Zeit ist ja bekanntlich relativ. Wer gerne und viel liest, der kann das am eigenen Leibe erfahren: Während die Stunden bei der Lektüre eines guten Buchs wie im Fluge vergehen, ziehen sich die Sekunden beim Lesen eines schlechten unerträglich in die Länge.
Der Herr Albert ist ein Buch der ersten Güteklasse. Es erzählt von der kleinen Esther, die zu ihrem 15. Geburtstag von ihrem Großvater ein Foto Albert Einsteins geschenkt bekommt. Den hat der Opa nämlich gekannt, als er in Princeton, USA, mit dem genialen Physiker befreundet war. Esther ist seit jeher von Einstein fasziniert gewesen -- auch wenn sie seine Ideen nie so richtig begriffen hat. Glücklicherweise gibt es Nils, der ebenfalls auf dem Foto neben Einstein zu sehen ist. Und der macht Esther Schritt für Schritt mit den revolutionären Ideen des "Herrn Albert" vertraut.
Währenddessen erfährt der Leser eine Menge zum Weltbild Galileis und Newtons, zur allgemeinen und speziellen Relativitätstheorie, zum Doppler-Effekt, dem Zwillingsparadox, den Tücken euklidischer Geometrie und der merkwürdigen Krümmung des Raums. Und wenn er dann zu Ende gelesen hat, dann merkt er verwundert, wie unglaublich schnell die Zeit in Relation zur Dicke des spannenden und informativen Buches vergangen ist. --Thomas Köster
Der Philosophieroman "Sofies Welt" von Jostein Gaarder eroberte 1993 auf Anhieb die Spitzenplätze der Bestsellerlisten. Nicht ohne Grund: In einer kunstvollen Konstruktion aus verschiedenen Erzählebenen und ineinander greifenden Handlungen lässt Gaarder die 14-jährige Sofie Philosophie erleben. Ein etwas trocken klingendes Thema hatte so einen breiten Leserkreis gefunden: Populärwissenschaft vom Feinsten.
Knapp zehn Jahre später versucht sich Frank Vermeulen an einer Nachahmung. Seine Esther ist ein Jahr älter als Sofie und lernt ein ähnlich schwieriges Gebiet kennen: die Relativitätstheorie. Offensichtlich will der Autor mit dem gleichen Trick wie Gaarder Leser erreichen, die zwar gerne anspruchsvoll lesen, aber reine Sachbücher zu langweilig finden.
Esthers Lehrmeister sind ihr Großvater, den sie tagsüber besucht, und eine Traumgestalt namens Nils, die ihr nachts auf dem Porträt Einsteins erscheint, das sie zu ihrem 15. Geburtstag geschenkt bekommen hat. Esther brennt darauf zu verstehen, was das Besondere an Einsteins Theorie ist. Leider muss sie dazu aber erst die Grundlagen kennenlernen. Geduldig erklären ihr Nils und der Großvater die Fallgesetze Galileis, die Newtonsche Mechanik und den Begriff des Inertialsystems. Etwa in der Mitte des Textes lernt Esther die spezielle Relativitätstheorie und im letzten Fünftel sogar die allgemeine kennen.
Die Dialoge drehen sich zu einem großen Teil um die Gedankenexperimente, die zu den Relativitätstheorien führen: lange, schnell fahrende Züge und Beobachter am Bahnsteig, die Lichtsignale aussenden; fallende Aufzüge und beschleunigende Raketen im Weltall. Am Ende bemerkt Esther, dass sie auf diese Weise tatsächlich Einsteins Physik verstehen kann.
Gilt das auch für den Leser? Vermutlich nicht. Wahrscheinlich hält er gar nicht bis zur Mitte des Buches durch. Zu schwach ist die Rahmenhandlung, zu sehr liest sich das Buch als Physiksachbuch und zu wenig als Roman. Der Autor versäumt es, neben der Physik einen zweiten thematischen Bogen zu spannen. Obendrein wirken die Gespräche gekünstelt. So stellt Esther immer gerade die weiterführenden Fragen, die ein Lehrer sich wünschen würde. Und die Kernaussagen der Quantenphysik akzeptiert sie nach einer schlichten halben Seite Text. So bleibt dem Leser nur, staunend Esthers "Albertisierungsprozess" zu verfolgen - was zugleich auch das Unwort des Buches ist.
Auch der hartnäckige Albert-Fan wird seinen Entschluss weiterzulesen doch noch einmal überdenken, wenn er auf die in den Fließtext eingearbeiteten mathematischen Herleitungen stößt. Nichts gegen E=mc2; diese Formel gehört in ein Buch über die Relativitätstheorie und wird vom Autor auch gut erklärt. Aber: "Der Wert
ist demnach (7T)2-(7*0.99cT)2/c2
Wir können durch c kürzen, 72 nach vorne bringen, und es bleibt übrig: T272 (1-0.992). Und das ist tatsächlich gleich T2,
denn 7 ist eigentlich 7.0888." Wem soll eine solche Textpassage etwas bringen?
Die Handskizzen, die illustrieren sollen, was Einstein in Gedanken durchspielte, ähneln fatal den mehr erschreckenden als erklärenden Tafelbildern aus dem Physikunterricht. Manchmal sind sie nicht nur lieblos, sondern auch didaktisch ungeschickt, etwa wenn eine Sonne in einem Koordinatensystem dreißig Meter neben den Ursprung gezeichnet wird und aus dem Text nicht unmittelbar hervorgeht, dass es sich nicht um die echte Sonne handelt, sondern nur ein Punkt durch Strahlen grafisch hervorgehoben wurde.
Fachlich irrt sich Vermeulen in einigen Punkten: Es gibt im Universum sehr wohl ein gegenüber allen anderen ausgezeichnetes Bezugssystem, nämlich das, in dem die Hintergrundstrahlung isotrop erscheint. Es ist auch unpräzise, wenn Nils behauptet: "Der Beobachter im fahrenden Zug sieht, dass die Messlatte des ruhenden Beobachters kürzer ist als seine eigene." Um zu wissen, was ein Beobachter sieht, muss man neben der Längenkontraktion auch die endliche Ausbreitungsgeschwindigkeit der Sehstrahlen berücksichtigen, was kombiniert einen Gegenstand gedreht und nicht verkürzt aussehen lässt. Der Tübinger Astrophysiker Hanns Ruder hat dies in zahlreichen Computeranimationen verbildlicht und gezeigt, dass ältere Darstellungen zur Längenkontraktion irreführend sind.
"Der Herr Albert" verbraucht eine gute Idee. Anders umgesetzt hätte sie gute Chancen gehabt, viele Leser zu begeistern, wie "Sofies Welt" beweist. Vermeulens Nachahmung bleibt weit hinter dem Original zurück. Rezensent: Stefan Gillessen