Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
296 von 320 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Die Fabel von Wolli und dem Dämon, 1. Januar 2004
oder: Wie Krege zum G-Wort kam
Es war einmal ein Übersetzer namens Wolli, der hatte sein Leben lang ehrliche und rechtschaffene Arbeit geleistet. Am liebsten übersetzte er die Werke des Meisters aus Oxford. Doch leider gab es eine Quelle des Verdrusses, die wie ein Schatten über Wollis Leben hing: Das dreibändige Hauptwerk des Barden von Oxford war nämlich schon einmal übersetzt worden. Vor vielen, vielen Jahren, da der Meister höchstselbst noch am Leben war, hatte eine dumme kleine Göre, die kaum dreihundert Worte englisch konnte, durch einen lächerlichen Zufall den Auftrag erhalten, eine deutsche Übersetzung anzufertigen. Heiße Wut entbrannte in Wollis Seele und Tränen verschleierten seinen Blick, wann immer er sich die Übersetzung der Göre ansah - was nicht sehr oft war. Er überflog die Zeilen und stellte sich vor, was er an ihrer Stelle alles besser gemacht hätte. Aber die Göre hatte ihre Übersetzung mit viel Sorgfalt und Liebe und in der gleichen altertümlichen Sprache wie das Original angefertigt, so daß sie die Leser in ihren Bann zog und sie tief in die Welt des Meisters aus Oxford versinken ließ. Es war - trotz mancher Fehler, die darin enthalten waren - ein Werk aus einem Guß. Und so liebten die Leser diese Übersetzung.
Die Jahre vergingen. Ein neues Jahrhundert nahte heran. Und da ergab es sich, daß in einem fernen Lande ein Filmemacher sprach: "Let's film The Lord of the Rings!" Diese Neuigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer auf der ganzen Welt. Selbst in die gut abgeschotteten Hallen des ehrwürdigen Kotz-Cletta-Verlags drang die Kunde. (Das war der Verlag, der damals die kleine Göre mit der Übersetzung betraut hatte und der noch immer die deutschen Rechte an dem Werk besaß.) Und die Leute in diesem Kotzverlag sprachen "Ah!" und "Oh!" und vergaßen die Sache wieder und gingen zur Tagesordnung über. Doch einer unter ihnen, der weiter sah und tiefer dachte als die übrigen - er ist heute zum doppelten Gehalt bei einem renommierteren Verlag angestellt - dem kam eines Tages auf dem Pissoir eine glorreiche Idee: "Werft einen Blick in unsere Kassen, meine Brüder und Schwestern! Wir haben Ebbe, wir haben Flaute, wir sitzen auf dem Trockenen! Aber die Kinos werden in zwei Jahren den großen Reibach machen. Laßt uns die Segel setzen und von der zu erwartenden Hype profitieren! Laßt uns eine neue, modernere HdR-Übersetzung auf den Markt werfen, um auch die letzten hirnlosen Rapper und Hip-Hopper da draußen als Kunden zu gewinnen!" Und der Aufsichtsrat sagte Ja und Amen, gewährte dem Mitarbeiter eine kleine (genaugenommen eine winzige) Gehaltserhöhung, bestellte den alten Übersetzer ins Haus und vertraute ihm die Neuübersetzung an. Der gute Wolli war vor Freude wie von Sinnen, als sich endlich, endlich, sein Lebenstraum doch noch erfüllte. Und so nahm er ohne langes Zögern die Bedingung des Verlages an. Diese Bedingung war folgende: Wolli mußte akzeptieren, daß ihm ein Dämon zur Seite gestellt wurde, ein Modernisierungsdämon. Immer wenn Wolli im Zweifel war über ein Wort, über eine Wendung, über ein Stilmittel, über eine Sprachebene, dann hatte der Dämon das letzte Wort. Und so setzte der Kotzverlag dem Wolli den Modernisierungsdämon auf die rechte Schulter und Wolli ging von dannen.
Die Arbeit war nicht leicht. Sie machte bei weitem nicht so viel Spaß wie er sich vorgestellt hatte. Jedesmal, wenn er erkannte, daß die Göre schon vor ihm das richtige Wort gefunden hatte, da stieß er einen kleinen, keuchenden Seufzer aus, weil ihn diese Erkenntnis tief im Inneren so sehr schmerzte. Und er versuchte, anders zu übersetzen als die Göre. Aber Wolli fühlte sich unbehaglich mit dem Dämon auf seiner Schulter und anfangs verschloß er seine Ohren vor dessen Einflüsterungen.
So kam er an die Stelle im ersten Kapitel, als die Hobbitkinder die G-Rune auf Gandalfs Gepäckstücken lesen.
TOLKIEN: Hence the excitement of the hobbit-children. 'G for Grand!' they shouted, and the old man smiled.
CARROUX: Daher die Aufregung der Hobbitkinder. "G heißt Großartig!" riefen sie, und der alte Mann schmunzelte.
Wolli zermarterte sich den Kopf, doch es wollte ihm einfach kein modernes Wort für "großartig" einfallen, das mit G begann. Was sagten denn die kiddies auf dem Schulhof heutzutage? "Krass konkret"? Oder vielleicht "fett"? Er starrte auf den blinkenden Cursor, bis ihm die Augen wehtaten, dann ging er im Zimmer auf und ab. Auch das nützte nichts. Er merkte wohl, daß der kleine Dämon wisperte und flüsterte, aber er weigerte sich noch immer, hinzuhören.
Schließlich nahm Wolli seinen alten Regenmantel vom Haken, band sich einen Schal um, griff sich seinen Stock und verließ sein Haus, um rast- und ruhelos durch die nächtlichen Straßen zu hinken. Normalerweise half ihm das beim Nachdenken, doch heute versagte das Mittel; er entfernte sich immer weiter von zuhause und STREUNTE durch Stadtteile, die er nie zuvor betreten hatte. Zuletzt kam er durch das Vergnügungsviertel und blieb vor einer IMBISSSTUBE stehen, wo ihn der Geruch von BACKFISCH UND FRITTEN umwehte. Ein FLÜGELTIER prangte als LOGO über dem Eingang. Wolli steckte den Kopf zur Tür herein und in einer kurzen Stille, die gerade in der allgemeinen Geräuschkulisse eingetreten war, hörte er einen jugendlichen PENNER am nächstgelegenen Tisch sagen: "Ey, GEIL, Alder, isch schwör!"
Wolli fühlte sich wie von einem göttlichen Blitz durchzuckt. Es war wie eine Offenbarung. Das war es, was er gesucht hatte! Genau das war es. Später konnte er sich kaum mehr an den Heimweg erinnern, nur die Einflüsterungen des Dämons waren ihm dabei immer süßlicher und verlockender vorgekommen. Das nächste, was er wußte, war, daß er vor dem Bildschirm saß und schrieb. Eine letzte Scheu, die er nicht ganz überwinden konnte, veranlaßte ihn, das Wort nicht auszuschreiben.
KREGE: "G wie g...!" riefen sie, und der Alte grinste.
Da seufzte der Dämon tief auf und stöhnte: "Na endlich hast du's kapiert." Dann grinste er ebenfalls, weil das "Grinsen" Gandalf so erscheinen ließ wie einen alten Wüstling und lehnte sich zufrieden gegen Wollis Ohr. Er wußte: von nun an würde es ihm immer offenstehen. Und die Auslassungszeichen würden nicht mehr vorkommen. Von nun an würde er dafür sorgen, daß Wolli alles ausschrieb. Hmm - so gut wie alles.
Und die Moral von der Geschicht:
Leser, glaub dem Krege nicht!
Wenn er schreibt von CHEF und PENNERN,
ANGESCHWOLLNEN schwarzen Männern,
vom FISCHTEICH bei den Wasserfällen,
Gandalf mit den WUTANFÄLLEN
von FIRMENLOGOS, FISCH UND FRITTEN,
fühlst du wirklich dich inmitten
einer fernen, alten Welt?
Wo Hobbits AUF DEM FLUSS RUMMACHEN,
des FLÜGELTIERES Fürze krachen, ["machte einen übel riechenden Wind"]
wo Wandrern IMBISSSTUBEN winken
und Pferdeschwänze bei Nacht BLINKEN,
wo Gala LEISE KICHERND spricht ["Na klar!" sagte die hohe Frau leise kichernd.]
- ist das noch elbenhaft und schlicht?
Der Leser sich darob erbricht.
[ Auf einer Lesung in Bietigheim hat Wolfgang Krege dem Publikum ausdrücklich bestätigt, daß mit "G wie g..." tatsächlich "G wie geil" gemeint war.
Und dabei wäre es so einfach gewesen, einen aktuellen, jugendsprachlichen Ausdruck mit G zu finden. Warum, oh Wolli, sag uns, warum hast du nicht einfach "G wie genial" geschrieben? ]
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
54 von 58 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Die grausliche Übersetzung eines wunderbaren Buchs, 31. Dezember 2001
Von Ein Kunde
Zum Buch selbst ist schon an anderer Stelle vieles geschrieben worden. Zur neuen Übersetzung muß jedoch gesagt werden: sie ist einfach scheußlich. Natürlich ist es undankbar, an die Leistung einer so exzellenten Vorgängerin wie Margaret Carroux anzuknüpfen. Dabei stellt sich jedoch die Frage, wozu das alles? Eine neue Übersetzung ist meiner Meinung nach absolut überflüssig, denn der Stil Carroux' kommt dem Tolkienschen erstaunlich nahe. (Ich habe sowohl beide Übersetzungen als auch das englische Original gelesen.)Desweiteren schaue man sich die "modernisierte" Version doch einmal an: auf solche Veränderungen hätte man gut verzichten können. Da betitelt Sam Frodo nicht mehr als "Herrn", sondern als "Chef." Ebenso unpassend sind Wendungen wie: "...der Chef der Wölfe..." in einer beschreibenden (!) Passage. Dabei fällt ja kaum noch auf, daß sich die Personen sogar siezen! (Sehr sarkastisch, ich weiß, aber ein "Sie" ist in einem mythologisch-fantastischen Epos föllig fehl am Platz.) Andere Änderungen sind dann wieder geringfügiger, aber dafür auch überflüssig. Da wird aus "Die Rückkehr des Königs" (Titel des 3. Buchs) die "Wiederkehr" desselben. Alles in allem - gar nicht gut. Bei der Stern-Vergabe habe ich mich schwer getan: entweder 5 Sterne für das Buch, oder (k)einen Stern für die Übersetzung. Letztendlich: Wer die Bücher noch nicht kennt, wird wahrscheinlich dennoch vom Herrn der Ringe begeistert sein (will sagen: trotz seltsamer Sprache), denn Tolkiens Stil kriegt auch ein Wolfgang Krege nicht tot. Wer die alte Version kennt, wird bittere Tränen weinen. Die Übersetzung Margaret Carroux' ist auf jeden Fall vorzuziehen! Bitte glauben Sie nicht, daß Tolkien so einen Stil führt. Elena T. aus Witten
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
216 von 236 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen
Ein geniales Buch, aber..., 2. August 2001
Von Ein Kunde
"Der Herr der Ringe" ist sicherlich eines der faszinierensten Bücher der Welt, ohne Zweifel. Und man geht sicherlich nicht zu weit, wenn man sagt, daß ein jeder es zumindest einmal gelesen haben sollte. Die Komplexität, mit der Tolkien seine Figuren ausgearbeitet hat, die unglaublich stimmige Beschreibung der einzelnen Schauplätze und die Mythen und geschichtlichen Fakten, die er rund um die eigentliche Handlung herum geschaffen hat (gerade die vielen Lieder/Gedichte), sorgen für eine unglaublich dichte Atmosphäre, die einen sofort in ihren Bann zieht und nie wieder los lässt. Doch nun kommt das große Aber: Ein jeder, der vorhat, den HdR zu lesen, sollte sich nach einer alten Ausgabe (Übersetzung von M. Carroux) umsehen und die Neuauflage tunlichst meiden. Denn Wolfgang Krege, der für die neue Übersetzung des HdR verantwortlich zeichnet, hat den (absolut angemessenen) etwas altertümlichen Stil der alten Übersetzung aufgegeben zugunsten einer peppigen, modernisierten Sprache und hat somit, und das kann man so drastisch sagen, die Stimmigkeit von Tolkiens Werk vollkommen zerstört. Nicht nur dass man beim Lesen seiner Übersetzung immer wieder über das völlige Fehlen von jeglichem sprachlichem Einfühlungsvermögen stolpert, nein, des Öfteren findet man grobe Schnitzer, die eigentlich absolut unverzeihlich sind, z.B. werden "große Gestalten in grauen Gewändern" (Carroux) zu "langen Kerlen in grauen Hemden", was mir persönlich ziemliche Schmerzen bereitet hat. Krege schreibt in einer Rechtfertigung seiner Übersetzung, er habe die differenzierten Sprachebenen des englischen Originals endlich auch im Deutschen berücksichtigt. Nun, unterschiedliche Sprachebenen gibt es nun auf einmal im HdR, das ist wahr. Diese sind jedoch vollkommen unsinnig eingesetzt (und bestimmt nicht im Sinne Tolkiens...). Die Hobbits reden jetzt nämlich mal unglaublich salopp ("Chefchen"), mal übetrieben altmodisch("Feurio"), je nach Lust und Laune des Herrn Krege. Dem Modernisierungswahn ist übrigens auch der Majestätsplural zum Opfer gefallen, so daß man sich nun in Mittelerde siezt, was unglaublich dazu beiträgt, dem Leser eine dem sagenumwobene Phantasiewelt näherzubringen. Krege hat ferner auch einige Namen neu übersetzt, doch, oh Grauen, wie nur: "Bob und Nob" statt "Hinz und Kunz" (Klar, klingt ja auch viel "cooler"), "Stolzfüßer" statt "Stolzfüße", etc. SPIEGEL-Online liefert weitere Beispiele der Geschicklichkeit von Kreges Übersetzung: Z.B. werden "ever moving leaves" zu "unermüdlich wedeldem Laubwerk", etc. Gewiß, die alte Übersetzung weist auch viele Fehler auf, hält sich aber weitgehend an Tolkiens Stil und versucht niemals, besonders modern zu wirken oder Tolkiens Sprache "glattzubügeln". Aber natürlich erfüllt sie insofern ihren Zweck, als daß sie Verkaufszahlen des HdR wieder ankurbelt, der Verlag Geld einstreichen kann. Und mit dem Film wird sich dieser Effekt weiter verstärken. Der Kommerz hält weiter Einzug in Mittelerde, auch wenn Tolkiens Original darunter leiden muss; die "Kids" lesen halt dann doch eher einen flotten, durchgestylten Herrn der Ringe anstatt sich auch sprachlich auf die Sagenwelt Mittelerde einzulassen. Bezeichnend auch die Reaktion der zuständigen Lektorin bei Klett-Cotta auf Kritik: "Die Fans [...] reagieren [...] mit dem Bauch" und "Manchmal habe ich das Gefühl, daß die Fans nicht so viel literarische Erfahrung haben". Genug Erfahrung jedenfalls, um den neuen "Herr der Ringe" beim Buchhändler im Regal stehen zu lassen...
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
Die neuesten Kundenrezensionen
|