Ist es nicht absurd, dass man AUSsteigt, indem man sich EINigelt? Das ist eine der Spitzfindigkeiten in einem Roman, der vor Absurditäten nur so strotzt, ja, der das Wort "absurd" als Leitmotiv zu tragen scheint.
Der unscheinbare Herr Jensen arbeitet bei der Post. Eines Tages muss die Post rationalisieren. Und um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, wird Herrn Jensen ' gekündigt. Absurd, wie gesagt. Und was macht Herr Jensen? Herr Jensen steigt aus. Zieht sich Stück für Stück aus der Welt zurück, igelt sich ein, löst sich auf.
Der 134 Seiten-Roman ist das Psychogramm eines Außenseiters, eines einsamen Menschen, der in den eigenen Grenzen gefangen ist und sich nur mehr und mehr isoliert. Jensen hat sich zeitlebens von anderen schieben lassen, aus Mangel an eigenem Antrieb. Selbst auf die Idee mit dem Job bei der Post kam erst ein Schulfreund. Und weil es sich ergab, blieb Herr Jensen eben dort, bis es sich ergibt, dass er gehen muss. Wenn es nach Herrn Jensen geht, könnte immer alles so bleiben, wie es ist. Denn das bedeutet Sicherheit. Denken nicht viele so?
Doch gerade an dem Punkt, wo für viele die Unsicherheit beginnt, in der Arbeitslosigkeit, findet Herr Jensen seine Stärke. Er verweigert sich still. Er demonstriert stumm und innerlich gegen die Welt. Er philosophiert über das Leben und dessen Essenz, beschäftigt sich hauptberuflich mit der Analyse des Fernsehprogramms und dringt schließlich zur großen Stille vor, und er verteidigt seinen Status schließlich vehement gegen jeden, der an seinem Leben rütteln möchte. Und das Verblüffende geschieht: die Umwelt hat ein Einsehen. Und Herr Jensen, der zunächst nur ungern nach draußen geht, sich dann auch von seinem Fernseher und später von seinem Briefkasten trennt, löst sich als Person Stück für Stück auf und ist zufrieden damit. All das, was in unserer Gesellschaft einem Menschen einen Rahmen gibt und ihn mit seiner Umwelt verbindet, wirft Herr Jensen in den Müll. Am Ende sogar sein Klingelschild.
Der Sprachfluss des Romans ist so ebenmäßig wie der Pulsschlag seines Helden, die Sprache ist knapp, fast naiv, als wundere sich der Autor selbst über die Absurditäten, die er erfindet. Auch wenn Jakob Hein seinen Helden unerbittlich festhält und seine Auflösung akribisch dokumentiert, bleibt Herr Jensen doch immer ein wenig fern, als würde man ihn durch ein Guckloch beobachten, was wohl nicht zuletzt daran liegt, dass Herr Jensen scheinbar keinen Vornamen besitzt. Es ist das Verdienst des Autos, dass die Tragik der Geschichte trotzdem immer wieder humorvoll durchbrochen wird, etwa wenn der bundesdeutsche Alltag auf dem Arbeitsamt oder bei einer nutzlosen Weiterbildungsmaßnahme nüchtern seziert wird. "Herr Jensen steigt aus" ist ein unaufgeregtes und doch kurzweiliges Buch über einen Menschen am Rande der Gesellschaft, der sich weigert, den ganzen Zirkus weiter mitzumachen und deshalb über den gesellschaftlich vereinbarten Rand hinaustritt.