|
|
88 von 93 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Psychologie der Heldenfahrt, 10. Juli 2003
Die Frage, wer oder was eigentlich ein Held sei, geistreich zu beantworten, dürften nur wenigen leichtfallen. In den Augen vieler sind dazu vor allem Hollywood-Charaktere auserlesen, während die Heldentaten des wirklichen Lebens vor allem auf den Titelseiten der Boulevardzeitungen zu finden zu sein scheinen.Ganz anders Joseph Campbell in seinem bahnbrechenden Werk DER HEROS IN TAUSEND GESTALTEN: Campbell untersucht darin Mythen aus aller Welt, um sie auf gemeinsame Motive und Grundstrukturen abzuklopfen. Der Heros ist ein Individuum, das außerhalb der Gesellschaft steht, und sich auf die Reise begibt, um zu suchen, woran es der Gesellschaft fehlt. Immer geht der Heldenfahrt ein empfundener Mangel oder ein Zusammenbruch der vertrauten Lebensbedingungen hinaus. Der Heros bricht auf, um jenes Lebenselixier zu finden, durch welches das gestörte Gleichgewicht wiederhergestellt werden kann. Symbolisiert werden kann das Elixier durch einen Gegenstand - einen Ring etwa, oder, wie im Falle Jasons und der Argonauten, ein Widderfell -; Tatsächlich handelt es sich aber häufig um ein psychologisches Ziel, eine Erkenntnis oder einen Reifeprozeß. Campbell weist in seinem 1949 erstmals erschienenen Werk (THE HERO WITH A THOUSAND FACES) nach, daß bestimmte Grundsituationen und archetypische Figuren in Mythen und Geschichten aus aller Welt auftauchen. Ihre Gemeinsamkeit beruht auf der Allgemeingültigkeit bestimmter psychologischer Grundsituationen. Zwischen Geburt und Tod durchläuft der Mensch verschiedene Phasen, deren Bewältigung durch Initiation und psychologische Transformation geleistet wird - oder scheitern muß. Für den jungen Menschen gilt es leben, für den alten sterben zu lernen. Damit erstreckt sich die Psychologie der Heldenfahrt auch auf spirituelle und transzendente Bereiche, gleichwohl im Vordergrund die Bewältigung handfester psychologischer Grundsituationen stehen mag. Der besondere Wert von Campbells Modell des "Monomythos", wie der Autor den in allen aufgeführten Geschichten identischen Kerngehalt nennt, liegt in der psychologischen Relevanz von Campbells weitgehend tiefenspsychologisch gewonnenen Erkenntnissen. Die Heldenfahrt, wie sie sich im Weltgeschichtlichen oder in der epischen Erzählung im Großen vollzieht, spielt sich im Kleinen auch im Leben des modernen Individuums ab, dem Campbells ideenreiche mythologische Untersuchung somit als Orientierungshilfe jenseits fragwürdiger therapeutischer oder esoterischer Moden dienen kann. Jene Hollywoodfilme, auf die eingangs angespielt wurde, beruhen im Übrigen tatsächlich häufig auf dem von Campbell vorgestellten Modell psychologisch wirksamer Geschichten, das sich eben nicht nur für psychologische und spirituelle, sondern auch für dramaturgische Zwecke nutzbar machen läßt. Das berühmteste Beispiel einer filmdramaturgischen Umsetzung von Campbells Ideen stellen nach wie vor George Lucas' STAR WARS - Filme dar. Erfreulicherweise unterhält die Joseph Campbell Foundation (deren berühmtestes Mitglied niemand anderes als George Lucas ist und die u. a. den schriftstellerischen Nachlaß des Autors betreut) nicht nur ein weltweites Netz von mythologischen Gesprächskreisen ("Mythological RoundTables"), sondern auch ein deutschsprachiges Internet-Diskussionsforum, so daß die in Büchern wie DER HEROS IN TAUSEND GESTALTEN vermittelten Ideen auf gänzlich unideologische Weise zwanglos mit anderen Lesern und Interessierten diskutiert werden können. Dem Anfänger sei, bevor er sich auf die Lektüre des umfassenden und anspruchsvollen Werkes einläßt, vom selben Autor zur Einführung DIE KRAFT DER MYTHEN, sowie ferner DAS BIST DU empfohlen.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|