Aus der Amazon.de-Redaktion
Jetzt sitzt Saga im Kerker und weiß nicht warum. Vielleicht hat es mit Faun zu tun, der wieder einmal gestohlen hat? Aber warum kommt dann die alte Nonne zu ihr und behauptet, man wolle sie "zur Magdalena machen"? Bald erfährt die Herrin der Lüge die Wahrheit. Als Predigerin soll sie im Auftrag der skrupellosen Gräfin Violante, deren Mann bei einem Kreuzzug verschollen ist, als neue Heilige einen Zug von Frauen um sich versammeln und mit dem Tross nach Jerusalem ziehen. Währenddessen versucht Faun, die "beste Lügnerin der Welt" aus den Klauen der Gräfin zu befreien. Dabei wird eine ungeheuerliche Lüge offenbar, die die ganze Christenheit erschüttern könnte
Mit Herrin der Lüge hat Kai Meyer einen wundervollen Historienroman vorgelegt, der alles hat, was atemlose Spannung erzeugt und zudem noch hineinführt in ein dunkles Kapitel des Abendlands. Und wenn die Geschichte von Saga und Faun auch nicht wahr ist, so ist sie doch wundervoll erlogen. --Isa Gerck -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Herrin der Lüge von Kai Meyer. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Helmen, gekleidet wie Männer, die ins dichte Schlachtgetümmel ritten und
männliche Härte zeigten trotz der Schwäche ihres Geschlechts. Sie trugen
Panzerhemden und wurden erst erkannt, als sie der Waffen entkleidet und
entblößt wurden."
Imad ad-Din, Saladins Sekretär, 12. Jahrhundert
"Frauen zogen in den fränkischen Reihen mit, saßen keck mit gespreizten
Beinen nach Männerart im Sattel, trugen Männergewand und sahen mit ihren
Lanzen und Rüstungen wie Männer aus, blickten auch ganz kriegerisch und
taten noch männlicher als die Amazonen."
Niketas Choniates, byzantinischer Chronist, 12. Jahrhundert
Prolog in Flammen
Anno Domini 1204
Sechs Jahre vor dem Kreuzzug der Jungfrauen
Die Nacht war aus Asche, als der Maskierte einen Weg durch das brennende
Konstantinopel suchte. Die beiden Kinder an seinen Händen waren verstummt
und blickten mit aufgerissenen Augen in die Zerstörung ringsum; sie weinten
lautlos und mit starren Gesichtern.
Es roch nach Ruß und geöffneten Leibern, nach vergossenem Wein und dem
Angstschweiß der Geschändeten. Wo der Maskierte die Pulks aus betrunkenen
Eroberern umgehen konnte, tat er es so früh wie möglich. Meist hörte er die
Schreie der Opfer, bevor er jemanden sah. Dann zog er seine beiden Söhne in
die ausgebrannten Ruinen der Häuser, schlich durch Gassen, in denen sich
der Schutt geborstener Fassaden türmte, suchte den Schutz der lichtlosen
Keller.
Ihre Verfolger blieben unsichtbar. Doch der Maskierte spürte ihre Nähe.
Der kleinere der beiden Jungen stolperte - nicht zum ersten Mal. Der Mann
fluchte leise, zerrte ihn zurück auf die Füße und wünschte
insgeheim, er könnte sanfter sein, liebevoller, wie es sich für einen Vater
gehörte.
Es war der dritte Tag der Plünderung, und noch immer wehten Feuer in
lodernden Flammenstürmen über Dächer und Kuppeln Konstantinopels hinweg,
schlängelten sich in zerfransten Glutspiralen an Türmen empor und fauchten
hungrig durch die Gassen und einstigen Prachtstraßen. Dort, wo es für die
Flammen am wenigsten zu holen gab, wüteten sie mit der größten
Beharrlichkeit: in den Elendsquartieren am Stadtrand und am Ufer des Lycus,
in den schäbigen Vergnügungsvierteln hinter dem Prospherionhafen und den
Anlegestellen an der Südküste.
Nur in den Palästen waren alle Brände rasch gelöscht worden. Hier hatten
die Eroberer eigenhändig jede Glut erstickt, damit ja kein Stück dem
Feuerorkan zum Opfer fiel: Die Diener der Kirche Roms achteten sorgsam auf
ihre Beute.
Der Maskierte war auf der Seite der Sieger gewesen, als der finale Angriff
auf die Stadt begann. Vor über einer Woche, am sechsten April, war draußen
am Goldenen Horn zur letzten Schlacht geblasen worden. Die Schiffe der
Verteidiger hatten verzweifelt versucht, die Kreuzfahrer auf ihren
venezianischen Galeeren von den Stadtmauern fern zu halten. Aber es hatte
nicht lange gedauert, ehe die ersten Ritter aus dem Westen an Land gegangen
waren. Das Viertel von Blachernae war zuerst gefallen, seine Stadtmauer
geborsten, die Männer auf den Zinnen niedergemacht. Während der
byzantinische Kaiser seinem Volk den Rücken kehrte und feige durchs Goldene
Tor nach Thrazien floh, fielen seine Krieger unter dem Ansturm der Feinde,
zusammengetrieben und massakriert wie Vieh. Die ältesten unter den
Eroberern waren längst übereingekommen, dass es nie zuvor eine Plünderung
wie diese gegeben hatte. Nirgends sonst waren die Kirchen vergoldet bis
unters Dachgebälk, nirgends die Paläste bis zum Bersten gefüllt mit
Reichtum. Konstantinopel war ihnen allen wie das Himmelreich erschienen.
Doch die Hauptstadt von Byzanz, das Herz des östlichen Christentums, war
gefallen. Das Paradies stand in Flammen. Und seine Einwohner waren tot,
vertrieben, den Gelüsten ihrer Peiniger ausgeliefert.
Der Maskierte zerrte die Kinder vorwärts. Der Junge weinte jetzt noch
heftiger, verschluckte sich fast an seinem Schluchzen.
"Er kann nicht mehr laufen", sagte sein ältester Sohn, die ersten Worte
seit einer Ewigkeit. "Du musst ihn tragen."
Der Maskierte nickte stumm. Er, der so viele Kämpfe geschlagen hatte,
fühlte sich hilflos wie nie zuvor. Selbst auf das Naheliegende war er nicht
gekommen. Er packte den Kleinen unter den Achseln und hob ihn auf seine
Arme. "Halt dich gut fest. Hörst du?"
Der Kleine schluchzte etwas.
"Hast du verstanden? Gut festhalten!"
So hetzten sie weiter, der Junge schwer und immer schwerer, den Kopf an die
Schulter seines Vaters gepresst. Sein älterer Bruder, mit sechs Jahren
selbst noch ein kleines Kind, stolperte neben ihnen her, mit kurzen
Schritten, außer Atem, aber tapfer wie ein Erwachsener. Der Maskierte war
maßlos stolz auf ihn. Er liebte beide Kinder, aber der Erstgeborene
war ihm immer näher gewesen. Warum hätte er daraus ein Geheimnis machen
sollen? Er hatte auch unter seinen Hunden Favoriten, die schnellen, die
scharfen, all jene, die sich aufs Kämpfen verstanden.
Nicht mehr weit bis zur Aelios-Zisterne. Er konnte ihren schwarz gezahnten
Dachstuhl sehen, Teile der zerfallenen Außenmauer über den unterirdischen
Wassergewölben. Feuer wüteten im Inneren, er sah ihren Schein auf schwarzen
Qualmballen über dem nördlichen Viertel. Von dort aus war es nur noch ein
Steinwurf bis zum Charisius-Tor in der Stadtmauer. Dahinter lag im Norden
und Osten offenes Land. Freiheit und Rettung, dafür betete er.
Bevor er gezwungen gewesen war, mit den Kindern die Flucht zu ergreifen,
hatte er Boten an seine Getreuen ausgesandt. Sie lungerten auf dem weiten
Platz vor der Hagia Sophia, auf den Foren des Konstantin und Theodosius, im
Schatten des Valens-Aquädukts und auf der Rennbahn nahe des
Bucoleon-Palastes, wo längst keine Pferde und Hunde mehr hechelten, sondern
aus allen Richtungen Frauen zusammengetrieben wurden. Dem Geschäft des
Tötens war das Geschäft des Raubens gefolgt, und es waren keine Stunden
vergangen, ehe die Ersten das Geschäft des Fleisches entdeckt hatten. Nun
wurden Kinder und Mädchen aus den Ruinen gezerrt, aus Verschlägen in halb
verschütteten Kellern und Fluchtkammern hinter angekohlten Mauern, um den
unersättlichen Appetit der Eroberer zu stillen.
Der Junge regte sich in seinen Armen. Der Maskierte umschloss den kleinen
Körper fester.
Wenn nur ein Viertel seiner Getreuen dem Aufruf folgten, konnte er hoffen.
Vielleicht sogar einige mehr, falls sie genug Kraft aufbrachten, um den Weg
durch die Stadt zum Tor und zur Straße nach Adrianopel zu finden.
Lasst alles zurück, besagte seine Botschaft an sie. Sammelt euch und folgt
mir. Gehorcht nur mir, nicht den anderen. Ich bin der, für den ihr kämpft.
Und kämpft für meine Söhne!
Er verlangte viel von ihnen, das wusste er. Keiner von ihnen kannte die
wahren Gründe für seine Flucht. Sie ahnten nichts von der geheimen
Zusammenkunft und dem Vertrag. Ausgehandelt in nur wenigen Tagen hatte das
Dokument ausgelöscht, was Jahrhunderte lang gewachsen war.
Er selbst hatte vorausgesehen, was geschehen würde. Den Angriff, den
Untergang. Er hatte es zugelassen, wusste um seinen Teil der Schuld. Aber
er hatte nicht den Geruch erahnen können, hatte sich nicht ausgemalt, wie
es war, wenn Tausende von Kriegern über eine Stadt herfielen, mit der es
nichts, rein gar nichts in ihrer Heimat aufnehmen konnte.
Nun blieb ihm nur die Flucht. Und die verzweifelte Hoffnung, dass er das
Tor erreichte, ehe die anderen ihn fanden.
Der Maskierte bog mit den Kindern aus dem Gewirr der Gassen auf die
Hauptstraße. Sie führte in gerader Linie vom Forum des Theodosius hinaus
aus der Stadt. Der Vierjährige schluchzte noch immer an seiner Schulter,
beinahe ein Röcheln, viel zu heiser für ein Kind. Vielleicht vom Rauch,
vielleicht auch, weil er unter Schock stand und das Grauen keinen
Unterschied kannte zwischen Alt und Jung. Linkisch strich der Mann ihm über
den Rücken, doch er wusste, dass keine noch so zärtliche Geste den
Schrecken mildern konnte.
Sie sahen das Tor vor sich, ein mächtiger Klotz aus grauem Gestein, so
wuchtig wie die meisten Bauten an diesem verschwenderischen Ort. Der
Maskierte zögerte. Auf den Zinnen standen keine Wachen. Womöglich würde
ihre Flucht leichter sein, als er erwartet hatte.
Oder man hatte ihnen eine Falle gestellt.
"Gahmuret von Lerch!"
Die Stimme erklang hinter ihm. Sie hatten ihn gefunden. So kurz vor dem
Ziel.
"Seht nicht hin!", flüsterte er seinen Söhnen zu und wusste doch, dass sie
nicht gehorchen würden.
Langsam, fast bedächtig setzte er den kleineren Jungen neben seinem Bruder
ab. Dann zog er sein Langschwert und drehte sich um, schützte die Kinder so
gut es ging mit seinem Körper.
"Bischof Oldrich." Er nickte dem älteren Mann in der Straßenmitte zu, als
wäre dies ein Wiedersehen zwischen alten Freunden. Aber der Maskierte, Graf
Gahmuret von Lerch, hatte keine Freunde mehr, nicht seit heute morgen, seit
dem größten Vertrauensbruch von allen.
Geblieben waren ihm nur seine Söhne.
Bischof Oldrich von Prag trug keine seiner Insignien, die er sonst so
selbstverliebt zur Schau stellte. Stattdessen war er zum Kampf gerüstet, in
rußgeschwärztes Eisen von Kopf bis Fuß. Sein enger Helm ruhte auf einem
schweren Kettenkollier. Die breiten Schulterprotektoren aus Stahl ließen
ihn kräftiger erscheinen als er war; ein bodenlanger roter Umhang war mit
einer Federkrause daran befestigt und beulte sich im rauchgeschwängerten
Wind. Kleine Augen, so grau wie das Eisen seines Rüstzeugs, starrten unter
dem Helm hervor, die verwüstete Straße entlang auf Gahmuret von Lerch und
die beiden weinenden Kinder.
Das gute Dutzend Männer in Oldrichs Rücken zog die Schwerter blank. Kämpfer
seiner Leibgarde. Der Bischof gönnte sich beim Ton ihrer Klingen jenes
stolze Lächeln, das ihm daheim in Prag allein der Gesang der Chorknaben
entlockte.
Einen Augenblick lang hatte Gahmuret keinen anderen Wunsch, als diese
triumphierende Grimasse von den Zügen des Älteren zu schälen wie die Haut
von einem Apfel.
Bischof Oldrich gab seinen Männern einen Wink. In breiter Reihe schoben sie
sich an ihm vorüber, rückten geschlossen auf den Mann mit der Maske zu.
"Niemand entkommt aus der Hölle, Gahmuret, auch Ihr nicht!" Der Bischof
umfasste die ausgebrannten Ruinen auf beiden Straßenseiten mit einer weiten
Geste. Das Fanal der Flammen spiegelte sich auf seiner Rüstung. Zwischen
den Trümmern waren keine weiteren Menschen zu sehen. Falls noch Leben in
den Steingerippen dieses Viertels existierte, war es klug genug, sich zu
verkriechen.
"Euer Pathos war schon immer schwer zu ertragen", entgegnete Gahmuret und
nahm die Maske ab. Einigen der Soldaten entwich beim Anblick seiner
verwüsteten Züge ein Stöhnen. Monatelang hatte er vermieden, dass seine
Söhne ihn so sahen; jetzt aber war es wichtiger, die Gegner zu
verunsichern. "Ihr verkündet Prophezeiungen, seit ich Euch kenne, Bischof
Oldrich, aber Ihr seid zu feige, selbst für ihre Erfüllung einzutreten."
Die Krieger waren nur noch zehn Schritt von Gahmuret entfernt. Er
überlegte, ob er versuchen sollte, vor ihnen davonzulaufen. Das
Charisius-Tor war nicht weit, nicht einmal hundert Schritt, und er mochte
es vor ihnen erreichen. Aber die Kinder würden nicht schnell genug sein.
Und selbst wenn - draußen vor den Mauern würde man sie ebenso abschlachten
wie hier im Inneren.
"Es tut mir leid um Euch, dessen seid versichert." Oldrich nahm seinen Helm
ab und klemmte ihn in die Armbeuge. "Ihr habt Euch tapfer geschlagen."
Die Miene des Bischofs änderte sich nicht, nur der Flammenschein erzeugte
die Illusion von Bewegung auf seinen Zügen.
Gahmuret streckte das Schwert aus und zeigte damit in einem langsamen
Halbkreis die Reihe seiner Gegner entlang. Hinter ihm wimmerte der kleinere
der beiden Jungen; der ältere ergriff die Hand seines Bruders, war aber
selbst zu verängstigt, um ihn zu trösten.
"Zwölf Männer gegen einen?", sagte Gahmuret zum Bischof. "Die Kirche muss
mich wahrlich fürchten."
"Euer Wissen macht Euch zu einem gefährlichen Mann."
Gahmuret nickte. Statt weiter mit dem Bischof zu sprechen, wandte er sich
an dessen Gefolgschaft. Die Gesichter der Männer wirkten entschlossen,
kantig, unnahbar. "Bevor ihr mich tötet, werde ich dieses Wissen
hinausbrüllen, sodass jeder von euch es hören kann. Und was, glaubt ihr,
wird dann mit euch geschehen?"
Hier und da ein leichtes Zucken, das Runzeln einer Stirn, ein Flackern in
rotgeränderten Augen. Zu viel Rauch, zu viel Tod. Aber genug Verstand, um
den Sinn seiner Worte zu erfassen.
Fünf Schritte trennten die Männer von der Spitze seines Langschwertes. Es
war eine starke Klinge, sie hatte schon seinem Vater gute Dienste
geleistet.
"Wenn ihr wisst, was ich weiß, dann wird Oldrich auch euch töten lassen.
Und wenn nicht er, dann jene, die meinen Tod beschlossen haben."
Der Oberste der Garde hob die Hand. Er war der Einzige, der einen
geschlossenen Helm trug. Die Männer blieben stehen.
"Zwölf Männer, Oldrich", wiederholte Gahmuret. In seiner Linken hielt er
immer noch die Maske. Seit der Schlacht um Zara war sie sein zweites
Gesicht. "Wie viele werden nötig sein, um diese zwölf zu erschlagen?
Hundertzwanzig? Und wie viele von denen werden es wissen, bevor sie diese
hier zum Schweigen bringen?"
"Seid still!", zischte der Bischof. Es klang, als hätte das Fauchen der
Feuer Silben geformt.
"Erst wenn Ihr mich und meine Söhne gehen lasst." Gahmuret fürchtete nicht
um sein eigenes Leben, nur um das der Kinder. Sie waren Zeugen des Verrats
an ihrem Vater.
Die Hand des Gardeführers war noch immer erhoben. Niemand regte sich.
Gahmuret sah, wie es hinter den Gesichtern der Männer arbeitete. Aus seiner
eigenen Miene konnte niemand mehr ablesen, was er dachte. Selbst sein
Lächeln war ein vernarbter Albtraum. Er war froh, dass die Jungen hinter
ihm standen und sein Gesicht nicht deutlich sehen konnten.
Er unterbrach die schwingende Halbkreisbewegung seiner Schwertspitze. Die
Klinge an seinem ausgestreckten Arm zeigte jetzt auf den gesichtslosen
Anführer.
Quer über den Hals des Gardeführers, gerade unterhalb des Adamsapfels,
verlief eine scheußliche Narbe. Gahmuret hatte Geschichten über diesen Mann
gehört, schreckliche Gerüchte. Er war bereits tot gewesen, hieß es. Nun
tötete er, um weiterzuleben, sagte man.
Gahmuret fixierte die Augenschlitze. "Wenn ihr angreift, stirbst du
zuerst", knurrte er dem Mann entgegen. "Ganz gleich, was danach mit mir
geschieht - du wirst sterben!" Das war eine alte List beim Kampf gegen eine
Übermacht: Such dir einen aus und bedrohe ihn von Angesicht zu Angesicht.
Nur ihn allein. Wenn du Glück hast, großes Glück, wird er unsicher und hält
die Übrigen zurück.
"Tötet ihn!", befahl der Bischof.
"Dich fällt mein Schwert", sagte Gahmuret zum Gardeführer, "und euch andere
mein Wissen."
"Tötet ihn - oder ihr werdet alle sterben!", keifte Oldrich.
"Ihr werdet sterben, wenn ihr mit anhört, was ich zu sagen habe. Und ich
werde es jetzt sagen!"
Der Bischof stieß ein zorniges Brüllen aus. Falls es Worte waren, trug der
Flammenwind sie davon. Der Gardeführer riss das Schwert nach oben,
Ein Raunen ging durch die Reihe der Krieger. Ihre Blicke geisterten an
Gahmuret vorüber und entdeckten etwas in seinem Rücken, drüben am
Charisius-Tor. Wildes Geschrei erhob sich dort. Eine Schar von Männern
strömte durch den Steinbogen, flutete von außen herein in die Stadt.
"Graf Gahmuret!", brüllte eine vertraute Stimme. "Ihr habt uns gerufen, und
wir haben Euch draußen im Dunkel erwartet. Nun sehen wir, was Euch
aufgehalten hat."
Gahmurets Narbenlächeln wurde breiter. Sie waren tatsächlich gekommen. Weit
mehr als ein Viertel, sogar mehr als die Hälfte seiner Männer. Treue,
brave, kühne Seelen!
"Bringt meine Söhne in Sicherheit!", rief er über die Schulter.
Bischof Oldrich verengte die Augen, so als könnte er nicht erkennen, was da
vom Ende der Straße näher kam. Vielleicht wollte er es nur nicht glauben.
Der Gardeführer mit dem vernarbten Kehlenschnitt streckte die Klinge in
Gahmurets Richtung aus, bis sich die beiden Schwertspitzen berührten. Ein
stählernes, tödliches Versprechen.
Irgendwo stürzte ein brennender Dachstuhl ein. Flammen krallten sich in den
Himmel.
Eine neue Silhouette trat plötzlich vor wallende Funkenwolken.
Das Weinen der Kinder schwoll an - und verstummte.
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