen, bewegen wir uns endlich raus aus der Rechtfertigungsfalle.
Wieso sollten wir uns länger verbiegen? Wieso erklären, ummänteln,
herumwinden? Lasst uns doch einfach mal hässlich sein! Dass wir genau
daraus unsere Kraft beziehen können, ist erst ein möglicher zweiter
Schritt. Doch der Reihe nach: Wir fordern für uns zunächst das Recht,
eine nicht perfekte Erscheinungsform bei ihrem Namen nennen zu dürfen.
Wir haben die Euphemismen, die schönen Umschreibungen, satt. Wir sind
nicht un»schön«, sondern hässlich. Normal hässlich. Mehr oder weniger
hässlich. Und das hat unser Leben geprägt, genauso wie das unzählig
vieler anderer, von denen wir Ihnen in diesem Buch berichten....