Herr der Fliegen
sw, England 1963
Hervorragende Verfilmung des berühmten Romans von William Golding "Lord of the Flies".
Das Buch wurde zweimal verfilmt: 1963 in England von Peter Brooks und 1990 in USA von Harry Hook.
Vor einigen Jahren kaufte ich die DVD mit der neueren Fassung. Dieser Film ist sehenswert, gut gemacht, in Farbe. Aber ihm fehlt ein wenig der "Biss" der Buchvorlage. Natürlich war ich erfreut, dass nun die alte schwarz/weiß - Verfilmung als DVD vorliegt. Schon beim ersten Anschauen fiel mir auf, dass diese Fassung sehr viel werkgetreuer ist als der USA-Farbfilm.
Diese Rezension gilt der englischen Fassung von 1963 und bezieht sich auf die Meisterwerke Edition von 2007
Eine Gruppe englischer Schuljungen überlebt einen Flugzeugabsturz und kann sich auf eine unbewohnte Insel im Pazifischen Ozean retten. Kein Erwachsener überlebt.
Die Jungen versuchen, zivilisatorische Ordnungsprinzipien aufrecht zu erhalten. Als erstes wollen sie einen Anführer wählen. Jack, der älteste Junge und selbsternannte Sprecher eines "Knabenchors", hofft insgeheim, dass die Wahl auf ihn fallen würde. Er ist enttäuscht, dass ein anderer Junge, der eher bedächtige und umsichtige Ralph, gewählt wird. Er fügt sich trotzdem der Wahl.
Das Überleben auf der einsamen Insel ist zunächst fast problemlos zu bewältigen. Es gibt Trinkwasser, es gibt die verschiedensten Früchte in Hülle und Fülle, es gibt Fische, es gibt sogar wilde Schweine, die erlegt werden können. Jack entwickelt sich zum erfolgreichen Schweinejäger.
Ralph lässt Hütten bauen, erkundet die Insel, richtet einen Wachdienst für ein Signalfeuer ein. Er freundet sich mit einem dicken, kurzsichtigen Jungen an (von den Anderen "Schweinchen" genannt) Schweinchen ist ihm bei seiner Führungsrolle eine große Hilfe.
Der gute Anfang gerät aber nach und nach in eine Krise, als Jack mehr und mehr die Führung an sich reißt. Immer mehr Jungen schlagen sich auf Jacks Seite, sie nennen sich Jäger, vernachlässigen ihre Pflichten als Hüter des Feuers, feiern Feste und kümmern sich immer weniger um die von Ralph mühsam aufrecht erhaltene Ordnung. Diese Krise nimmt schließlich "diabolische" Formen an. Aus der Schweinejagd wird immer mehr ein blutiges Schlachten. Die Gemeinschaft zerfällt, Terror und barbarische Primitivität gipfeln bald in einem Machtrausch, der selbst vor Mord nicht zurückschreckt.
Im Buch wird ein Schweinekopf auf einen Holzspieß gesteckt. Er wird von Fliegen umkreist. Er ist der Herr der Fliegen. Simon, ein sehr zurückhaltender und ängstlicher Junge "unterhält" sich mit diesem Schweinekopf, der ihm zu verstehen gibt, dass die "Bestie", die die Jungen suchen, und vor der zumindest die Kleineren unter ihnen Angst haben, sie selber sind. Diese Szene kommt leider im Film viel zu kurz!
Golding kommt es offenbar darauf an, zu zeigen, dass der Mensch von Haus aus böse ist, und dass er nur durch gesellschaftliche Verhaltensweisen "gut" wird. Hier möchte ich sogar die Bibel zitieren: "Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf" (1.Mose 8,21). Die Richtigkeit dieser These wird durch das Filmende angedeutet, bei dem die Jungen beim Anblick von Marinesoldaten wieder in ihre angelernten Verhaltensmuster zurück finden.
Das beängstigende an diesem Gleichnis menschlicher Gesellschaft ist die Tatsache, dass die Jungen keineswegs Verbrecher oder Monster sind. Es sind Jungen, die in jeder Jungenklasse der zivilisierten Welt zu Hause sein könnten.
Brook wählte aus mehr als 3000 Kandidaten 30 Jungen aus, die mit wenigen Ausnahmen zuvor noch nie vor einer Kamera gestanden haben. Gedreht wurde auf einer Insel bei Puerto Rico, wo bei Improvisationen mehr als 60 (i.W. Sechzig) Stunden Filmaufnahmen entstanden sind, aus denen schließlich der 90-minütige Film geschnitten wurde. Das Resultat lässt sich sehen: Es wurden durchweg erstklassige Aufnahmen verwendet.
Eine großartige, sehr werkgetreue Verfilmung des Romans von William Golding. Das Bonusmaterial ist eher "mickerig", trotzdem ist der Film unbedingt kaufenswert.
Von mir bekommt er 5 Sterne.
eboku