Aus der Amazon.de-Redaktion
Herr Lehmann ist Kreuzberger. Kreuzberger sind Menschen, die irgendwann einmal aus Schwaben, Achim oder Herford nach Berlin gekommen und dort "hängen geblieben" sind. Herr Lehmann kommt ursprünglich aus Bremen und möchte eigentlich Frank genannt werden, aber das ignorieren seine Freunde: denn bald ist Herrn Lehmanns dreißigster Geburtstag. Und 30 Jahre alt zu werden, weiß Herr Lehmann, ist Scheiße, weil man da langsam "beginnt, eine Vergangenheit zu haben, eine gute alte Zeit und den ganzen Scheiß." Und weil auf einmal alle anfangen zu fragen, was man denn bitte schön anfangen wolle mit dem eigenen Leben. Denn dass jemand zufrieden damit ist, Kellner zu sein, ist in dieser Stadt, in der alle "eigentlich Künstler" sind, nicht vorgesehen -- "aber was ist das für ein trauriger Umgang mit dem, was man tut, wenn man es immer nur als Zwischenlösung ansieht, als nichts Richtiges?"
Sven Regener kennt, wovon er schreibt. Als Sänger und Texter der Berliner Band Element of Crime ist er seit genau jenen Spätachtzigern, in denen die Romanhandlung spielt, immer auch genauer Chronist eines Kreuzberger Lebensgefühls jenseits von "Kreuzberger Nächte sind lang" gewesen. Mit Herr Lehmann ist ihm das erstaunliche Kunststück gelungen, jene zärtlich-rotzige Nonchalance, die seine Lieder auszeichnet, umstandslos in die lange Form zu überführen -- und das gleich in seinem literarischen Erstlingswerk!
Mit seinem Roman setzt Regener jenem merkwürdig zeitlosen Kreuzberg der Vorwendezeit, das einem heute so weit weg erscheinen will, so etwas wie ein Denkmal -- für die Zeit Damals hinterm Mond. Doch trotz so schöner Einsichten wie "Der Elekrolytmangel ist der größte Feind des Trinkers. Von der Dehydrierung einmal abgesehen", geht es hier keineswegs nur ums Bohème-Leben im Allgemeinen und ums Trinken im Besonderen. Das Ganze ist nämlich auch eine Art Entwicklungsroman -- freilich zu Kreuzberger Bedingungen: Muss doch der Held -- für den es anfangs noch eine Qual ist, wenn er auf dem Weg von Kreuzberg nach Kreuzberg durch Neukölln muss -- gegen Ende des Romans immerhin zur Kenntnis nehmen, dass es auch hinter der Oberbaumbrücke noch Menschen gibt. Das Ende der Geschichte? Erst mal losgehen, denkt sich Herr Lehmann. "Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben." Pflichtlektüre für die Jahrgänge 1959-1969, für Kreuzberger sowieso. --Axel Henrici -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Amazon.de-Hörbuchrezension
Die insgesamt 14 Kapitel verteilen sich auf 4 CDs. Das macht insgesamt ziemlich exakt viereinhalb Stunden Hörgenuss, in denen sich, angefangen von der Geschichte mit dem Hund bis hin zum Besuch im Urbankrankenhaus, auch noch einmal die ganze Virtuosität von Regeners Dialogkunst offenbart. Denn vorgelesen wirkt das alles noch komischer, noch mehr dem Leben abgeschaut (und bleibt doch, was es ist: Literatur!). Und wenn man ganz genau hinhört, hört man ab und zu sogar Kindergeschrei im Hintergrund. 4 CDs; 270,38 Minuten Spielzeit. --Axel Henrici -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Neue Zürcher Zeitung
Sven Regeners Romandébut «Herr Lehmann»
Einen Herrn Lehmann stellt man sich schmerbäuchig und biertrinkend vor, deutschnational und prinzipienfest, hundeliebhabend und frauenverachtend. Einiges davon trifft sogar zu, und doch ist die Vorstellung insgesamt falsch. Unser Herr Lehmann oder sagen wir lieber: Sven Regeners Herr Lehmann ist noch keine dreissig, jobbt hinterm Tresen in Berlin-Kreuzberg und wird allgemein unterschätzt. Selbst sein bester Freund Karl hält ihn für «erfrischend simpel». Und die Kollegen in der Kneipe wollen ihn mit der Anrede «Herr Lehmann» ein bisschen aufziehen, was Herr Lehmann gar nicht so witzig findet. Den Respekt, den die flapsige Anrede nur fingiert, hat er sich im Grunde redlich verdient.
Frank Lehmann ist ein Kämpfer (natürlich wider Willen). Im ersten Kapitel kämpft er vor Sonnenaufgang mit einem Kampfhund, der ihm auf der Strasse auflauert und den er mit einer halben Flasche Whisky in die Knie zwingt. Im zweiten, am Telefon, unausgeschlafen und verkatert, mit seiner Mutter. Im dritten, in einer seiner Stammkneipen, mit einer schönen Köchin, die ihm zur Frühstückszeit keinen Schweinebraten servieren will. (Herr Lehmann verabscheut Frühstücke: Er hat so seine Prinzipien.) Am Ende des dritten Kapitels ist er verliebt. Und das Verliebtsein fordert ja allemal zum heldenhaften Kampf heraus.
Später wird's regelrecht handgreiflich. Einen stänkernden Gast zieht Lehmann am Ohr durch die Kneipe, einem ungastlichen Gastwirt beisst er fast den Finger ab. Besonders diese letzte Tat imponiert der schönen Katrin so sehr, dass sie mit Lehmann ins Bett steigt, obwohl sie nach eigenem Bekunden nicht direkt verliebt ist. «Ich glaube, die unterschätzen dich alle», sagt sie. Und er entgegnet ihr: «Bei mir gibt's nichts zu unterschätzen. Ich bin genau der, der ich bin.» Sven Regener (Jahrgang 1961) ist bisher als Sänger und Songtexter der Rockgruppe «Element of Crime» hervorgetreten. Die Dialoge, mit denen er seinen ersten Roman nicht nur bestückt, sondern regelrecht aufpolstert, haben es in sich. Auch da, wo sie ans Absurde heranreichen, wirken sie bemerkenswert authentisch; sie erfassen und reflektieren einen Typus, ein Milieu, eine Lebensart. Aber sie begnügen sich nicht mit der Mimikry, sondern entfalten einen sprühenden Witz, wie man ihn selten antrifft im neueren deutschen Roman. Und er geht auch bei wiederholtem Lesen nicht verloren.
Herr Lehmann scheint keinen grossen Ehrgeiz zu entwickeln. Der Job in der Kneipe ist für ihn keine Alibiexistenz, sondern «Lebensinhalt» genug. Wo andere «eigentlich Künstler» sind (wie sein bester Freund Karl), ist Lehmann ganz uneigentlich Tresenmann und sonst gar nichts. Über den Begriff «Lebensinhalt» vermag er sich im Streit mit der schönen Köchin genüsslich zu mokieren. «Vielleicht füllen wir ja den Lebensinhalt in die Leute rein, Mund auf, Lebensinhalt rein, fertig.» Das Bier, das auch Herr Lehmann selbst in grossen Mengen zu sich nimmt, benebelt und enthemmt, zunächst aber lockert es die Zunge. So gesehen ist es nicht gerade ein Lebensinhalt, aber doch ein Treibstoff des Lebens. Es macht den Protagonisten beredt; und was er so daherredet, wenn die Nacht lang ist, balanciert auf dem Grat zwischen höherem Unsinn und tieferer Bedeutung. Hier kommt kein abgehobener Diskurs zustande, keine Rotweinrhetorik, sondern ein imposanter Bierernst, der gelegentlich umschlagen mag in die buchstäbliche Verbissenheit. Wenn Lehmann sich aufgerufen sieht, die Ehre seines Chefs oder seiner Angebeteten zu retten, mutiert er auch schon mal zum menschlichen Nagetier.
Man könnte das für einen Brutaleffekt halten, der zeitgenössischen Kinofilmen entlehnt ist; aber zum einen wirken auch diese Szenen keineswegs übertrieben, zum anderen schmälern sie nicht die Sympathie für den Protagonisten, die der Leser nach und nach wenn nicht bereits vom ersten Kapitel an entwickelt. Sie hat wohl damit zu tun, dass Lehmann seinerseits starke Sympathien hegt und pflegt, selbst da, wo er die Schwächen seiner Mitmenschen nur allzu klar durchschaut. Die komplette Personnage dieses Romans ist differenziert gesehen, keine der Figuren erschöpft sich im Stereotyp, wenngleich gewisse Klischees (etwa der Geiz des schwäbischen Kneipiers) um der Freude am Wiedererkennen willen nicht ausgespart sind. Die Sympathie des Lesers ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass der Held (der Begriff will beinahe stimmen) sich im Lebenskampf niemals unterkriegen lässt. Nicht einmal von der haarsträubend komischen Penetranz eines original Berliner Busfahrers samstagvormittags auf dem Ku'damm.
Berlin, so viel ist noch nachzutragen, meint hier ausschliesslich: Westberlin. Dass Regeners Roman ausgerechnet im Herbst 1989 spielt und am 9. November endet, ist vielleicht nicht mehr als ein Gag; denn das Politische bleibt in diesem Buch ebenso konsequent ausgeblendet wie die ganze Welt ausserhalb Berlins, ja eigentlich ausserhalb des Kreuzberg-Viertels SO 36. (Neukölln ist Lehmanns Albtraum.) Aber der Kunstgriff weist eben auch deutlich darauf hin, wie eng hier noch die Räume sind: Die Welt endet in einer Sackgasse, in der Nähe des Schlesischen Tors. «Herr Lehmann» spielt im letzten Vierteljahr vor der Ausweitung der Kampfzone. Seine Geschichte ist deshalb in hohem Mass vergangen, was Thomas Mann als eine besonders günstige Voraussetzung für ihr Erzähltwerden betrachtet hätte.
Martin Krumbholz -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2001
Fraglos "eine kleine Welt", in der sich der Herr Lehmann im Debütroman von Element-of-Crime-Sänger Sven Regener bewegt: Kreuzberg 1989, kurz vor dem Mauerfall. Da ist es nur wenig erstaunlich, dass von der bevorstehenden Zeitenwende so gar nichts zu bemerken ist und dass die Protagonisten, fest eingemummt in ihren kleinen Berliner Westen, von dem was zu bemerken wäre, so gar keine Notiz nehmen wollen. Gerade darum aber, so der Rezensent Tilman Spreckelsen, handelt es sich um einen "glänzenden Wenderoman aus westlicher Sicht". Herrn Lehmann beschreibt Spreckelsen als "sympathische Oblomow-Gestalt" und lobt den Autor dafür, dass er zwar auf Distanz zu seiner Figur setzt, das Abdriften ins allzu Skurrile aber vermeidet. Lobend erwähnt werden die "hohe Komik" einiger der stets "in sich abgerundeten" Szenen, aus denen der Roman besteht, außerdem noch die sehr gelungenen "vielstimmigen Diskussionen".
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Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 17.08.2001
Thomas Steinfeld hält diesen Band für ein "freundliches, leichtes und gekonnt belangloses Buch", bei dem ihm offenbar besonders gut gefällt, dass der Autor hier einen "unerbittlichen Konservatismus" der alternativen Szene ins Visier nimmt, in der vor allem eines wichtig ist: dass man nicht gestört wird in seinem eingerichteten Leben. Steinfeld ist der Ansicht, dass dieses Buch beinahe genauso gut in den zwanziger Jahren hätte geschrieben werden können, vor allem wegen der "Milde, (...) dem betulichen Ton eines ebenso langmütigen wie teilnehmenden Beobachters, den man sich eigentlich immer als dicken Mann mit Hosenträgern vorgestellt hat". Dass der Roman letztlich aus zwanzig Anekdoten besteht, hat zwar nach Steinfeld seinen Reiz, doch findet er, das zwölf durchaus gereicht hätten. Irgendwann bei der Lektüre schien es Steinfeld so, als ob man einem Partygast zuhört, der lustige Dinge erzählt, einem jedoch ab einem gewissen Punkt nur noch auf die Nerven geht. Auch ein bisschen mehr "literarische Seele" hätte dem Herrn Lehmann nicht geschadet, findet Steinfeld. Doch insgesamt überwiegt das positive Urteil in der Rezension, zumal Steinfeld zum Schluss noch lobend auf die "Originalität und Kraft" dieses Buch hinweist.
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Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 21.08.2001
Flauschiges Buch, das, vermeldet unser Rezensent. Seltsames Epitheton, meinen wir. Was Gerrit Bartels indessen meint, ist ein Unspektakuläres, das uns ganz sanft mitnimmt, bis wir, huch, schon auf der letzten Seite angekommen sind. "So weit, so unspektakulär." Oder so "wohnlich" eben. Das Flauschig-Behagliche des Buches hat für Bartels vor allem damit zu tun, dass es Kreuzberg als Handlungsort und den "sympathischen und gezielt planlosen Herrn Lehmann, der keiner Fliege was zu Leide tun kann", als Helden hat. Kann sich der Kreuzberger mitunter hübsch spiegeln. Weniger gefällt Bartels da schon das effekthascherische Hinschreiben auf den 9. November 1989. Wirkungspotential, findet er, hätte das Buch auch ohne das genug gehabt. Und aufs Literarische Quartett, das just darauf ansprang, hätte es sowieso verzichten können.
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-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
"Die Dialoge entfalten einen sprühenden Witz, wie man ihn selten antrifft in einem deutschen Roman. Und er geht auch bei wiederholtem Lesen nicht verloren." (Neue Zürcher Zeitung )
"Hier entsteht die Komik scheinbar wider Willen, im Unabsichtlichen liegt die erzählerische Eleganz. Man hält den Atem an, man ist verblüfft, man lacht sich schief. Alles popkulturelle Berlin-Geschwätz fegt der Autor mit einem Wisch vom Tisch, und wir schmeißen die einschlägige Partyliteratur gleich hinterher. Denn bei Sven Regener, da ist der Alltag noch phänomenal, die Stadtdarstellung noch einen Blick wert." (Die Zeit )
Kurzbeschreibung
Der Wahlkreuzberger Lehmann ist noch keine dreißig, und er liebt sein ereignisloses Leben. Jahrelange Ausweichmanöver und heroische Trägheit haben ihn bisher erfolgreich vor den Ansprüchen seiner Umwelt verschont, bis das Jahr 1989 beginnt. Das Jahr der Wiedervereinigung stellt Herrn Lehmann auf eine harte Probe ...
In seinem gefeierten Debüt heftet sich Regener an die Fersen seines charmanten Protagonisten, der eine ungewöhnliche Reise durch den Mikrokosmos des Berliner Stadtviertels antritt.
Klappentext
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
"Die Dialoge entfalten einen sprühenden Witz, wie man ihn selten antrifft in einem deutschen Roman. Und er geht auch bei wiederholtem Lesen nicht verloren."
Neue Zürcher Zeitung
"Hier entsteht die Komik scheinbar wider Willen, im Unabsichtlichen liegt die erzählerische Eleganz. Man hält den Atem an, man ist verblüfft, man lacht sich schief. Alles popkulturelle Berlin-Geschwätz fegt der Autor mit einem Wisch vom Tisch, und wir schmeißen die einschlägige Partyliteratur gleich hinterher. Denn bei Sven Regener, da ist der Alltag noch phänomenal, die Stadtdarstellung noch einen Blick wert."
Die Zeit
Über den Autor
und ist Sänger, Texter und Trompeter der Band Element
of Crime, die mit Alben wie „Damals hinterm Mond“ und „Weißes Papier“ große Popularität erlangte. Sein Debütroman „Herr Lehmann“ stürmte auf Anhieb die Bestsellerliste. Mehr als 700.000 Kinobesucher sahen sich die Verfilmung dieses Bestsellers an. Für das Drehbuch erhielt Sven Regener 2004 den Deutschen Filmpreis in Gold. Mit „Neue Vahr Süd“ konnte der Autor seinen sensationellen literarischen Erfolg fortführen.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Der Nachthimmel, der ganz frei von Wolken war, wies in der Ferne, über Ostberlin, schon einen hellen Schimmer auf, als Frank Lehmann, den sie neuerdings nur noch Herr Lehmann nannten, weil sich herumgesprochen hatte, daß er bald dreißig Jahre alt werden würde, quer über den Lausitzer Platz nach Hause ging. Er war müde und abgestumpft, er kam von der Arbeit im Einfall, einer Kneipe in der Wiener Straße, und es war spät geworden. Das war kein guter Abend, dachte Herr Lehmann, als er von der westlichen Seite her den Lausitzer Platz betrat, mit Erwin zu arbeiten macht keinen Spaß, dachte er, Erwin ist ein Idiot, alle Kneipenbesitzer sind Idioten, dachte Herr Lehmann, als er an der großen, den ganzen Platz beherrschenden Kirche vorbeikam. Ich hätte die Schnäpse nicht trinken sollen, dachte Herr Lehmann, Erwin hin, Erwin her, ich hätte sie nicht trinken sollen, dachte er, als sich sein Blick zerstreut in den Maschen der hohen Umzäunung des Bolzplatzes verfing. Er ging nicht schnell, die Beine waren ihm schwer von der Arbeit und vom Alkohol. Das mit dem Schnaps war Quatsch, dachte Herr Lehmann, Tequila und Fernet, morgen früh wird es mir schlecht gehen, dachte er, Arbeiten und Schnapstrinken verträgt sich nicht, alles, was über Bier hinausgeht, ist falsch, dachte er, und gerade ein Typ wie Erwin sollte seine Angestellten nicht noch zum Schnaps trinken überreden, dachte Herr Lehmann. Er kommt sich noch großzügig dabei vor, wenn er die Leute zum Schnaps trinken überredet, dachte Herr Lehmann, dabei tut er das bloß, um selbst einen Vorwand zum Saufen zu haben, aber andererseits, dachte er, ist es auch nicht richtig, die Verantwortung auf Erwin abzuwälzen, am Ende ist man immer selber schuld, wenn man Schnaps trinkt.
Der Mensch ist ein Wesen mit freiem Willen, dachte Herr Lehmann, als er sich der anderen Seite des Lausitzer Platzes näherte, jeder muß selber wissen, was er tut und was nicht, und nur weil Erwin ein Depp ist und einen zum Schnapstrinken überredet, heißt das noch lange nicht, daß Erwin schuld ist, dachte er, aber er dachte auch mit Genugtuung an die Flasche Whisky, die er heimlich hatte mitgehen lassen und die in der großen Innentasche seines langen, für einen Septembertag im Grunde viel zu warmen Mantels steckte. Er selbst hatte zwar keine Verwendung für Whisky, denn er trank ja im Prinzip schon lange keinen Schnaps mehr, aber Erwin mußte immer mal wieder bestraft werden, und Herr Lehmann konnte die Flasche zur Not seinem besten Freund Karl schenken.
Dann sah er den Hund. Herr Lehmann, wie sie ihn neuerdings nannten, obwohl die, die das taten, auch nicht viel jünger waren, obwohl tatsächlich einige von ihnen, sein bester Freund Karl und auch Erwin zum Beispiel, sogar älter waren als er, kannte sich mit Hunderassen nicht aus, aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, daß man so ein Tier mit Absicht züchtete. Der Hund hatte einen großen Kopfmit einer mächtigen, sabbernden Schnauze und zwei großen, lappigen Ohren, die links und rechts davon herunterhingen wie zwei welke Salatblätter. Sein Rumpf war fett, und sein Rücken so breit, daß man darauf eine Flasche Whisky hätte abstellen können, seine Beine waren dagegen unverhältnismäßig dünn, sie ragten aus dem Körper heraus wie abgebrochene Bleistifte. Herr Lehmann, der es nicht übermäßig witzig fand, daß man ihn jetzt so nannte, hatte noch nie ein so häßliches Tier gesehen. Er erschrak und blieb stehen. Er traute Hunden nicht. Und der Hund knurrte ihn an.
Jetzt bloß nichts falsch machen, dachte Herr Lehmann, der andererseits aber auch keinen Sinn darin sah, sich wegen einer albernen Anrede groß aufzuregen, immer fest in die Augen schauen, das schüchtert sie ein, dachte er und konzentrierte seinen Blick auf die beiden schwarzen, blanken Löcher im Schädel seines Gegenübers. Der Hund zog im Rhythmus seines Knurrens die Lefzen hoch und runter und starrte zurück. Sie hatten etwa drei Schritte Abstand voneinander, der Hund bewegte sich nicht, und Herr Lehmann bewegte sich auch nicht. Nicht wegsehen, dachte Herr Lehmann, nichts anmerken lassen, einfach vorbeigehen, dachte er und machte einen Schritt zur Seite. Der Hund knurrte noch lauter, es war ein bösartiges, nervtötendes Geräusch. Bloß nichts anmerken lassen, das Tier spürt die Angst und nutzt sie aus, dachte Herr Lehmann, noch ein kleiner Schritt zur Seite, dachte er, nicht aus den Augen lassen, noch ein kleiner Schritt, und dann noch einer, so, und dann gleich geradeaus, dachte Herr Lehmann. Aber dann ging der Hund einfach auch ein Stück zur Seite, und sie standen sich wieder gegenüber.
Er will mich nicht vorbeilassen, dachte Herr Lehmann, der seinen bald stattfindenden dreißigsten Geburtstag nicht gerade als rauschendes Fest zu feiern gedachte, gerade weil er davon überzeugt war, daß das bloß ein Geburtstag war wie jeder andere auch, und er hatte seine Geburtstage noch nie gerne gefeiert. Das ist doch lächerlich, so etwas darfes gar nicht geben, dachte er, ich habe ihm doch gar nichts getan. Er sah die großen, gelben Zähne, und es schauderte ihn bei der Vorstellung, wie sie von den riesigen Kiefern des Hundes in eines seiner Beine, in einen Arm, in seinen Hals geschlagen wurden, ja sogar um seine Hoden wurde ihm angst und bange. Wer weiß, was das für einer ist, dachte er, vielleicht ist der auf irgendwas abgerichtet, ein Killerhund, ein Hodenbeißer, einer, dachte er, der die Schlagader im Arm trifft, und dann verblutet man hier mitten auf dem Lausitzer Platz, es ist ja niemand da, der Platz ist menschenleer, dachte er, wer soll sich so früh am Sonntagmorgen schon hier herumtreiben, die Kneipen sind ja alle schon geschlossen, es ist ja immer das Einfall, das am allerspätesten zumacht, vom Abfall einmal abgesehen, aber das zählt nicht, dachte er, um diese Zeit treiben sich ja bloß noch Verrückte herum, geisteskranke Berliner mit abgerichteten Killerhunden, Perverse, die sich im Gebüsch einen runterholen, während sie sich ansehen, dachte Herr Lehmann, wie ihre beißwütigen Hunde ihr tödliches Spiel mit mir treiben.
Auszug aus Herr Lehmann. Ein Roman. von Sven Regener. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wolken war, wies in der Ferne, über Ostberlin, schon einen hellen Schimmer auf,
als Frank Lehmann, den sie neuerdings nur noch Herr Lehmann nannten, weil sich
herumgesprochen hatte, daß er bald dreißig Jahre alt werden würde, quer über den
Lausitzer Platz nach Hause ging. Er war müde und abgestumpft, er kam von der
Arbeit im Einfall, einer Kneipe in der Wiener Straße, und es war spät geworden.
Das war kein guter Abend, dachte Herr Lehmann, als er von der westlichen Seite
her den Lausitzer Platz betrat, mit Erwin zu arbeiten macht keinen Spaß, dachte
er, Erwin ist ein Idiot, alle Kneipenbesitzer sind Idioten, dachte Herr Lehmann,
als er an der großen, den ganzen Platz beherrschenden Kirche vorbeikam. Ich
hätte die Schnäpse nicht trinken sollen, dachte Herr Lehmann, Erwin hin, Erwin
her, ich hätte sie nicht trinken sollen, dachte er, als sich sein Blick
zerstreut in den Maschen der hohen Umzäunung des Bolzplatzes verfing. Er ging
nicht schnell, die Beine waren ihm schwer von der Arbeit und vom Alkohol. Das
mit dem Schnaps war Quatsch, dachte Herr Lehmann, Tequila und Fernet, morgen
früh wird es mir schlecht gehen, dachte er, Arbeiten und Schnapstrinken verträgt
sich nicht, alles, was über Bier hinausgeht, ist falsch, dachte er, und gerade
ein Typ wie Erwin sollte seine Angestellten nicht noch zum Schnapstrinken
überreden, dachte Herr Lehmann. Er kommt sich noch großzügig dabei vor, wenn er
die Leute zum Schnapstrinken überredet, dachte Herr Lehmann, dabei tut er das
bloß, um selbst einen Vorwand zum Saufen zu haben, aber andererseits, dachte er,
ist es auch nicht richtig, die Verantwortung auf Erwin abzuwälzen, am Ende ist
man immer selber schuld, wenn man Schnaps trinkt.
Der Mensch ist ein Wesen mit freiem Willen, dachte Herr Lehmann, als er sich der
anderen Seite des Lausitzer Platzes näherte, jeder muß selber wissen, was er tut
und was nicht, und nur weil Erwin ein Depp ist und einen zum Schnapstrinken
überredet, heißt das noch lange nicht, daß Erwin schuld ist, dachte er, aber er
dachte auch mit Genugtuung an die Flasche Whisky, die er heimlich hatte mitgehen
lassen und die in der großen Innentasche seines langen, für einen Septembertag
im Grunde viel zu warmen Mantels steckte. Er selbst hatte zwar keine Verwendung
für Whisky, denn er trank ja im Prinzip schon lange keinen Schnaps mehr, aber
Erwin mußte immer mal wieder bestraft werden, und Herr Lehmann konnte die
Flasche zur Not seinem besten Freund Karl schenken.
Dann sah er den Hund. Herr Lehmann, wie sie ihn neuerdings nannten, obwohl die,
die das taten, auch nicht viel jünger waren, obwohl tatsächlich einige von
ihnen, sein bester Freund Karl und auch Erwin zum Beispiel, sogar älter waren
als er, kannte sich mit Hunderassen nicht aus, aber er konnte sich beim besten
Willen nicht vorstellen, daß man so ein Tier mit Absicht züchtete. Der Hund
hatte einen großen Kopf mit einer mächtigen, sabbernden Schnauze und zwei
großen, lappigen Ohren, die links und rechts davon herunterhingen wie zwei welke
Salatblätter. Sein Rumpf war fett, und sein Rücken so breit, daß man darauf eine
Flasche Whisky hätte abstellen können, seine Beine waren dagegen
unverhältnismäßig dünn, sie ragten aus dem Körper heraus wie abgebrochene
Bleistifte. Herr Lehmann, der es nicht übermäßig witzig fand, daß man ihn jetzt
so nannte, hatte noch nie ein so häßliches Tier gesehen. Er erschrak und blieb
stehen. Er traute Hunden nicht. Und der Hund knurrte ihn an.
Jetzt bloß nichts falsch machen, dachte Herr Lehmann, der andererseits aber auch
keinen Sinn darin sah, sich wegen einer albernen Anrede groß aufzuregen, immer
fest in die Augen schauen, das schüchtert sie ein, dachte er und konzentrierte
seinen Blick auf die beiden schwarzen, blanken Löcher im Schädel seines
Gegenübers. Der Hund zog im Rhythmus seines Knurrens die Lefzen hoch und runter
und starrte zurück. Sie hatten etwa drei Schritte Abstand voneinander, der Hund
bewegte sich nicht, und Herr Lehmann bewegte sich auch nicht. Nicht wegsehen,
dachte Herr Lehmann, nichts anmerken lassen, einfach vorbeigehen, dachte er und
machte einen Schritt zur Seite. Der Hund knurrte noch lauter, es war ein
bösartiges, nervtötendes Geräusch. Bloß nichts anmerken lassen, das Tier spürt
die Angst und nutzt sie aus, dachte Herr Lehmann, noch ein kleiner Schritt zur
Seite, dachte er, nicht aus den Augen lassen, noch ein kleiner Schritt, und dann
noch einer, so, und dann gleich geradeaus, dachte Herr Lehmann. Aber dann ging
der Hund einfach auch ein Stück zur Seite, und sie standen sich wieder
gegenüber. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.