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Was tun, Herr Luhmann? Vorletzte Gespräche mit Niklas Luhmann
 
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Was tun, Herr Luhmann? Vorletzte Gespräche mit Niklas Luhmann (Gebundene Ausgabe)

von Wolfgang Hagen (Hg.) (Autor)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
  • Verlag: Kulturverlag Kadmos (Juni 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3931659984
  • ISBN-13: 978-3931659981
  • Größe und/oder Gewicht: 19 x 12 x 1,6 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 54.601 in Bücher (Die Bestseller Bücher)

Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Luhmann war wahrscheinlich einer der größten Humoristen seiner Zunft, wenn nicht der Wissenschaft überhaupt". (Dirk Baecker, Berliner Zeitung)

Kurzbeschreibung

Vor zehn Jahren ist Niklas Luhmann, einer der wichtigsten und wirkungsmächtigsten Denker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, verstorben. Obwohl sein umfangreiches theoretisches Werk als komplex und schwer verständlich gilt, ist es eines der wohl erfolgreichsten und populärsten Theorieangebote nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern auch international. In seinen Gesprächen und Interviews erweist sich Luhmann als ein faszinierender Gesprächspartner, dessen Weitsicht zu politischen Problemstellungen und Fragen der Kunst und Massenmedien immer wieder verblüfft. Nach »Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann?« werden in »Was tun, Herr Luhmann?« eine Auswahl der mit ihm geführten Interviews aus den frühen neunziger Jahren abgedruckt, in denen es schwerpunktmäßig um Fragen der Politik und Kunst geht.

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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Unbedingt empfehlenswert !, 19. Juni 2009
Nach dem wunderbaren "Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann" ist nun ein Nachfolger-Band erschienen, die die "vorletzten Gespräche" mit Niklas Luhmann versammelt, also die Interviews mit Luhmann aus den frühen 90er Jahren, die angesichts der damaligen politischen Umwälzungen verständlicherlicherweise vor allem um politische Fragen kreisen, aber auch die Kunst und die Massenmedien berühren. Dabei ist erstaunlich, wie aktuell sich auch heute noch die Interviews lesen! Man würde sich einen Luhmann auch heute noch wünschen, und wäre gespannt, wie er zu den aktuellen politischen Fragen antworten würde. Aber vielleicht würde er es genauso formulieren, wie seinerzeit: "Alles ist möglich, und nichts wird sich ändern." Auch schön das den Band abschließende Dreiergespräch unter dem Motto "Was ist Politik oder War Luhmann doch unpolitisch?" zwischen Dirk Baecker, Herfried Münkler und dem Herausgeber Wolfgang Hagen. Fazit: Unbedingt empfehlenswert!
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Menschenbilder - sowas Grausliches, 4. Juli 2009
Ich lehne alle Einladungen ab, die mich veranlassen wollen, über den Menschen zu sprechen. Menschenbilder, so was Grausliches. Also der Mensch interessiert mich nicht, wenn ich das so hart sagen darf.
So lautet einer der vielen verstörend wirkenden Aussprüche von Niklas Luhmann. Nachzulesen in dem gerade noch rechtzeitig zu seinem 10. Todestag veröffentlichten Band Was tun, Herr Luhmann?. An dem provokanten Denker scheiden sich die Geister. Von den einen wird ihm intellektueller Zynismus, herrschaftskonformes Denken und die Bejahung des Bestehenden vorgeworfen. Andere sehen Luhmann als den Begründer einer modernen Gesellschaftstheorie, der für die gesamte Soziologie im Alleingang ein neues Fundament errichtete. Luhmann selbst charakterisierte sein Theorie-Projekt als Abklärung über Aufklärung. Er wollte die heißen politischen und utopischen Leidenschaften abkühlen zugunsten einer Theoriearbeit, die auf Beschreibung und Beobachtung zielt, auf die Wertung des Beschriebenen aber verzichtet.
In dem äußerst aufschlussreichen Bändchen Was tun, Herr Luhmann versammelt der Herausgeber Wolfgang Hagen eine Auswahl der mit Luhmann in den neunziger Jahren geführten Interviews. Schwerpunktmäßig geht es hier um Fragen der Politik, Kunst und der Massenmedien. Der Publizist und Medientheoretiker Rudolf Maresch eröffnet den Interview-Reigen und befragt Luhmann zu Protestbewegungen, von denen der Systemtheoretiker bekanntermaßen wenig hält. Während 1968 die revoltierenden Jugendlichen auf die Straße gingen, um die Gesellschaft zu verändern, erklärte Luhmann in seinen Seminaren vor damals noch spärlich besetzten Stuhlreihen, dass eine Veränderung der Gesellschaft gar nicht möglich sei, weil der Mensch in den sozialen Systemen des zwanzigsten Jahrhunderts bestenfalls noch eine Statisten-Rolle spiele. Seine Gesellschaftstheorie sah die Systeme  wie Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft - im Zentrum und den Menschen am Rande, in der Umwelt der Systeme. Messerscharf formuliert Luhmann im Gespräch:
Im Zusammenhang mit einer Theorie, die die moderne Gesellschaft über funktionale Differenzierung beschreibt, sind Bewegungen, die nicht den Anspruch erheben, anstelle der Wirtschaft oder der Politik zu wirtschaften oder zu regieren, Randerscheinungen. Bewegungen werden gespalten in Teile, die kompromissbereit sind und mitwirken wollen, oder in Teile, die an Prinzipien festhalten und dann enttäuscht werden.
Luhmann geht davon aus, dass die moderne Gesellschaft funktional differenziert ist. Das heißt: die einzelnen Teilsysteme übernehmen spezifische Funktionen. Ihre Arbeitsweise bezeichnet Luhmann als autopoietisch, also als selbstgesteuert. Sie können von außen nicht beeinflußt werden. Ihr vorrangiges Ziel ist die Reproduktion. Dazu brauchen sie zwar Menschen, die aber können in den Systemen nur zu den systemeigenen und nicht zu ihren Bedingungen agieren. Wer wirtschaftlich handelt, muss über Geld kommunizieren, wer wissenschaftlich handelt, über Wahrheit und wer politisch handelt, über Macht. Dieses Konzept macht deutlich, wieso sich Wissenschaft mit der Verantwortung für das von ihr produzierte Wissen so schwer tut, warum der Wirtschaft mit moralischen Kriterien schwer beizukommen ist und warum sich Politiker nach der Wahl nicht an ihre Wahlkampfversprechen erinnern mögen. Luhmann, das wird aus seinen Statements rasch klar, will die strukturellen Besonderheiten eines jeden gesellschaftlichen Systems analysieren. Deswegen sind weder Protestbewegungen noch Menschen für ihn von Interesse. Die Teilsysteme, die von der soziologischen Systemtheorie beschrieben werden sind: Politik, Wirtschaft, Kunst, Wissenschaft, Religion, Erziehung, Recht und Massenmedien.
Luhmann ging es auch bei seiner Analyse der Massenmedien nicht um inhaltliche Aspekte, sondern um die Struktur des Systems, um die Art und Weise, wie Massenmedien funktionieren. Besonderes Augenmerk richtete er dabei auf die extrem starken Filter des Systems, die zur Folge haben, dass sich die Medien kaum für die Wirklichkeit als solche interessieren. Also beispielsweise nicht für die geglückten Starts und Landungen auf den Flughäfen dieser Welt, sondern für die ganz wenigen Ausnahmen von der Regel. Die Wirklichkeit interessiert die Massenmedien nur unter stark limitierten Bedingungen. Berichtet wird nicht über die Realität, sondern über kleinste Wirklichkeitsfenster, über Ereignisse, die es schaffen, die Selektionsbarrieren der Massenmedien zu nehmen. Die Pointe dieses Gedankenganges ist umstürzend: Die Massenmedien, so lehrt es die luhmannsche Systemtheorie, bilden die Welt nicht ab, wie sie ist, sondern sie malen ein ganz spezifisches  medienspezifisches - Bild der Welt, indem Wahrheit nicht das oberste Kriterium ist. Dirk Knipphals von der taz fragt Luhmann in dem Interviewband mit berechtigtem Misstrauen:
Ob ein Artikel tatsächlich stimmt, ist für Sie nicht das Entscheidende?
Luhmann antwortet lakonisch:
Ich glaube nicht, dass Wahrheit des zentrale Moment der Medien sein kann. Die Meldungen müssen ja auch zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein. Jeden Morgen muss eine Zeitung vorliegen, jede Sendeminute im Fernsehen muss gefüllt sein. Ich denke, dass eine Kommunikation, die auf Wahrheit spezialisiert ist, nicht unter Zeitdruck stehen darf. Man weiß ja nicht, wie lange man prüfen muss.
Ebenso ungewöhnlich erweist sich im Interview, das Hans-Dieter Huber mit Luhmann geführt hat, die systemtheoretische Perspektive auf die Kunst. Als spezifische Funktion des Kunstsystems hat Luhmann die Kontingenzbewältigung analysiert. Mit Kontingenz ist ein Begriff benannt, der in der Systemtheorie zentral ist und das Phänomen der Nichtnotwendigkeit bezeichnet. Kunst führt der Gesellschaft vor Augen, dass alles immer auch anders möglich ist. Wer  durch Lektüre eines Romans oder durch das Anschauen eines Bildes  am Kunstsystem teilnimmt, partizipiert am Bewusstsein vom hohen Risiko aller Entscheidungen. Jede getroffene Entscheidung ist riskant, weil sie eine gewaltige Fülle von möglichen anderen Entscheidungen ausschließt. Luhmann bringt mit dem Beobachter noch eine zweite Kategorie in seine Kunstreflexionen ein:
Was die Soziologie beiträgt, ist die Frage, ob nicht all das letztlich seine Realität, seine soziale Existenz einer Kommunikation verdankt. Das würde z.B. bedeuten, dass der Künstler in der Herstellung Unterscheidungen so platziert, dass er beobachtet, was ein anderer Beobachter beobachten wird, wenn er das Kunstwerk sieht. In der neueren Ästehtik sagt man ja, ein Betrachter versteht das Kunstwerk nur, wenn er die Mittel erkennt  oder in meiner Sprache  wenn er die Beobachtungsweise erkennt, mit der ein Künstler in der Arbeit das Kunstwerk produziert hat, so dass in diesem Sinne Kunst wie auch Sprache eine Vermittlung zwischen Beobachtungen ist.
Durch den Interviewband Was tun, Herr Luhmann? bekommt man auch ohne sich durch die vielbändige, teilweise schwer zugängliche Theoriebildung zu arbeiten, einen Eindruck von der Denkungsart der Systemtheorie. Das Buch endet in einem Streitgespräch über den Begriff des Politischen. Kontrahenten sind der Politikwissenschaftler Herfried Münkler und der wirkmächtigste Luhmann-Schüler Dirk Baecker, die auf über dreißig Seiten ausloten, welche Beschreibungskompetenz die Systemtheorie in politischen Konstellationen hat. Ein würdiges Ende des Bandes, das nach den Vorlagen, die Luhmann in den gut ausgewählten Interviews lieferte, demonstriert, wie lebendig die Systemtheorie zehn Jahre nach dem Tod des Ausnahmegelehrten ist. Seine Bedeutung für die moderne Gesellschaftstheorie lässt sich wohl am ehesten mit den Worten des Philosophen Norbert Bolz ausdrücken, der über Luhmann sagte: Er war der letzte Theorieriese, auf dessen Schultern sich zu stehen lohnt.
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