Manche Bücher schlägt man auf und schon auf der ersten Seite weiß man, dass man 1000 richtig gute Seiten vor sich hat. Mir ging es bei Ngugi wa Thiong'os "Herr der Krähen" so. Der afrikanische Autor und Kulturwissenschaftler, der für seine Publikationen bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet und sogar als heißer Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wurde, legt hier eine Satire vor, die ihresgleichen sucht.
Bereits 2004 war der "Herr der Krähen" auf Kikuyu, Ngugi wa Thiong'os Muttersprache erschienen. Er selbst hat es anschließend ins Englische übertragen und seit Herbst gibt es das Buch (von Thomas Brückner hervorragend übersetzt) auch in deutscher Sprache.
Zur Handlung: Im fiktiven afrikanischen Staat Aburiria herrscht ein nicht weiter benannter Despot, der immer nur als "der Herrscher" bezeichnet wird. "Seine allmächtige Vortrefflichkeit" möchte sich selbst ein angemessenes Denkmal setzen und plant deswegen das ehrgeizige Projekt "Marching to Heaven" - einen modernen Turmbau zu Babel, der das biblische Vorbild nicht nur in seinen Ausmaßen sondern auch im Erfolg weitaus übertreffen soll. Um das Projekt umzusetzen, benötigt der Herrscher allerdings Geld, eine Menge Geld, das von der New Yorker Global Bank zur Verfügung gestellt werden soll. Doch wie kann man die Leute in den USA von der Wichtigkeit dieses Unternehmens überzeugen? Und wie zerstreut man ihre Bedenken, dass es sich bei Aburiria möglicherweise um einen Staat handelt, der nicht demokratisch sondern von einem despotischen Diktator regiert wird?
Während der Herrscher die Amerikaner von dem Projekt zu überzeugen versucht, macht in Aburiria ein Mann namens Kamiti eine ungeahnte Entwicklung durch: Vom hervorragend ausgebildeten Arbeitsuchenden zum gefragten Heiler und Seher. Innerhalb von wenigen Stunden wird Kamiti vom potenziellen Krähenfutter zum Herrn der Krähen. Durch die gemeinsame nächtliche Flucht (wieder) vereint, findet Kamiti zu Nyawira, die er bereits bei seiner erfolglosen Suche nach Arbeit kennengelernt hat. Er findet in ihrem Haus Unterschlupf und hält sich den Polizisten, der die beiden verfolgt hat, da er sie für Aufrührer und Staatsfeinde hält, mit einem selbstgemalten Schild vom Hals, auf dem zu lesen steht: "Achtung! Dieses Anwesen gehört einem Zauberer, dessen Macht Falken und Krähen vom Himmel holt. Sie nähern sich diesem Haus auf eigene Gefahr.- Der Herr der Krähen."
Der Verfolger schreckt vor diesem Schild zurück - und fortan legt er überall in Aburiria mündlich Zeugnis davon ab, über welche Macht der Herr der Krähen verfügt. Die Kunde verbreitet sich im ganzen Land und Kamiti, der Zauberer wider Willen, kann sich vor "Klienten" nicht mehr retten. Bald erfährt natürlich auch der Herrscher von diesem ungewöhnlich erfolgreichen Magier...
In der Zwischenezeit bilden sich vor der Firma von Nyawiras Boss, der mit der Koordination des Baus von "Marching to Heaven" betraut wurde zwei stetig wachsende Menschenschlagen. Da sind zunächst einmal die, die auch etwas vom gigantischen Kuchen abhaben wollen und sich potenzielle Aufträge auch mal was kosten lassen - und auf der anderen Seite die Arbeitssuchenden, die auf eine Anstellung hoffen.
Was für ein Buch! Ngugi wa Thiong'o ist mit "Herr der Krähen" etwas gelungen, was nicht viele zustande bringen: Er lässt Afrika in seiner ganzen Vielfalt lebendig werden - Magie, Mythen und mündlich tradierte Geschichten, wie etwa die des Polizisten, der seine Erlebnisse in immer wieder abgewandelter Form in Bars erzählt. Und dann ist das Buch eine Satire, die besser nicht sein könnte. Der Autor schreibt mit einer ungeahnten Leichtigkeit, verzichtet auf bittere Anklagen, obwohl er als Opfer des kenianischen Machthabers Daniel arap Moi durchaus Grund hätte, verbittert zu sein. Stattdessen spielt er mit der Groteske und bringt den Leser damit gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken. Für mich einer der beeindruckendsten Romane, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. "Herr der Krähen" wird sicher nicht mein letztes Buch von diesem außergewöhnlichen Autor sein und ich wünsche insbesondere diesem Buch viele begeisterte Leser!