Aus der Amazon.de-Redaktion
Es ist nicht der Berliner Arzt am Urban Krankenhaus in Kreuzberg, Michael de Ridder, der so hart urteilt. Doch diese Schlussfolgerung muss der geneigte Leser nach der Lektüre seines Buchs Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge ziehen. Denn die Geschichte, die es vom Arzneimittel Heroin erzählt, das 1897 von den Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co. als Medikament zur Therapie von Atemwegserkrankungen und als Ersatz für das abhängig machende Schmerzmittel Morphin entwickelt wurde, ist zugleich die Geschichte darüber, mit welcher Chuzpe, etwa dem Kauf positiver wissenschaftlicher Gutachten, das patentrechtlich nicht geschützte Diacetylmorphin unter dem Markennamen Heroin zu einem der gewinnträchtigsten Markenartikel des Hauses aufgebaut und weltweit vermarktet wurde. Die Geschichte entspricht damit voll und ganz dem heutigen Pharmamarketing. Die um 1930 abgeschlossene Transformation des Arzneimittels zur Droge ist allerdings nicht den fahrlässigen Verkaufsmethoden der Pharmaindustrie gedankt. Sie ist eine Schöpfung der amerikanischen Drogenpolitik zu Beginn des Jahrhunderts. Da ist de Ridder ganz klar. Bei oraler Einnahme ist das Suchtpotenzial gering und selbst bei intravenöser Aufnahme wird es weit überschätzt. Heroin ist nicht ungesund. Es verändert nicht das Erbgut, erzeugt keinen Krebs und ist auch bei Dauergebrauch nicht giftig. Allerdings scheint es die Funktion des Zentralnervensystems zu verändern, womit die bekannte, schwierige Entwöhnung zusammenhängt. Daher spricht alles dafür Schwerstabhängige mit Heroin zu versorgen. In Großbritannien, wo Heroin noch heute legal hergestellt wird, bewährt es sich weiterhin bei der Schmerztherapie von Schwerstkranken und Sterbenden. --Brigitte Werneburg
Pressestimmen
28.07.2000 / Freitag: Geschichte des Heroins "Eine Stimme der Vernunft und der Rationalität: De Ridders Buch ist eine sehr kluge und deeskalierende Zusammenfassung der Faktenlage."
Kurzbeschreibung
Der Verlag über das Buch
Wenn heute im öffentlichen Diskurs von Heroin die Rede ist, ist nicht nur eine Droge gemeint, deren Herstellung, Vertrieb und Erwerb kriminalisiert und deren Konsum wie kaum eine zweite mit süchtigem Verhalten assoziiert ist. Heroin erscheint vielmehr als Inbegriff für Tod, Krankheit, Verelendung und Delinquenz - Heroinkonsum steht geradezu paradigmatisch für abweichendes, gesellschaftlich nicht akzeptiertes Verhalten, das unter keinen Umständen toleriert wird.
Dass Heroin jedoch nicht als Droge in die Welt kam, sondern 1898 als Arzneimittel zur Therapie von Atemwegserkrankungen von den Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co. entwickelt wurde und über Jahrzehnte ein geschätztes Medikament war, ist kaum bekannt. Anhand bisher unbekannten Quellenmaterials dokumentiert Michael de Ridder erstmals die Geschichte dieser janusköpfigen Substanz, ihre Bedeutung als Arzneimittel und ihre Transformation zur Droge. Er stellt die Umstände seiner Erfindung und Markteinführung dar, das Ausmaß seiner legalen und illegalen Herstellung durch die pharmazeutische Industrie, seine therapeutischen Indikationen, seine pharmakologische und klinische Bewertung in Vergangenheit und Gegenwart sowie Bedingungen und Prozess seiner Stigmatisierung als Droge schlechthin.
Das Buch will zur Versachlichung der drogenpolitischen Debatte um die heute in den meisten Staaten illegale Pharmadroge Heroin beitragen. Ihre legale Verfügbarkeit wird auch hierzulande von manchen Ärzten, Politikern und Drogenexperten gefordert, um auf anderen Wegen nicht erreichbare Opiatabhängige für medizinische und psychosoziale Hilfen zu öffnen und die gesellschaftlichen Lasten des Drogenproblems zu mildern. De Ridder korrigiert das Klischee einer Droge, deren Dämonisierung die generelle Suchtproblematik innerhalb unserer Gesellschaft verzerrt und Strategien für eine nachhaltige Bewältigung des Heroinproblems entgegenwirkt.
Der Autor
Michael der Ridder ist Internist und Oberarzt der Aufnahmestation im Krankenhaus Am Urban, Berlin-Kreuzberg und Initiator mehrerer innovativer Drogenprojekte. Er ist außerdem Lehrbeauftragter für Medizinsoziologie und Public Health an der FU und TU Berlin.