"Die Herrin von Wildfell Hall" war nach der "Sturmhöhe" und "Jane Eyre" mein dritter Roman von einer der Brontë-Schwestern, und ich bin froh, dass es so war und nicht anders. Hatte mich nämlich die
Sturmhöhe noch im Sturm genommen, war ich von
Jane Eyre ein wenig enttäuscht. Dieser Roman hier ist nun für mich wieder eine echte Freude gewesen.
Erzählt wird die Geschichte einer Frau, die im viktorianischen England den starren Standesvorschriften trotzt und sich einzig ihrem eigenen Gewissen und Gott verpflichtet sieht. Eine ziemliche Sensation für die damalige Zeit!
Die schöne Helen Graham bezieht - offenbar verwitwet - mit ihrem Sohn das düstere, verlassene Herrenhaus Wildfell Hall und zieht sofort die Neugierde ihrer neuen Nachbarn auf sich. "Wer ist sie?" "Was treibt sie hierher?" "Warum lebt sie so zurückgezogen?" Und bald schon wird sie von den Tratschsüchtigen geradezu heimgesucht: Ein Besuch jagt den nächsten, eine Einladung folgt der anderen auf dem Fuße. Helen erträgt all das mit einer Mischung aus stoischer Ruhe und bestimmter, würdevoller Zurückhaltung, was den bigotten Klatschbasen des Dorfes verdächtig erscheint. Sie beginnen, sich das Maul über die schöne Fremde zu zerfetzen, ihr die unschicklichsten Dinge anzuhängen. Nur der junge Grundbesitzer Gilbert Markham, von der geheimnisumwitterten Aura Helens magisch angezogen, verteidigt sie gegen die Anfeindungen und bietet ihr demonstrativ seine Freundschaft an. Als diese schließlich zu tiefer Liebe wird, zieht sich Helen immer mehr zurück und verlangt von ihm, sich aus ihrem Leben zu entfernen, sollte er nicht zu einer platonischen Freundschaft fähig sein. Doch Gilbert wagt immer wieder Vorstöße, bis Helen ihm schließlich ebenfalls ihre Liebe gesteht, ihm aber gleichzeitig zu verstehen gibt, dass diese Liebe niemals im Diesseits Erfüllung finden kann. Damit er ihre Beweggründe versteht und nicht an ihrer Ehrenhaftigkeit zweifelt (immer wieder kommen Gerüchte auf, Helen würde mit ihrem Vermieter anbandeln, und Gilbert belauscht sogar einmal ein Gespräch zwischen den beiden, das diesen Tratsch zu bestätigen scheint, was ihm fast das Herz bricht), übergibt sie ihm ihre Aufzeichnungen, ihr Tagebuch. In diesem nun erlebt Gilbert - und mit ihm der Leser - die Wandlung der Helen von einem naiven Mädchen zu einer starken, unbeugsamen Frau, die unter den Unbilden eines kalten und harschen Ehelebens zu leiden hatte, dabei aber wie eine Schneerose sie selbst und vor allem: am Leben blieb - und letztlich aus jenem Eheleben floh, um das Leben ihres Kindes zu retten.
Nach der für ihn überaus bewegenden Lektüre kehrt Gilbert zu Helen zurück, um sie noch einmal seiner tiefen und unsterblichen Liebe zu versichern, doch sie schickt ihn fort und verlangt von ihm, dass er sein Leben lebe und sie, die noch immer Verheiratete, vergesse; dass er nie mehr bei ihr auftauche, damit ihnen beiden nicht das Herz unnötig schwer gemacht werde: Ihr Glauben an die Gesetze Gottes und ihr Gewissen lassen nicht zu, dass sie eine Beziehung zu Gilbert eingeht. Bald darauf verlässt sie Wildfell Hall und kehrt zu ihrem Mann zurück. Hat sie etwa doch noch Gefühle für ihn, oder kann Gilbert doch noch hoffen?
Der Roman hat im Mittelteil eine Schwäche, die aber irgendwie auch eine Stärke ist: er verlässt den Ich-Erzähler Gilbert, der einem gerade richtig ans Herz gewachsen war (und dem man gerade nicht mehr anmerkte, dass er ein Mann aus der Feder einer SchriftstellerIN ist), um plötzlich Helen als Ich-Erzählerin ihres (sehr langen) Tagebuchs zu präsentieren. Das hat den Nachteil, dass man sich erst einmal ein wenig verlassen fühlt, und einige Zeit braucht, um mit der anfangs doch sehr naiven Helen warm zu werden. Es hat aber auch den Vorteil, dass man einen tiefen Einblick in das Leben einer Frau in der Mitte des 19. Jahrhunderts erhält. Ganz erstaunlich fand ich den klaren Realismus, dessen sich Anne Brontë hier bediente. Kaum etwas wird verschleiert, vieles beim Namen genannt. Das war ein echtes Novum in der damaligen Literatur. Heute schockiert das Eheleben der Helen freilich nur noch wenig (wenngleich man freilich schon mit ihr leidet, wenn sie von diesem verdammten Taugenichts von einem Ehemann verhöhnt und betrogen wird!) - und das Tagebuch war mir auch ein wenig zu lang. Aber für jede der wenigen Minuten, die bei der Lektüre in Ungeduld vergingen, entschädigt das Ende des Romans überreichlich: Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal so romantisch ergriffen war bei der Lektüre eines Buches, dass ich direkt ein Freuden-Tränchen im Knopfloch hatte und mich breit grinsend mitfreute, als die Geschichte zu ihrem Ende gebracht wurde.
War die "Sturmhöhe" von Emily für mich ein vor Leidenschaft überbordender Schauerroman, und war "Jane Eyre" von Charlotte für mich ein nicht ganz homogener Mix aus Bildungs-, Schauer- und Gesellschaftsroman, ist "Die Herrin von Wildfell Hall" von Anne Brontë ein reiner Gesellschaftsroman, der zwar weniger spektakulär, aber dafür um so überzeugender daherkommt. In meiner Vorstellung sitzt er zwischen den beiden berühmteren Werken, umarmt sie liebevoll und wartet bescheiden darauf, dass auch Sie ihn entdecken...