Aus der Amazon.de-Redaktion
Wenn Herr Lehmann (Christian Ulmen) etwas hasst, dann ist es dieser merkwürdige Brauch, dass man ihn zwar mit "Herr Lehmann" anspricht, aber im gleichen Atemzug duzt. Das geht natürlich genau genommen überhaupt nicht zusammen, nur passt es irgendwie dann doch wieder zu ihm. Er, der vor Jahren nach West-Berlin gekommen ist, um dem Wehrdienst zu entfliehen, und nun im "Einfall" in der Wiener Straße in Kreuzberg hinterm Tresen steht, ist seit langem eine feste Größe in der Szene, trotzdem hat man das Gefühl, dass er nicht ganz dazu gehört. Hinter der Fassade zur Schau gestellter Lässigkeit, hinter dem so offensichtlichen Desinteresse, mit dem er der Welt jenseits von Kreuzberg begegnet, verbirgt sich etwas, von dem Herr Lehmann selbst keine klare Vorstellung hat. Aber es sind nur noch wenige Wochen bis zu seinem 30. Geburtstag, einem Datum, das gleich einem Damokles-Schwert über seinem Kopf hängt. Und als wäre das nicht schon genug, muss er sich gerade jetzt in die "schöne Köchin" Katrin (Katja Danowski) verlieben.
Herr Lehmann hat eine wundervolle impressionistische Qualität. Die von Regener ersonnene Handlung tritt immer wieder in den Hintergrund. Ihre vordringliche Aufgabe ist es, all die kleinen Momente und Szenen zusammenzuhalten, in denen Haußmann die Atmosphäre und das Lebensgefühl heraufbeschwört, die dieses seltsame soziale Biotop Kreuzberg in den Tagen, Monaten und Jahren vor dem Mauerfall so einzigartig gemacht haben. Die nächtlichen Gespräche zwischen Herrn Lehmann, seinem Freund Karl (Detlev Buck) und all den anderen sich dem Leben verweigernden Existenzen, die in dieser abgeschlossenen Welt im (Wind-)Schatten der Mauer Zuflucht gesucht haben, sind meist völlig absurd und zugleich unglaublich poetisch. Haußmann inszeniert sie mit einem untrüglichen Gefühl für Sprache und ihren Klang. Seine Cinemascope-Bilder nutzen auf spektakuläre Weise die ganze Breite des Formats, ohne je von den Dialogen abzulenken.
Haußmanns Film gleicht einem eingängigen, aber auch recht exzentrischen Popsong. Insofern hätte Regener, der Kopf der Band Element of Crime, keinen besseren Regisseur für die Verfilmung seines Romans finden können. Wie er, der Musiker und Romancier, ist sich auch der Theater- und Filmemacher Haußmann der Macht des Pops ganz genau bewusst. Ein Lied oder auch ein Film können uns in eine fremde, beinahe märchenhafte Welt entführen und uns verzaubern, um uns schließlich wieder mit offeneren Augen in die Realität zu entlassen. So ist es auch bei Herr Lehmann. Wie seine Helden verweigert auch der Film den Blick über Kreuzberg hinaus. Das mag einen zunächst verwundern, doch wenn schließlich auch im Film die Mauer fällt und die große Historie Einzug in die kleine Geschichte hält, ahnt man, dass Leander Haußmann hier der Wahrheit über das Leben in der alten BRD nähergekommen ist, als man es je für möglich gehalten hätte. --Sascha Westphal
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Blickpunkt: Film
Der Autor selbst adaptierte seinen Romanerstling für Regisseur Leander Haußmann, der mit 'Sonnenallee', seinem eigenen Debüt, einen Überraschungshit landen konnte. Trotz dieser Erfolgskoalition bleiben Fragezeichen, weil auch die Vorlage neben überwiegend begeisterten Fans auch einige Verweigerer fand, die überhaupt nicht mit der empfundenen Ereignislosigkeit und Normalität des Stoffs zurecht kamen. Als möglichst authentische Adaption ist auch der Film im Grunde weitgehend Plot-freie Zone, ist erfüllt von einer akribischen Milieu- und Typenbeobachtung, vor allem auch einem Lebens- und Zeitgefühl, das selbstbewusst Apathie und Individualismus feiert. Titelfigur Herr Lehmann lebt in Kreuzberg SO36, einem intimen Berliner Bezirk, dessen Koordinaten von Kneipen bestimmt werden. Herr Lehmann arbeitet hinter dem Tresen im 'Einfall', sein bester Freund Karl (Detlev Buck) in der gastronomisch etwas großzügigeren 'Markthalle', und schließlich gibt es da noch die Neueröffnung 'Abfall', in der so manches Becks vor der Sippenhaft im Kasten gerettet wird. Mit ganz eigener Körperhaltung, einem ganz eigenen Sprachrhythmus spielt Christian Ulmen diesen kauzigen Endzwanziger, der in der Bewegungslosigkeit sein Karma gefunden hat und über die banalsten Sachverhalte in absurder Weise philosophieren kann. Am liebsten mit Karl, der eigentlich Künstler ist, bald aber auch mit Köchin Katrin (Katja Danowski), die eigentlich Schweinebraten nicht um 11 Uhr morgens serviert, aber für Herrn Lehmann doch noch eine Ausnahme macht. Was dieser als Signal deutet, sich einer bisher unbekannten Aufbruchstimmung zu ergeben. So überwindet er sich erst eine Badehose, dann die Last einer Beziehung zu tragen, bis Katrin in dem Kneipentouristen Kristall-Rainer eine weniger reibungsintensive, unkompliziertere Alternative erkennt.
Ungeachtet einer gewissen Romantisierung der Trinkerkultur ist die Milieu- und Typenschreibung die große Stärke des Films, gefolgt von dem lakonischen Ton, der gleich in den ersten Bildern, einem Cinemascope-Showdown zwischen Herrn Lehmann und einem sturen Hund, eingeführt wird. Einen erstklassigen Eindruck hinterlässt das gesamte Ensemble, das bei aller Komik auch die melancholischen Untertöne nicht vergessen lässt. Nicht jedermanns Geschmack ist der verschleppte Erzählstil, der ungeduldige Zuschauer straft, aber auch die eingestreuten Popkulturzitate, von 'Star Wars' bis hin zu 'Flucht ins 23. Jahrhundert', die wie ein Fremdkörper wirken. Schließlich spielen in dieser Verklärung des Normalen andere Dinge eine wichtigere Rolle - wie etwa die Erkenntnis, dass der Kater beim Kristall-Weizen von der Zitrone kommt und der Elektrolytmangel der größte Feind des Trinkers ist. Am Ende dieser Berliner Geschichten fällt die Mauer und es wird spannend sein zu beobachten, ob die Mundpropaganda für diesen Film wirklich zu einem Ansturm oder zum Aufbau einer neuen Mauer führt. kob.
Blickpunkt: Film Kurzinfo
Kurzbeschreibung
Herr Lehmann ist der Schutzpatron aller Tresenkräfte, Bierkonsumenten und Liebhaber sinnloser Gespräche, die sich im Schutz der Mauer in Berlin-Kreuzberg des Jahres 1989 eingerichtet haben.
Während sich im Ostteil der Stadt große gesellschaftliche Umbrüche ankündigen, hält auch viel Unerwartetes Einzug in Herrn Lehmanns Leben: Ein aufdringlicher Hund, der Besuch seiner Eltern, die Liebe zur schönen Köchin Katrin, sein bester Freund Karl und ein unbekannter Kristallweizen-Trinker sorgen in kurzer Zeit für mehr als Unruhe und Herr Lehmann hat alle Hände voll zu tun, diese Herausforderungen zu bewältigen. Und ausgerechnet am Tag seines 30. Geburtstags, fällt dann auch noch die Mauer...
Produktbeschreibungen
Herr Lehmann heisst eigentlich Frank, aber weil er schon fast 30 ist, nennen ihn alle nur Herr Lehmann. Und während sich im Osten der Stadt weltverändernde Umbrüche anbahnen, schleicht sich Unruhe in Herrn Lehmanns Privatleben: Die Eltern drohen mit Besuch, ein Hund drängt sich auf, eine schöne Köchin stiftet Vewirrung, kurz: das Auf und Ab des Alltags nimmt bedenkliche