Aus der Amazon.de-Redaktion
Nach dem Debüterfolg Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß ist nun die zweite Liebesgeschichte von Hiromo Kawakami auf Deutsch erschienen. Darin fügt die Autorin ohne jegliche Hektik aus zahlreichen, teils wie beiläufig beobachteten Details ein Bild vom Leben der Belegschaft und einiger Stammkunden in dem Laden in einem Tokioter Studentenviertel. Selbst wenn der Besitzer niedergestochen wird, kann die blutige Tat die Ruhe in diesem Mikrokosmos nicht wirklich stören.
Gefühle lässt die Autorin die Liebenden weitgehend verbergen, auch an die Körperlichkeit tastet sich Kawakami nur mit Umschweife heran. Leser erfahren, was Sex und Digitalkameras gemein haben oder warum eine Telefonoffensive das höchste der Gefühle zu sein scheint. Hitomi wiederum erfährt, dass die Sehnsucht nach Liebe dann besonders stark empfunden wird, wenn niemand da ist, der diesen Drang stillt. Dann macht auch noch der raue Wind des Lebens vor Nakanos Trödelladen nicht mehr länger Halt, und die Zeichen der Zeit hinterlassen in dieser Oase der Ruhe ihre deutlichen Spuren.
– Herwig Slezak
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
»Wann fliegen Sie denn nach Boston?«, fragte Takeo.
»Und überhaupt – das hängt von Kurusu ab«, antwortete Herr Nakano und verschwand im Hinterzimmer. Ratlos und mit verlorenem Ausdruck blieb Takeo in der Ladentür stehen, so dass ihn ein junger Kunde beim Eintreten rempelte. Er kam das erste Mal und musterte Takeo misstrauisch.
»Hier . . .«, sagte er und legte etwas in Zeitungspapier Gewickeltes neben der Kasse ab. Es hatte in etwa die Größe von drei kleinen gebackenen Süßkartoffeln.
»Haruo!« rief Masayo. Herr Nakano kam aus dem Hinterzimmer geschlurft.
Eine Zigarette im Mund, beobachtete Herr Nakano, wie der junge Mann das Paket auswickelte. Asche fiel zu Boden. Der Kunde hielt inne und sah Herrn Nakano missbilligend an.
»Ist das Seladon?«, fragte Herr Nakano, unbeeindruckt von seinem Blick.
»Antikes koreanisches Seladon«, korrigierte ihn der Kunde.
»Aha, Pardon«, entschuldigte sich Herr Nakano sofort. Der Kunde sah noch missbilligender drein.
»Es gibt Händler, die sich mit solchen alten Dingen besser auskennen«, sagte Herr Nakano und stellte die Keramik, die etwa die Größe einer Reisschale hatte, behutsam auf seine Handfläche. Dann legte er seine brennende Zigarette in den Aschenbecher.
»Ich will sie eigentlich gar nicht verkaufen«, sagte der Kunde.
Herr Nakano sah ihn fragend an. Der Kunde wandte für einen Moment den Blick ab.
Er war ein Mann mit schöner Haut. Unter seiner Nase wuchs ein dichter Flaum, kein Schnurrbart. Er trug einen gut geschneiderten dunkelblauen Anzug und dazu eine ebenfalls blaue Krawatte. Dem Anzug nach hätte man ihn für einen ehrgeizigen Angestellten in den Dreißigern halten können, aber wahrscheinlich war er viel jünger.
»Ich mache keine Expertisen.« Herr Nakano drehte die Schale um und betrachtete aufmerksam den Boden.
»Könnten Sie sie vielleicht in Ihrem Laden ausstellen?«
»Ausstellen?«
»Nun ja, einfach hinstellen, aber nicht verkaufen.«
»Nur hinstellen?«, wiederholte Herr Nakano und lachte. Er sah sich im Laden um. Auch Masayo und ich ließen unsere Blicke durch den Laden schweifen. Nur der Kunde starrte weiter auf seine Schale.
»Dieses Stück ist zu wertvoll für unseren Laden. Sie sehen doch, was für ein Durcheinander hier herrscht.« So redete Herr Nakano von seinem eigenen Laden.
Der Mann ließ den Kopf hängen. Herr Nakano griff nach der Zigarette im Aschenbecher und nahm einen tiefen Zug. Eine Weile sagte niemand etwas.
»Wohin bringen Sie Ihre Sachen denn sonst?«, fragte Masayo.
»Ich, also, ich war noch nie in einem Antiquitätengeschäft«, stammelte der junge Mann unsicher.
»Und woher haben Sie die Schale?«, fragte Herr Nakano.
So redet man doch nicht mit einem Kunden, dachte ich.
»Von einer Bekannten«, antwortete er und ließ den Kopf noch tiefer hängen.
»Das hat doch sicher eine Geschichte?«, sagte Masayo ermutigend. Der Mann hob das Gesicht und sah sie hilfesuchend an.
»Erzählen Sie nur«, ermunterte sie ihn.
Zaghaft und langsam begann der Kunde, die »Geschichte« der Schale zu erzählen.
Der junge Mann – er hieß Hagiwara – hatte die Schale von seiner ehemaligen Freundin bekommen. Drei Jahre war er mit ihr zusammengewesen. An eine Heirat hatte er nie gedacht. Er wollte sich einfach mit ihr amüsieren, und so waren drei Jahre vergangen. Eines Tages unterbreitete ihm sein Vorgesetzter ein Heiratsangebot. Es hörte sich verlockend an. Sogleich teilte Hagiwara seiner bisherigen Freundin mit, dass sie sich trennen müssten.
Sie sträubte sich eine Weile, aber schließlich gab sie auf, zwang ihn aber, ein Andenken an sie anzunehmen. Er hätte verstanden, wenn sie sich ein Andenken von ihm gewünscht hätte, aber dass er etwas von ihr haben sollte, erschien ihm seltsam. Doch ohne sich viel dabei zu denken, akzeptierte er die Schale als Geschenk.
Schon bald platzte die arrangierte Verlobung. Die Nichte des Vorgesetzten, die er hatte heiraten sollen, war mit ihrem Freund durchgebrannt. Etwa zur gleichen Zeit brach sich Hagiwara das Schlüsselbein. Nicht etwa beim Sport, sondern einfach so, als er sich im Bett herumdrehte. Auch in der Firma lief es auf einmal nicht mehr gut. Aufgrund von Personaländerungen in der Verkaufsabteilung geriet er ins Abseits, und es wurde sogar gemunkelt, er habe eine Kollegin der Abteilung sexuell belästigt. Zu allem Überfluss sollte das Haus, in dem er wohnte, abgerissen werden, und ihm wurde gekündigt.
All dies geschah, nachdem er die Schale bekommen hatte. Er versuchte nun, mit seiner früheren Freundin Verbindung aufzunehmen, um womöglich zu ihr zurückzukehren, aber ihre Handynummer stimmte nicht mehr. Ihre Mailadresse auch nicht. Sie war umgezogen und hatte überdies den Arbeitsplatz gewechselt.
Als er sich in seiner Not an einen Bekannten wandte, der sich als Hobby mit Wahrsagerei beschäftigte, sagte ihm dieser, die Schale sei an allem schuld. Da sie mit Groll angefüllt sei, dürfe er sie jedoch weder verkaufen noch bei sich behalten. Er müsse sie jemandem zum Aufbewahren geben oder verleihen, was aber nicht hieß, dass die Schale auf diese Weise von dem Groll gereinigt würde. Immerhin wäre es besser, als gar nichts zu unternehmen. Stockend rückte Herr Hagiwara mit dieser Geschichte heraus.
»Wenn es wirklich eine Seladonschale ist, muss sie sehr kostbar sein. Ihre Freundin ist eine nette Person«, sagte Masayo, als er zu Ende erzählt hatte.
»Das ist doch nicht das Problem«, warf Herr Nakano ein, aber Herr Hagiwara errötete ein wenig vor Freude über Masayos Bemerkung.
»Ja, wirklich nett. Hätte ich mich nur nie von ihr getrennt«, sagte er und blickte zu Boden.
»Ganz recht«, bekräftigte Masayo. »Ein Mann soll sich nie von einer Frau trennen, mit der er einmal intim war.«
War das jetzt die Moral von der Geschichte? Ich sah Herrn Hagiwara an, der heftig nickte. Herr Nakano seinerseits schaute etwas verlegen drein. Wahrscheinlich dachte er an seine »drei Pferdchen«.
»Haruo, wie wäre es, wenn du Sakiko die Schale für Asukado gibst?«, schlug Masayo mit auffällig gespannter Stimme vor. Herr Nakano blickte auf und sah unruhig nach rechts und links.
»Ja, genau, so etwas gehört in ein richtiges Antiquitätengeschäft«, erklärte sie und wickelte die koreanische Seladonschale sorgfältig wieder in das Zeitungspapier. Herr Hagiwara sah zu. Ohne die Antwort ihres Bruders abzuwarten, nahm Masayo den Hörer ab. »Asukado, Asukado«, murmelte sie, während sie die Nummer drückte. Herr Nakano starrte sie mit halb geöffnetem Mund von hinten an. Hagiwara und ich sa-hen ebenso sprachlos zu.
Nachdem Masayo Sakiko angerufen hatte, dauerte es keine
Viertelstunde, bis sie kam.
»Guten Tag«, sagte sie.
Sakiko brauchte nur Guten Tag zu sagen, um diese schlichte Begrüßung wie einen Fluch oder einen Segen klingen zu lassen. Welches von beidem es dieses Mal war, wusste ich nicht.
»Herr Hagiwara, der Kunde, um den es sich handelt.« Masayo deutete mit dem Kinn auf den jungen Mann. Im Gegensatz zu Herrn Nakano sprach sie in einem höflichen Ton, aber ihre Haltung gegenüber Herrn Hagiwara ließ doch sehr zu wünschen übrig.
Sakiko öffnete das Zeitungspapier. Ganz anders als Herr Nakano oder Masayo ging sie äußerst behutsam mit der Keramik um.
»Das ist eine koreanische Seladonschale.« Sie erkannte es auf den ersten Blick.
Herr Hagiwara nickte brav.
»Ungefähr 300000 Yen würde ich sagen, mit dieser Glasur«, fügte sie hinzu.
»Ich wollte sie eigentlich nicht verkaufen«, setzte er an, aber Masayo schaltete sich sofort ein und erzählte die Geschichte.
»Groll«, sagte Sakiko ruhig und sah Herrn Nakano an.
Wäre er nur im Hinterzimmer geblieben, aber er musste ja dumm herumstehen...