Mit „Herrin der Lüge“ begibt sich Kai Meyer nach „Das Buch von Eden“ wieder auf das Terrain des historischen Romans mit einigen phantastischen Beigaben.
Erzählt wird die Geschichte von Saga und Faun, zwei Gauklerzwilligen, und dem „Kreuzzug der Jungfrauen“. Sagas Gabe, die beste Lügnerin der Welt zu sein, wird ihr zum Verhängnis: Sie wird gezwungen, einen Kreuzzug der Jungfrauen ins heilige Land zu führen. Als „Motivation“ wird ihr Bruder eingekerkert, so dass sich Saga in die Rolle fügt. Nachdem Faun sich befreien konnte, reist er Saga nach und trifft dabei die geheimnisvolle Tiessa.
Aus diesem, zugegeben gnadenlos verkürzten, Handlungsaufbau entstehen dann auch eine der größten Stärken und die gewichtigste Schwäche des Buchs. Der gesamte Hauptteil des Romans erzählt von den Reisen der unterschiedlichen Gruppen, vor allem von Saga und Faun und ihren Begleitern. Reiseerzählungen sind häufig unglaublich langatmig zu lesen und ein Roman, der darauf aufbaut ist mutig. Kai Meyer erweist sich jedoch als exzellenter Erzähler. Die Beobachtungen am Wegesrand sind spannend und handeln oftmals von den Menschen und den Anforderungen des Lebens. Es findet kein Abhaken von Stationen und zurückgelegter Strecke statt, stattdessen konzentriert sich die Erzählung auf die Abschnitte, an denen etwas geschieht. Mal in Form von temporeichen Abenteuern, mal in Form von Charakterbildung. Dabei gelingt es Meyer, eine Gefahr zu umgehen: Faun folgt Saga und gelangt daher häufig an die gleichen Orte wie zuvor seine Schwester. Dabei hat man jedoch nie das Gefühl, dass sich die Geschichte wiederholt. Klasse.
Und genau das führt zu einer Schwäche des Romans. Die Erlebnisse der Figuren sind so abwechlungsreich und spannend, dass über lange Abschnitte nur von einer Gruppe der Reisenden erzählt wird. Das geschieht zum Teil über so lange Passagen, dass sich im Hauptteil des Romans immer mal wieder das Gefühl einstellt, zwei von einander unabhängige Geschichten zu lesen. Zum Ende des Buches werden die verschiedenen Handlungsstränge dann aber recht kunstvoll zusammen geführt, so dass sich ein rundes Bild ergibt.
Besonders gelungen sind hingegen die meisten handelnden Figuren. Alle wichtigen Protagonisten sind sehr sorgfältig charakterisiert. Sie sind niemals nur gut oder nur böse, sondern immer ambivalent angelegt, oft hin und her gerissen zwischen widerstreitenden Gefühlen. Sie können oftmals nicht frei über ihre Handlungen entscheiden, sind zwischen Zwängen und Wünschen aufgerieben und müssen sich dennoch entscheiden. Das führt zum einen dazu, dass die meisten Handlungen der Figuren gut nachvollziehbar sind, zum anderen sorgt diese sorgfältige Figurenzeichnung dafür, dass der Leser das Gefühl hat, über „echte“ Menschen zu lesen, nicht über schablonenhafte Abziehbilder.
Allerdings gibt es auch Ausnahmen. Zu Beginn des Buches werden das Mädchen Maria und der Bethanier sorgsam eingeführt, auf durchaus beeindruckende und vielversrechende Weise. Im weiteren Verlauf gelangt man als Leser zunehmend mehr zu dem Eindruck, dass die beiden für die Geschichte gar nicht mehr wichtig sind. Viele, viele Seiten lang, werden die beiden gar nicht mehr erwähnt. Nur um dann in kurzen Passagen als eher lästiges Beiwerk erwähnt zu werden – und am Ende auf unwürdige Weise aus dem Roman auszuscheiden. Da wäre es besser gewesen, auf die beiden Figuren ganz zu verzichten.
Als sehr gut muss auch die Konstruktion des Romans rund um den „Kreuzzug der Jungfrauen“ bezeichnet werden. Kai Meyer versteht es, diesen Kreuzzug sehr facettenreich zu gestalten. Jede der beteiligten Parteien hat sehr individuelle und oftmals sehr eigensinnige Gründe und Motivationen, sich an dem Unternehmen zu beteiligen. Diese werden dem Leser erst nach und nach offenbart und erst am Ende des Buches liegt das ganze Geflecht der Interessen offen. Sehr gut gelöst, denn erstens erscheint auf diese Weise auch ein fiktiver Kreuzzug wie der „Kreuzzug der Jungfrauen“ sehr wohl möglich, zum anderen erhöht dieses Vorgehen die Spannung beim Lesen.
Insgesamt kann man also sagen, dass „Herrin der Lüge“ ein rundum gutes Buch ist, wenn auch nicht das beste von Kai Meyer. Eine klare Empfehlung ist es dennoch wert!