William Gerald Golding (1911-1993) erhielt 1983 den Nobelpreis der Literatur für sein literarisches Schaffen. Daneben steht der britiscche Booker-Prize als weitere qualitative Auszeichnung und schließlich der Ritterschag. Sir William Golding ist deutschen Lesern allerdings überwiegend und beinahe ausschließlich durch sein bekanntestes und mit Abstand erfolgreichstes Werk ein Begriff, dem Roman "The Lord of the Flies". Bedauerlicherweise ist dieser Text kanonisierter Bestandteil der Schulliteratur, so dass sich die gängige Meinung kaum aus Stimmen begeisterter Leser, sondern überdrüssiger Schüler generiert.
Das ist insofern bedauerlich, als dass dieser Roman mit seinen intertextuellen und moralphilosophischen Bezügen sich nur solchen Lesern in voller Gänze auftut, die über einen größeren Bildungsstand verfügen und die entsprechenden Passagen einordnen können.
Die Handlung ist eigentlich in wenigen Sätzen erzählt, wesentlich interessanter sind die moralischen, ethischen und politischen Fragen, die Golding aufwirft. Auf einem paradiesischen Eiland findet sich eine Gruppe von Schuljungen wieder, die einen Flugzeugabsurz überlebt hat. Ein Atomkrieg ist ausgebrochen, sie sollten evakuiert werden, sind nun jedoch auf sich allein gestellt und um eine Ordnung bemüht. Anfangs ist es die kindliche Abenteuerlust und der Erfahrungshunger, der jedoch bald in Gewalt umschlägt. Die Gruppe spaltet sich auf in das Lager um Ralph, der in demokratischer Art und Weise versucht, eine Ordnung zu erstellen und in das Lager um Jack, der demokratische Beschlüsse nicht akzeptiert, statt dessen Gewaltherrschaft und Totalitarismus verkörpert.
Der Titel referiert auf Satan, den Herrn der Fliegen, was die Bedeutung des hebräisch-griechischen Wortes Beelzebub ist. In der Tat lässt sich der zunächst paradiesische Ort, an dem sich die Jungen unfreiwillig einfinden, durchaus als Garten Eden bezeichnen, der später durch einen Sündenfall und das schließlich entfachte Buschfeuer im wahrsten Sinne des Wortes zur Hölle wird. Golding, der stark religiös geprägt war, exerzierte anhand seiner sechs- bis zwölfjährigen Schuljungen offensichtlich die Lehre von der Erbsünde durch: Das Böse ist eben in uns allen.
Daneben existiert die politische Lesart, die den krassen Gegensatz zwischen Diktatur und Demokratie aufzeigt. Die dritte Lesart kann im Sinne einer moral-anthropologischen Deutung erfolgen, indem sich die zunächst unschuldige, am Krieg nicht beteiligte Jugend, beseelt von einer schönen Utopie, durch ihr bloßes Menschsein selbst in den Abgrund manövriert.
Im Sinne moderner Literatur muss auch der hohe Symbolismus hervorgehoben werden, in dem die wahrgenommene Umwelt der Kinder bzw. Jugendlichen zur Phantasmagorie erhoben wird. Ganz zu schweigen vom intertextuellen Bezug zu Robert Michael Ballantynes überaus populärem Jugendbuch des 19. Jahrhunderts, "The Coral Island". Hier entwickelten gleichnamige Protagonisten - Ralph und Jack - übermenschliche Fähigkeiten und durchlebten eine positive Bildungsphase, während Golding sie ins Negative bzw. Dystopische führt.
Fazit: Es zeigt sich, dass Goldings Roman de facto voll von Denkanstößen und Konzepten unterschiedlichster Disziplinen ist und deswegen mit einigem Recht einen nicht gerade niedrigen Rang in der langen Liste der Weltliteratur behauptet. Dies lässt ihn fortleben, beispielsweise in der prämierten amerikanischen TV-Serie "Lost".