Was für ein fulminanter Start! Politycki legt los, als wollte er sich für den Nobelpreis empfehlen: Mühelos gelingt ein pfiffiger Einstieg in die Story - ein Hauch von kubanischer schwarzer Magie trifft auf den etwas spießig wirkenden deutschen Protagonisten, der ohnehin reif für eine leicht verspätete Midlife-Crisis erscheint. Er verliebt sich spontan in eine Frau, die er nur kurz gesehen hatte. Sofort setzt er alles daran, diese Frau wieder zu finden, die von Geheimnissen und einer magischen Aura umgeben scheint. Überzeugende Figuren, ein schnell und raffiniert aufgebauter Spannungsbogen und noch dazu eine bildreiche, innovative Sprache. Wortgewaltig, mit faszinierenden Sprachbildern.
Aber dann! Schon nach etwa fünfzig (von 800!) Seiten beschlich mich ein Anflug von Sorge: Der wird doch nicht schon sein ganzes Pulver verschossen haben? Irgendwie verlor sich die Spannung ein wenig, die Sprache flachte ab, die Faszination der ersten Seiten war dahin.
Aus der Sorge wurde erst schrittweise Ungeduld: Jetzt muss doch wieder einmal etwas kommen! Dann Langeweile: Mach endlich voran, Politycki! Und am Ende Ärger: Warum habe ich das bis zum Schluss durchgestanden? Eigentlich hätte ich mir doch schon auf Seite 200 denken können, dass da nichts mehr kommt. Denn es kam bis zum bitteren Ende wirklich nichts mehr!
Um konkreter zu werden: Am Anfang bezieht das Buch seine Spannung aus rätselhaften düsteren Andeutungen aus Anspielungen auf die schwarze Magie und die Santeria, eine die in Kuba verbreitete afroamerikanische Religion, die katholische Elemente mit polytheistischen volkstümlicheren Elementen vermengt. Am Ende besteht das Buch fast nur noch aus sich geradezu quälend wiederholenden und unnötig detailreichen Beschreibungen, wie diese Religion angeblich praktiziert wird und wie sich der Protagonist schrittweise initiieren lässt. Der einzige Spannungsmoment bleibt dabei: Hilft die Santeria ihm, die gesuchte Frau zu finden, oder war die Frau nur ein Trugbild, das ihn in die Santeria ziehen soll, und bleibt er am Ende als Opfer der schwarzen Magie auf der Strecke.
Das ist viel zu dürftig, um 750 Seiten zu füllen. Dass dem Autoren zugleich die sprachliche Kraft ausgeht, erhöht die gähnende Langeweile noch.
Dennoch: Sollte Politycki es einmal schaffen, das Niveau der ersten Seiten über einen ganzen Roman durchzuhalten, wäre es wahrscheinlich sehr großes literarisches Kino!