Neue Zürcher Zeitung
Hasenglück
Bilderbücher nicht nur für Ostern
«Wie gross? So gross!» Oder die ausgebreiteten Arme, in die man hineinfliegt, selbst die Ärmchen weit ausgestreckt, so weit! In diesen «so gross», «so hoch», «so weit» kommen Mass und Zahl ins Blickfeld: Zählen erzählen was sich eben gerade nicht zählen und ermessen lässt. Ein grosses Interesse an Zeichen kommt hier zum Vorschein, ein Kindern eigener, früher Hang zur Abstraktion.
«Guess how much / I love you»: In der Mitte, zwischen dem ersten Satz(teil) und dem zweiten beide zusammen ergeben den Titel eines englischen Bilderbuches sitzt ein grosser Hase. Häschen-Klein, aufrecht vor ihm stehend, zieht ihm mit hochgereckten Armen die ellenlangen Ohren herunter: Hör zu, rate mal!
Zwei Themen verbinden sich im Titel: Findiger Geist und Liebe. Genau dies und nichts anderes führt dieses Bilderbuch aufs schönste vor (Text: Sam McBratney, Illustration: Anita Jeram). Die Rollenzuschriften sind eindeutig. Häschen ist mit Entwerfen am Zug (hat Ideen), Hase, nicht gescheiter, aber grösser, nimmt den Ball auf und wirft eben weiter. How much? Von Kopf bis Fuss, von den Zehen- bis in die Fingerspitzen, über Fluss und Berg, soweit das Auge reicht . . . «bis zum Mond», sagt am Buchende schlaftrunken der Kleine. Und der Grosse, der noch wach ist, schmunzelt leise: «I love you right up to the moon and back.» Die deutsche Fassung von Rolf Inhausen verfälscht hier besonders krass: «Bis zum Mond und wieder zurück haben wir uns lieb» lässt er den Grossen betulich über dem schlafenden Kleinen sagen. Eben nicht! An keiner Stelle bietet das englische Original einen Anhaltspunkt für dieses pseudopädagogische «wir».
In «Herr Hase und das schöne Geschenk» von Maurice Sendak (Text von Charlotte Zolotow) treffen das Raten, die Zeichen und die Liebe in ähnlicher Weise zusammen. Ob der Griff nach dem Abstrakten den langgliedrigen Hasen besonders liegt oder dem Angelsächsischen? Es geht hier um die richtige Auswahl beim Schenken, ein Herzensanliegen, das ein artiges Sendak-Mädchen mit rosa Kleidchen und Hut aufs ernsthafteste mit dem Hasen bespricht. Vielleicht etwas Rotes? Etwas Gelbes? Etwas Blaues? Das Körbchen füllt sich mit Farben wie ein Osternest. 1969 erstmals deutsch erschienen, liegt das poetische Buch jetzt in einer Neuausgabe vor.
Anna Katharina Ulrich
Pressestimmen
"Ein Buch für Leute, die es satt haben, den Hasen umgeben von buntbemalten Eiern zu sehen." (Vorarlberger Nachrichten)
"Herr Hase und das schöne Geschenk ist ein in Bild und Text eigenständiges Bilderbuch, endlich eine Chance, Großmutters räudige Karnickel in die Flucht zu schlagen." (Die Zeit)
"Mit unaufdringlichen, aber sehr dichten Bildern illustriert Maurice Sendak die Erzählung. Herr Hase und das schöne Geschenk ist ein stilles Buch, das zum Nachdenken anregt. So ist das kleine Werk letztlich selbst ein schönes Geschenk - für kleine wie für große Betrachter." (Die Rheinpfalz)
"Eines der schönsten Hasenbücher der letzten hundert Jahre. Eine entzückende Geschichte, die ganz Pastell, ganz Sommer, ganz Märchen ist." (Der Bund)